150 Jahre Kunstgewerbemuseum und Kunstbibliothek: Nie mehr stilunsicher gegenüber Frankreich!

150 Jahre, auch gemeinsame: Kunstbibliothek und Kunstgewerbemuseum feiern. Die Direktoren Sabine Thümmler und Joachim Brand über deutschen Ungeschmack, große Erwerbungsgeschichten und ewige Umzüge.

Interview: Gesine Bahr-Reisinger

Zwei Geburtstage, aber eigentlich eine gemeinsame Geburtsurkunde. Frau Thümmler, Herr Brand, wie wurden Ihre Häuser was sie sind?
Sabine Thümmler (ST): Das Kunstgewerbemuseum ist mit einer Schule und einer Bibliothek zusammen gegründet worden. Der Blick damals ging nach England, das große Vorbild war das Victoria and Albert Museum in London. Man wollte ein Lehrinstitut, um Frankreich gegenüber nicht mehr länger stilunsicher zu sein. Und natürlich ging es auch um Wirtschaftsförderung. England lag vorn, auch im Know how. In beiden Ländern herrschte ein gewisser „Ungeschmack“. Damals wurden die abenteuerlichsten Dinge produziert: Kohlenkastenottomanen, maschinengeschnitzte gotische Lettern, dekorierte Dampfmaschinen, Blüten mit Gaslicht. Der Kampf gegen die Stilunsicherheit führte dazu, dass man den Nachwuchs, womit Fabrikanten, Handwerker und auch das Publikum gemeint war, zu erziehen gedachte.

Mit welchem Erfolg?
Joachim Brand (JB): Man gründete ein Deutsches Gewerbemuseum. Im Grunde war das ein bürgerlicher Verein liberaler Unternehmer, die mit anderen Techniken in der Handwerkerausbildung zu neuen Produkten kommen wollten. Das war in der Hochphase des Historismus und die Bewegung hin zum Kunstgewerbemuseum ging dann relativ schnell. Knapp 20 Jahre später wurden sie in die preußischen Staatsmuseen eingegliedert.
ST: Der Schulunterricht wurde dann jedoch ausgegliedert. Ich zweifle ja etwas daran, dass man Geschmack schulen kann.
JB: Naja, Gewerbe meint natürlich auch den Unterschied zum traditionellen Handwerk. Dieser Tisch, an dem wir sitzen, ist ein Unikat des Handwerks. Das Gewerbe stellt so etwas in Serie her. Für den frühen Kapitalismus ist das ein ganz entscheidender Unterschied.
ST: Es gibt es auch noch den Begriff der Kunstindustrie, also die Frage: Was ist Handwerk, was Manufaktur? Natürlich kennen wir viele handwerklich hergestellte Objekte, die aber auch in Serie gegangen sind. Nicht jedes davon ist ein Unikat.
JB: Vergessen Sie nicht das Zunftwesen! Das heißt, die Handwerker waren Handwerksmeister, die den Betrieb führten und in Zünften organisiert waren.
ST: Genau, und als sich die Zünfte auflösten, gab es plötzlich keine Ausbildung mehr. Frankreich hatte dagegen mit den Hofkünstlern einen sehr guten Ausbildungsunterricht im Design schon im 18. Jahrhundert. Das hat man in Deutschland vermisst. Als dann hier die Gewerbeschulen Einzug hielten, unterrichteten dort speziell ausgebildete Leute. Vorher hatten das meist Pfarrer in Abendschulen getan.
JB: Die drei Einrichtungen gingen bald sehr eigene Wege. Das Kunstgewerbemuseum orientierte sich immer stärker in Richtung Museum, die Unterrichtsanstalt immer mehr in Richtung Ausbildungsinstitution und die heutige Kunstbibliothek wurde auch immer größer und immer selbständiger. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden sie auch institutionell vollkommen voneinander abgetrennt.

Eingang zum Kunstgewerbemuseum am Kulturforum
Eingang zum Kunstgewerbemuseum am Kulturforum © Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker
Gebäude der Kunstbibliothek und des Kupferstichkabinetts am Kulturforum
Gebäude der Kunstbibliothek und des Kupferstichkabinetts am Kulturforum © Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker

Was ist mit der Kunstbibliothek? Was macht sie so einzigartig?
JB: Sie ist einzigartig wegen dieser verwickelten Geschichte. Am Anfang war es eine Vorlagen- und Lehrsammlung, die den Zweck hatte, Vorlagen zum Abpausen bereitzustellen. Zu uns kamen wirklich Handwerker, die diese großformatigen Vorlagen abgezeichnet haben, um dadurch Inspiration für eigene Produkte zu bekommen. Dann fing man in den 1880er Jahren mit dem Sammeln an. Eine weltweit wirklich bedeutende Sammlung von Ornamentstichen kam zusammen, und zwar vom Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Das waren im Prinzip die Vorlagen, die in der Handwerker- und Künstlerausbildung eine große Rolle gespielt hatten. Man hat sie erworben, um sich einen historischen Background zu besorgen. In den fünfundzwanzig Jahren, als Kunstbibliothek und Kunstgewerbemuseum gemeinsam im heutigen Martin-Gropius-Bau residierten, haben beide Institute eine absolut unvergleichliche Entwicklung genommen. Es wurde alle fünf Jahre eine bedeutende Sammlung akquiriert. Ich erinnere nur an das Jahr 1899, als mit der Sammlung von Franz und Frieda von Lipperheide ein sehr besonderes und ziemlich singuläres Konvolut zur Kostümgeschichte und Mode dazukam. 1905 wurde eine sehr bedeutende Sammlung zur klassischen Buchkunst von 1450 bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts erworben. Und zwar von dem Architekten Hans Grisebach, der für sich selbst die Villa Grisebach als Atelier und Wohnhaus gebaut hat. Diese Grisebach- Sammlung zur Buchkunst hatte im Grunde den gleichen Zweck, wie alle Sammlungen, historische Vorbilder für das buchkünstlerische Schaffen bereitzustellen. Hinzu kamen dann noch Sammlungen von Architekten wie Joseph Maria Olbrich oder bedeutende Konvolute zur Geschichte der Photographie. Aus heutiger Sicht eine unfassbare Erwerbungsgeschichte! Man muss dazu sagen, dass es eine kurze Geschichte war, denn die beginnende Moderne hat natürlich ziemlich stark aufgeräumt mit dem Historismus, der plötzlich als „minderwertig“ galt. Das heißt: Unsere Vorgänger haben ziemlich schnell riesige Sammlungen zusammengetragen, die aber genauso schnell wieder völlig in Vergessenheit gerieten. Die Kunstbibliothek musste sich in den 1920er Jahren wieder völlig neu ausrichten: Fotographie und Neue Sachlichkeit.

Übernächstes Jahr steht für Ihre Einrichtungen wieder ein Jubiläum an: 100 Jahre Bauhaus. Was ist geplant?
JB: In der Kunstbibliothek haben wir viel Publizistisches zum Bauhaus, auch unbekannte Dinge. Wir starten jetzt ein Forschungsprojekt zum Möbeldesign von Erich Dieckmann, der eine Zeitlang am Bauhaus Weimar tätig war, bevor er an die Burg Giebichenstein nach Halle ging. Es gibt tausend Zeichnungen im Nachlass, die eigentlich niemand kennt. Also: Wir machen unbekanntes Bauhaus.
ST: Dieckmann haben wir auch.
JB: Ein paar Stühle, oder?
ST: Ja, und eine Uhr.
JB: Ach, das ist ja schön.

Aber zurück zu Ihrem Jubiläum. Was schenken Sie sich selbst?
JB: Wir wollen zum Jubiläum im nächsten Jahr mit der Technischen Universität ein Seminar zum Thema „Vorbilder, Sammlungen“ und „Sammlungen von Vorlagen“ als Kategorie der Museumsgeschichte machen. Die Frage ist, was sagen uns diese Sammlungen heute noch, wie gehen wir damit um, wie kann man sie für die Wissenschaft fruchtbar machen und was hat die Allgemeinheit davon?Wortmarke 150 Jahre Kunstgewerbemuseum
ST: Wir bereiten einen Reigen vor und fangen jetzt mit einer Ausstellung zu Moritz Meurer, Karl Blossfeldt & Co. an. Damit gehen wir auf unsere Ursprünge zurück, als Schule, Bibliothek und Museum noch zusammen waren. Wir zeigen Moritz Meurer als Kunstgewerbeschullehrer, der ein umfassendes Lehrprogramm entwickelt hatte. Es ging ihm zum Beispiel um die strukturelle Erfassung der Pflanze, ihre Beweglichkeit, ihr Wachstum. Daraus sollte ein neuer Stil entstehen. Moritz Meurer war jemand, der diese Pflanzenschullehre zu einem Endpunkt gebracht hat. 1909 war sein letzte große Veröffentlichung. Seine Vorlagenwerke liegen auch in der Kunstbibliothek. Wir zeigen diese ornamentalen Vorlagenwerke mit dieser Pflanzenauswahl mit Objekten, die wir hier im Haus haben. Zudem widmen wir uns seinem Lehrkonzept und der Frage, wie botanisch war er eigentlich? Hat er mit den Botanikern der Zeit zusammengearbeitet? Hatte er nicht auch Vorlagenbücher? Es gibt von ihm Lehrtafeln, Zeichnungen, Bronzeplastiken von einzelnen Blättern, auch Galvanoplastik und Fotographien. Und diese Bronzemodelle und auch die Fotographien hat zum Teil Karl Blossfeldt gemacht. Weil seine Schule mit der Universität der Künste ja noch existiert, haben wir Studierende gebeten, Pflanzen zu zeichnen, zu filmen usw. Zum Jubiläum zeigen wir auch eine kleinere Ausstellung über unsere Schatzhäuser – von der ersten Notunterkunft im Gropiusschen Diorama, in Räumen der alten Königlichen Porzellanmanufaktur Nähe Leipziger Straße, über den heutigen Martin Gropius-Bau, das Berliner Stadtschloss, wo die prächtige Ausstattung mit der Sammlung des Kunstgewerbemuseums zusammen gezeigt wurden, die geteilte Nachkriegszeit im Schloss Charlottenburg und im Schloss Köpenick bis zum endgültigen Standort am Kulturforum. Wobei Köpenick ja unser „Außenposten“ geblieben ist. Wenn man so will hat die Veränderung dem Kunstgewerbemuseum immer gut getan. Das wird auch so bleiben.

Titelfoto: Sabine Thümmler, Direktorin des Kunstgewerbemuseums Berlin und Joachim Brand, Kommissarischer Direktor der Kunstbibliothek. © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Der Lichthof des Kunstgewerbemuseums im Martin-Gropius-Bau, Lorenz Ritter, 1881, Radierung © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum
Der Lichthof des Kunstgewerbemuseums im Martin-Gropius-Bau, Lorenz Ritter, 1881, Radierung © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum

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