50 Jahre Neue Nationalgalerie: Kein Ort für Beliebigkeit

Die Neue Nationalgalerie wird 50 Jahre. Das Gebäude gilt nicht nur als Vermächtnis des großen Ludwig Mies van der Rohe, es hat auch als Museum eine bewegte Geschichte hinter sich. Wir trafen Leiter Joachim Jäger zum Gespräch über Vergangenheit und Zukunft eines besonderen Hauses.

Interview: Sven Stienen

Ludwig Mies van der Rohe ist einer der bedeutendsten deutschen Architekten. Welchen Platz nimmt die Neue Nationalgalerie in seinem Gesamtwerk ein?
Joachim Jäger: Die Neue Nationalgalerie ist das letzte Gebäude, das Mies noch selbst von A bis Z, von den ersten Entwürfen bis zum Bau betreut hat. Viele sagen, es sei sein Vermächtnis – auch, weil das Haus mit der großen oberen Halle Mies‘ Ideen des offenen Raumes auf den Punkt bringt. Das war ein Thema, das ihn von Anfang an beschäftigt hat: Wie öffnet man Gebäude und initiiert den Dialog zwischen Innen und Außen? Er ging dieser Frage erstmals in den 1920er Jahren mit seinem berühmten Barcelona Pavillon nach und sie taucht dann in Chicago wieder auf, wo Mies nach seiner Bauhauszeit ab 1939 war und an verschiedenen großen, rechteckigen oder quadratischen Räumen arbeitete. Die Neue Nationalgalerie bildet mit ihren klaren Proportionen und der Betonung der Offenheit den Endpunkt dieser Auseinandersetzung. Sie kann daher durchaus als Mies‘ Vermächtnis und als ein sehr bedeutendes Gebäude betrachtet werden.

Hat dieses Gebäude mit seinem starken Charakter, das im Grunde selbst den Status eines Kunstwerks beanspruchen kann, im Verhältnis zu der in ihm gezeigten Kunst auch eine eigene Rolle gespielt?
Immer. Von Anfang an waren einige Kommentatoren der Ansicht, man könne in dem Haus eigentlich gar nicht ausstellen. Zur Eröffnung 1968 schrieben Zeitungen, dass die Halle viel zu groß für Kunst sei. Das hat sich inzwischen geändert, weil die Formate heute andere sind und die Künstlerinnen und Künstler es gewohnt sind, in situ zu arbeiten und ihre Werke für eine bestimmte Ausstellungssituation zu entwickeln. Aber Mies und seine Halle sind immer präsent, wenn wir hier Ausstellungen machen. Die Neue Nationalgalerie ist kein Ort, an dem man jede x-beliebige Ausstellung machen kann – man muss ganz gezielt auf den Ort eingehen und dafür konzeptionieren. Damit müssen auch die Künstler umzugehen wissen – es gab in den 50 Jahren seit der Eröffnung durchaus Ausstellungen, die von dem Raum verschluckt wurden …

Fotomappe Reinhard Friedrich, Neue Nationalgalerie
Fotomappe Reinhard Friedrich, Neue Nationalgalerie

Welche Bedeutung hatte die Neue Nationalgalerie in den letzten 50 Jahren als Museum?
Die Neue Nationalgalerie war immer ein wichtiger Player in der Stadt und ist es auch heute noch. In den ersten Jahren war das Haus noch eher ein Veranstaltungsort neben vielen anderen in Westberlin, es gab hier große Jazzfestivals und andere Events. Nach der Wende gab es plötzlich viel mehr Orte für solche Veranstaltungen und die Neue Nationalgalerie entwickelte sich stärker zu einem reinen Kunst-Ort. Gleichzeitig wuchs der Mythos und es wurde immer deutlicher, was für ein Architekturdenkmal sie eigentlich ist. Früher fanden hier auch Veranstaltungen statt, die eigentlich keine Verbindung zu Mies und dieser Halle hatten; später ist sehr viel bewusster damit umgegangen worden und die Neue Nationalgalerie wurde zu einer Spielstätte der Moderne und der zeitgenössischen Kunst.

Derzeit wird die Neue Nationalgalerie umfassend saniert – warum geschieht dies jetzt, 50 Jahre nach der Eröffnung?
Die Sanierung war notwendig geworden, weil das Gebäude seine Laufzeit ausgereizt hatte. Millionen von Menschen haben dieses Haus besucht und genutzt, das spürte man am Teppich, an den Garderoben oder an der Klimaanlage, die nicht mehr richtig funktionierte. Die technischen Gründe für die Schließung lagen aber im veralteten Brandschutzkonzept und weiteren allgemeinen Sicherheitsaspekten: Es war an der Zeit, hier nachzurüsten. Bei den Vorbereitungen wurde uns schnell klar, dass diese Sanierung nicht punktuell sein konnte, sondern eine Grundinstandsetzung sein musste.

Welches sind die wichtigsten Neuerungen?
Die wesentlichen Änderungen bestehen darin, dass das Gebäude technisch wieder auf einen aktuellen Stand gebracht wird, wobei wir versuchen, denkmalgerecht vorzugehen. So bauen wir die Technik größtenteils versteckt ein und die Neue Nationalgalerie wird nach Abschluss der Sanierung im Großen und Ganzen so aussehen, wie man sie kennt. Neben der technischen Erneuerung und der Herstellung heutiger Sicherheitsstandards wird es für uns Museumsleute auch erhebliche Verbesserungen hinter den Kulissen geben. In der Bauzeit des Hauses waren die restauratorischen und konservatorischen Auflagen im Umgang mit der Kunst andere als heute, außerdem wechselten die Ausstellungen damals nicht so häufig. Für unsere heutige Art zu arbeiten, mit großen Transporten, Klimakisten und umfassender restauratorischer Betreuung, braucht man einfach andere Räumlichkeiten und Infrastrukturen. Die werden wir nun bekommen, ohne dass dabei in den historischen Bestand zu stark eingegriffen wird. Für die Besucher werden nach der Sanierung wohl die großen neuen Garderoben am stärksten sichtbar sein.

Joachim Jäger während der Sanierung auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, David von Becker
Joachim Jäger während der Sanierung auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, David von Becker

Der Ausstellungsbetrieb in der Neue Nationalgalerie pausiert nun seit 2015 – was machen Sie und Ihr Team, während das Museum geschlossen ist?
Zunächst muss man wissen, dass das Kernteam der fest angestellten Personen in der Neuen Nationalgalerie sehr klein ist: Es gibt neben mir als Leiter noch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter und eine Restauratorin sowie unser Sekretariat. Diese wenigen Personen sind gut ausgelastet: Wir beschäftigen uns intensiv mit der Sammlung und erstellen derzeit einen Bestandskatalog von 1905 bis 1945. Außerdem war es uns von vornherein wichtig, die Sammlung der Neue Nationalgalerie auch während der Sanierung präsent zu halten. Wir haben auf Einladung von Udo Kittelmann, dem Direktor der Nationalgalerie, eine neue Galerie im Hamburger Bahnhof gegründet und dort einige durchaus aufwändige Ausstellungen gemacht. Auch der weltweite Leihverkehr läuft weiter und beschäftigt uns. Zu guter Letzt haben wir eine große Publikation zu 50 Jahren Neue Nationalgalerie vorbereitet. Darin arbeiten wir auf, welche Ausstellungen es hier eigentlich seit der Eröffnung gegeben hat, aber auch, was sich im Ausstellungsmachen über die Jahre verändert hat. Die bisher unveröffentlichten Fotografien aus unserem Archiv zeigen, dass sich tatsächlich ziemlich viel verändert hat.

Die Neue Nationalgalerie 50 Jahre nach dem Richtfest 1967. © Staatliche Museen zu Berlin / schmedding.vonmarlin.
Die Neue Nationalgalerie 50 Jahre nach dem Richtfest 1967. © Staatliche Museen zu Berlin / schmedding.vonmarlin.

Das Ende der Sanierung rückt in greifbare Nähe. Gibt es schon konkrete Pläne für die Zeit nach der Wiedereröffnung? Wohin wird die Reise in den nächsten 50 Jahren gehen?
Das lässt sich schwer voraussagen, aber der Anfang ist klar: Wir wollen mit unserer klassischen Moderne wieder im Stadtbild präsent sein. Wir werden oft gefragt: „Wo sind die Expressionisten?“ – Die werden dann hier im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie zu sehen sein. Auch unsere große Sammlung der Kunst der Nachkriegszeit aus Ost und West wollen wir wieder zeigen.
Mit der oberen Halle wollen wir außerdem eine Bühne bieten, die offen einsehbar ist – so wie eine gigantische Stadtvitrine. Dort werden wir Wechselausstellungen machen, in denen wir zum Beispiel Künstlerinnen und Künstler an diesem prägnanten Ort besonders ehren, aber auch auf aktuelle Diskurse reagieren und uns ins Stadtgeschehen einmischen. Wir sind da ganz offen. Ich glaube, gerade die obere Halle wird sich in ihrer Erscheinung regelmäßig verändern, je nachdem, welchen Kuratorinnen und Kuratoren dort gerade tätig sind. In den kommenden Jahrzehnten werden wir natürlich riesige Entwicklungen erleben und auch eine Vielfalt an Themen und neuen Künstlerinnen und Künstlern, die gar nicht vorherzusehen ist. Eines ist aber sicher: Die nächsten 50 Jahre in der Neuen Nationalgalerie werden mit Sicherheit spannend bleiben.

Titelbild: Juliane Eirich

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