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Grundschüler lernen Kulturgüter aus dem alten Babylon kennen – im Vorderasiatischen Museum, in der Schule und im eigenen Kiez. Die Archäologin Sabine Böhme verrät, wie sie die Kinder im Projekt „Gartenzwerg trifft Nebukadnezar“ für die archäologische Spurensuche begeisterte und warum kulturelle Bildung Berlin gut tut.

Interview: Silvia Faulstich

„Gartenzwerg trifft Nebukadnezar“ – Frau Böhme, wie kamen Sie zu diesem Projekttitel?

Sabine Böhme: Nahe der Carl-Kraemer-Grundschule (CKS) im Wedding mit ihrer „multinationalen“ Schülerschaft befindet sich eine typische Berliner Schrebergartenkolonie. Die Kinder kennen die Kolonie gut. Dadurch kamen mir die Gartenzwerge in den Sinn.

Zumindest der Legende nach soll Nebukadnezar der Initiator der „Hängenden Gärten von Babylon“ gewesen sein, einem der antiken Weltwunder. Die Figur des Gartenzwergs und die des babylonischen Königs Nebukadnezar aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. veranschaulichen für mich zwei unterschiedliche Kulturen, die unter anderem die Leidenschaft für den Garten bzw. das Gärtnern teilen.

Was wollten sie mit diesem Projekt erreichen und was waren die Ziele der Schule?

Mir ging es darum, Archäologie und archäologische Methoden für Grundschüler, Lehrer und auch für die Eltern in Szene zu setzen und Freude am Suchen, Forschen, und – ganz wichtig – an der Beschäftigung mit den Objekten im Museum zu vermitteln.

Die Ziele der Schule waren vielfältig. Die CKS ist eine kunstbetonte Ganztagsschule und das kommt natürlich in der Auseinandersetzung mit den Objekten im Museum gut zum Tragen. Daneben möchte die CKS die Schüler und Schülerinnen über selbstbestimmtes Lernen an Themen heranführen, die zuhause eher selten bedient werden.

Wie haben Sie das Museum mit der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler verbunden?

Schon der Aufbau des Projektes ist darauf angelegt. Es ging in die Schule, in Gärten im direkten städtischen Umfeld und ins Museum. Das erste Ziel und eine erste Station war: Die Wissenschaft − also die Archäologin − kommt in die Schule. Die Präsenz von jemandem „Externen“ im Schulalltag bietet einige Chancen. Meine Tätigkeit als Archäologin erhält quasi „ein Gesicht“. Mit dabei war der „Archäologenkoffer“. Sein Inhalt illustriert nicht nur mich und meine Tätigkeiten auf einer Ausgrabung, sondern stellt auch eine Verbindung zum Museum her.

Der ‚Archäologenkoffer‘. Mit dabei: Sonnenschutz, Kopfbedeckungen wie Turbane, Fossilien, Karten, Modelle, Restauratoren-Handschuhe. Foto: Anke Fischer
Der ‚Archäologenkoffer‘. Mit dabei: Sonnenschutz, Kopfbedeckungen wie Turbane, Fossilien, Karten, Modelle, Restauratoren-Handschuhe. Foto: Anke Fischer

Danach begrüßte ich die Schülerinnen und Schüler in der nächsten Phase im Vorderasiatischen Museum: Es ging zum Ischtar-Tor, zur geografischen Karte Mesopotamiens, zur „Prunk“- Keilinschrift neben dem Tor, in der Nebukadnezar darlegt, was er in Babylon geschaffen hat, zur Prozessionsstraße samt Modellen, sowie zu Gräbern und glasierter Grabkeramik.

Wir haben die Kinder ermutigt, dabei die Objekte zu zeichnen und zu beschreiben. Das schult die Wahrnehmung und ist ein Rückgriff auf Kernmethoden der Archäologie und Kunstgeschichte. Das Zeichnen eines Museumsobjekts hilft, sich intensiv mit ihm auseinanderzusetzen, seine Form und Struktur zu erfassen, Details zu erkennen.

Report Emilia, 8 Jahre, zu ihren Eindrücken in der Ausstellung im Vorderasiatischen Museum zum sogenannten Palastraum. Foto: Sabine Böhme, weiterbearbeitet von Anke Fischer
Report Emilia, 8 Jahre, zu ihren Eindrücken in der Ausstellung im Vorderasiatischen Museum zum sogenannten Palastraum. Foto: Sabine Böhme, weiterbearbeitet von Anke Fischer

In der Schule arbeiteten wir mit diesen Vorlagen im Unterricht weiter. So wurden z.B. Motive, die auf der Museumstour entdeckt worden waren, zu individuellem Ornat verarbeitet, oder Tongefäße geformt, kurze digitale Filmsequenzen zu Nebukadnezars Spaziergang im Garten hergestellt oder Werbematerial für eine Reise nach Babylonien entworfen.

Das heißt, Sie haben die Objekte künstlerisch-ästhetisch genutzt?

Ja, aber nicht ausschließlich. Gewiss sind der Vermittlung von Fachwissen in dieser Altersstufe Grenzen gesetzt. Mit der richtigen Methode bekommt man für komplexere Sachverhalte aber die Aufmerksamkeit der etwas älteren Schülerinnen und Schüler.

Ein Besuch in der Museumswerkstatt des Vorderasiatischen Museums sollte z.B. die Frage nach dem Wert der Antiken für die Menschheit illustrieren, die intensive Betreuung für ihren Erhalt, die Investition von Zeit, Geld und Expertenwissen.

Wichtig war für mich natürlich auch, mit den Schülern den Wahrheitsgehalt der Legende der Hängenden Gärten zu klären. Die Verbindung Stadtgarten und Hängende Gärten war ein guter Einstieg, denn Grundschüler lieben Geschichten. Im Projekt haben wir dann thematisiert, dass die Hängenden Gärten eine Legende sind und man Personen und Sachverhalte hinterfragen und erläutern muss. Archäologie arbeitet mit Lücken und Überresten. Archäologen suchen wie Kommissare im Krimi nach Spuren und rekonstruieren daraus ein Bild. Dabei entwickeln sich Thesen, die es zu prüfen gilt. Für die Arbeit mit den Kindern bedeutet das: Finden sich im Museum Hinweise für die Existenz dieser vielbeschworenen Gärten oder für Nebukadnezar? Was hast Du alles gesehen?

Und, welche Hinweise gibt es?

Nebukadnezar, eine der Hauptfigur der Geschichte von den Hängenden Gärten neben der Königin Semiramis, blieb auf der Museumstour lange Zeit unsichtbar. Ihm „begegnet“ man nur einmal im Museum: über die große, aus glasierten Formziegeln zusammengesetzte Keilinschrift links vom Tor. Nachdem ein Schüler die von mir mitgebrachte Übersetzung vorgelesen hatte, herrschte andächtige Stille. Schließlich fanden wir alle, dass es sehr hochnäsig klingt, was er da sagt.

Glasurkeilschrift zu Nebukadnezar am Ischtar-Tor . (c) Staatliche Museen zu Berlin - Vorderasiatisches Museum, Foto: Olaf M. Teßmer
Glasurkeilschrift zu Nebukadnezar am Ischtar-Tor . (c) Staatliche Museen zu Berlin – Vorderasiatisches Museum, Foto: Olaf M. Teßmer

Welche Fragen haben Sie bei ihren Rundgängen im Museum gestellt bekommen?

Zum Beispiel: „Waren die Menschen früher reich?“ „Wie wurde früher bezahlt?“ „Wie konnte man bei so viel Sonne schlafen?“ „Wer hat den Schmuck und die Waffen des Königs hergestellt?“ „Gab es damals Krieg?“ „Gab es Seife und Zahnbürsten?“  Und dazwischen immer wieder: „Ist das wirklich echt?“

Sehr eindringlich waren die Fragen zur Arbeit von Restauratoren im Ausstellungsbereich. Diese waren spontan bereit zu erläutern, welche „Verletzungen“ sie beseitigen würden, damit z.B. das Ischtar-Tor weiter betrachtet werden kann. Um noch stärker auf den „Wert“ der Objekte einzugehen, besuchten wir das Depot der mächtigen Tell Halaf-Figuren in Friedrichshagen. Mit der tatkräftigen Unterstützung der Kollegen erhielten wir Einblick in die mühevolle Rekonstruktion und Pflege von archäologischen Funden. 2016 erreichten die Schüler und Lehrer die Nachrichten von den Zerstörungen in Ninive und Palmyra durch den IS. Das machte uns das andere Ende des Spektrums deutlich.

Als wir die Karte des Nahen Ostens studierten auf der Suche nach Babylon stellten die Kinder fest, dass es gar nicht so weit weg war von Orten, die sie von Verwandtenbesuchen kannten. „Kennst Du meine Tante aus Kurdistan?“  „Wir sind Palästinenser aus Damaskus! Kennst Du Damaskus?“ Aber es kamen auch Fragen, wie „Warum ist da nicht Mallorca drauf?“ und „Wo liegt die Ukraine?“

Kinder im Vorderasiatischen Museum. Foto: Sabine Böhme
Kinder im Vorderasiatischen Museum. Foto: Sabine Böhme

Wie wichtig ist es, dass Museen sich mit anderen Stadträumen vernetzen?

Es ist wichtig, die Grundschüler aus dem angestammten Kiez etwas herauszulocken. Ich hoffe, dass ein Projekt wie unseres auch der zunehmenden Entmischung in Berlin entgegenwirkt. Fährt man z.B. in der Stadt mit der U-Bahn von Südwest nach Nordost und zurück, trifft man auf eine bestimmte Klientel, die in beiden Richtungen zwischen Wohnung, Arbeit und Ausgehen hin- und herpendelt. „Links“ und „rechts“ dieser gedachten Linie von Potsdam nach Pankow sind häufig weniger privilegierte Zonen.

Ich hoffe, dass die Kinder aus der CKS künftig zur Überwindung solcher unsichtbaren Grenzen beitragen können. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Museum führt vielleicht dazu, dass die Schülerinnen und Schüler später gerne wiederkommen und die Museumsinsel mit ihrer “bürgerlichen” Kultur als das ansehen, was sie auch sein sollte: ihre Kultur, ihre Berliner Kultur. Natürlich ist das Vorderasiatische Museum mit Funden aus Ländern wie der Türkei, Irak, Syrien etc. für viele Kindern aus dem Wedding auch in einem anderen Sinn „ihre“ Kultur, die Kultur der Länder, aus denen sie selbst, bzw. ihre Eltern und Großeltern stammen.

Und was nimmt nun das VAM, also die Wissenschaftler, für die weitere Arbeit mit?

Eine Wissenschaftlerin war z.B. beeindruckt davon, wie ideenreich und unkonventionell Kinder Objekte erklären können. Man sollte den Deutungen der Kinder in der museumspädagogischen Arbeit noch mehr Raum lassen, um den Schülerinnen und Schülern Gelegenheit zu geben, sich die Objekte zu erschließen. Wichtig ist auch, wo immer möglich und vertretbar, einen haptischen Zugang zu Originalobjekten zu ermöglichen, um sie kennenzulernen. Unseren Kindern hat es riesigen Spaß gemacht, ausgerüstet mit Restauratorenhandschuhen, im Depot z.B. die großen Basaltskulpturen vom Tell Halaf berühren zu dürfen. Wie behutsam das geschah, wie intensiv sich einzelne Kinder mit den Formen oder dem Relief beschäftigten, war für uns alle beeindruckend.

Sehr interessant war schließlich auch die Perspektive, aus der heraus die Kinder die Objekte gesehen und gezeichnet haben. So einfach wie wahr: Wenn man kleiner ist, sieht man Bilder und Skulpturen mit anderen Augen.

Besuch in der Restaurierungswerkstatt des Vorderasiatischen Museums. Über Jahre hinweg entstanden hier aus tausenden kleinen Steinfragmenten die Basaltskulpturen vom Tell Halaf (Siedlung im Gebiet des heutigen Syrien) neu. Foto: Petra Spielhagen
Besuch in der Restaurierungswerkstatt des Vorderasiatischen Museums. Über Jahre hinweg entstanden hier aus tausenden kleinen Steinfragmenten die Basaltskulpturen vom Tell Halaf (Siedlung im Gebiet des heutigen Syrien) neu. Foto: Petra Spielhagen

„Gartenzwerg trifft Nebukadnezar“ fand im Schuljahr 2015/2016 statt und wurde gefördert durch den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung und Waldtraut Braun.

 

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