Bestandskatalog der Gemäldegalerie: Ganz genau geschaut

Derzeit entsteht ein wissenschaftlicher Bestandskatalog der frühen niederländischen und französischen Malerei in der Gemäldegalerie. Aus diesem Anlass werden viele Werke ganz genau unter die Lupe genommen, wobei mitunter Spannendes entdeckt wird, wie die wissenschaftliche Volontärin Christine Seidel weiß.

Gustav Friedrich Waagen, der erste Direktor der Gemäldegalerie, hätte heute allen Grund zur Freude. 1830 ließ er verlauten: die Forschung zur Berliner Sammlung der Altniederländer sei noch zu jung, „um Ergebnisse von dem Umfang zu liefern, in welchem man sie sich in der Folge versprechen darf.“ Inzwischen ist die Sammlung jedoch um zahlreiche herausragende Werke angewachsen und im September 2015 startete an der Gemäldegalerie ein dreijähriges interdisziplinäres Projekt zur Katalogisierung der altniederländischen und französischen Tafelmalerei.

Nahezu alle großen Sammlungen altniederländischer Malerei verfügen über wissenschaftliche Kataloge ihrer Bestände – für die Sammlung der Gemäldegalerie fehlte ein solcher bislang. Nun wird ein wissenschaftlicher Bestandskatalog der frühen niederländischen und französischen Malerei, die mit Spitzenwerken wie der Kirchenmadonna von Jan van Eyck, dem Bildnis eines Mädchens von Petrus Christus, dem Middelburger-Altar von Rogier van der Weyden oder dem Montforte-Altar von Hugo van der Goes zu den weltweit bedeutendsten zählt, am Haus entstehen.

Petrus Christus: Bildnis einer jungen Frau, um 1470, Detail © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders
Petrus Christus: Bildnis einer jungen Frau, um 1470, Detail © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders

Vieles erfährt man, wenn man ganz genau hinschaut
Insgesamt 90 Werke, die zwischen 1400 und 1500 entstanden sind und damit den älteren Teil der Sammlung stellen, werden in diesen Katalog aufgenommen – denn vieles ist auch bei Altbekanntem neu zu entdecken und soll so der Forschung zugänglich gemacht werden. Dank der Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie der Ernst von Siemens Kunststiftung in Kooperation mit dem Rathgen-Forschungslabor wird das Projekt in den nächsten drei Jahren unser Wissen über die altniederländischen und französischen Werke der Gemäldegalerie entscheidend bereichern.

Ein Team aus Kuratoren, Restauratoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern der Gemäldegalerie wird jedes für den Katalog vorgesehene Werk ausführlichen gemäldetechnologischen Untersuchungen wie Röntgen-, Infrarot- und Mikroskopaufnahmen unterziehen und die Ergebnisse mit der kunsthistorischen Diskussion der einzelnen Objekte verbinden. Ziel ist es, Erkenntnisse über Provenienz, Funktion und Zuschreibung wie auch zur Bildgenese, Motiventwicklung und zu maltechnischen Besonderheiten und Veränderungen der Gemälde zu erarbeiten und umfassend zu präsentieren.

In der ersten Phase des Projektes geht es zunächst darum, die Werke eingehend zu studieren und zu verstehen, wie die Bilder entstanden sind. Wie haben die Maler gearbeitet und welche Spuren ihrer Geschichte verraten sie uns noch heute? Vieles erfährt man, wenn man ganz genau hinschaut.

Erwachen aus dem Dornröschenschlaf
Die erste Nummer des Katalogs wird ein ganz besonderes Bild: Die Schmetterlingsmadonna, die traditionell Johan Maelwael zugeschrieben wird, ist eines der frühesten bekannten Leinwandbilder aus dem Norden. Ihren Namen hat sie wegen der hübschen goldenen Falter bekommen, die am oberen Bildrand vor dem schwarzen Grund herumschwirren. Johan Maelwael war bis 1404 Hofmaler Philipp des Kühnen von Burgund und arbeitete danach auch für dessen Sohn Johann Ohnefurcht. Da sich nur eine Handvoll Bilder aus dieser Zeit erhalten haben, ist das Berliner Marienbild eine echte Sensation – doch wie kommt die nach Berlin?

Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein liegt die Geschichte des Bildes im Dunkeln, bis es ein Kirchenmitglied seiner Berliner Gemeinde St. Matthias stiftete. Dort schlummerte das Bild in der Sakristei in einem Dornröschenschlaf, bis man es 1957 zur Begutachtung in die Gemäldegalerie nach Dahlem brachte – man hielt es aufgrund der vielen Übermalungen für ein Werk des 19. Jahrhunderts. Der damalige Direktor des Kupferstichkabinetts, Friedrich Winkler, erkannte jedoch den wahren Wert als Bild aus der Zeit um 1400.

Johan Maelwael zugeschrieben: Madonna mit den Schmetterlingen, um 1415, © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Volker Schneider
Johan Maelwael zugeschrieben: Madonna mit den Schmetterlingen, um 1415, © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Volker Schneider

Hochinteressante Beobachtungen
Wie sieht so ein Bild von hinten aus? Man sieht den Keilrahmen aus neuerer Zeit, die Rückseite einer modernen Doublierung (eine rückseitig aufgelegte Leinwand, die zur Stabilisierung des originalen Bildträgers aufgebracht wurde) mit einer späteren Reparatur und einen Inventarzettel der Staatlichen Museen zu Berlin.

Madonna mit den Schmetterlingen: Rückseite © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt
Madonna mit den Schmetterlingen: Rückseite © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

Das erscheint auf den ersten Blick nicht spektakulär, doch die Restauratorin Sandra Stelzig, die das Bild untersuchte, hat eine hochinteressante Beobachtung gemacht: Die Ränder des Bildes sind mit Papierstreifen aus einem Buch abgeklebt worden – in französischer Sprache! Das Bild wurde demnach im 19. Jahrhundert in Frankreich in den Zustand gebracht, in dem wir es heute sehen.

Madonna mit den Schmetterlingen: Rückseite, Detail der Abklebung am unteren Rand © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt
Madonna mit den Schmetterlingen: Rückseite, Detail der Abklebung am unteren Rand © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

Mehr noch haben die ersten technologischen Untersuchungen zutage gefördert. Konnte man lange gar keine vorbereitende Unterzeichnung auf frühen Leinwand- oder Tüchleinbildern (in Tempera auf Leinwand gemalte Bilder, die keinen klassischen Kreidegrund besitzen) nachweisen, haben neuere Untersuchungen die Annahme, es gäbe derartige Unterzeichnungen nicht, inzwischen widerlegt. Sicher auch dank des verbesserten technischen Equipments, das den Museen heute zur Verfügung steht, können einige Hypothesen der älteren Forschung gerade im Bereich unseres Verständnisses der materiellen Eigenarten und Arbeitsweisen in der alten Kunst präzisiert oder revidiert werden.

Eine Reihe neuer Ergebnisse
Im Falle der Schmetterlingsmadonna hat die Infrarot-Reflektographie eine erstaunlich detaillierte Unterzeichnung zutage gefördert. Mit dieser Technik werden die Farbschichten gewissermaßen durchleuchtet und es können Hinweise über Malschichten, Veränderungen und eben auch die Unterzeichnung gewonnen werden. Da kohlenstoffhaltige Mal- und Zeichenmaterialien Infrarotlicht besonders stark absorbieren, erscheinen sie in einer solchen Aufnahme dunkel. Wird die Unterzeichnung mit einem Pinsel zum Beispiel in einer mit Ruß gemischten Farbe oder trocken mit Kohle aufgetragen, ist diese im besten Fall auch in der Infrarot-Reflektographie sichtbar: Mit kräftigen Strichen hat der Maler der Schmetterlingsmadonna die kostbar gewandeten Engel vorbereitet, Haarlocken entschieden kringelig angegeben und teilweise Schatten durch Schraffuren angegeben. Die erste Position des im Profil gezeigten Engels rechts außen, der zur Maria aufblickt, hat der Maler sogar überarbeitet; was im Infrarotbild aussieht wie zwei übereinander gelagerte Köpfe, ist in Wirklichkeit die als dunkle Linien erscheinende erste Anlage des Profils und die dann in Farbe ausgeführte Fassung, die näher an Maria rückt.

Madonna mit den Schmetterlingen: Infrarot-Reflektogramm, Detail: Engel in der rechten Bildhälfte © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt
Madonna mit den Schmetterlingen: Infrarot-Reflektogramm, Detail: Engel in der rechten Bildhälfte © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

Eine Reihe neuer Ergebnisse hat die bisherige Arbeit bereits zutage gefördert. Auch die junge Frau zu Beginn unseres Beitrags, die zu den Meisterwerken von Petrus Christus gehört und eines der frühesten Porträts in einem Innenraum zeigt, kommt in den Katalog – nur muss sie sich noch ein bisschen gedulden.

Petrus Christus: Bildnis einer jungen Frau, um 1470 © Staatliche Museen zu  Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders
Petrus Christus: Bildnis einer jungen Frau, um 1470 © Staatliche Museen zu
Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders

Wissenschaftlicher Bestandskatalog der frühen niederländischen und französischen Gemälde in der Gemäldegalerie
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Ernst von Siemens Kunststiftung
In Kooperation mit dem Rathgen-Forschungslabor

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