Beuys und Golems: Jugendliche erzählen Kunstgeschichten

Einen ungewöhnlichen Blick auf die Kunst im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin eröffnet seit Anfang Dezember ein neuer Audioguide von Schülerinnen und Schülern der Schule an der Jungfernheide. Er enthält Geschichten zu Kunstwerken, die die Kids selbst ausgewählt haben.

Andy Warhols „Mao“, Joseph Beuys‘ „Das Ende des 20. Jahrhunderts“ oder auch Anselm Kiefers „Lilith am Roten Meer“ lieferten Schülerinnen und Schülern der Schule an der Jungfernheide den Anstoß dazu, sich im Rahmen des Projektes „Stell die Verbindung her“ assoziativ mit zeitgenössischer Kunst auseinanderzusetzen und einen persönlichen Zugang zu ihr zu finden.

Kiez Meets Museum: Schülerinnen und Schüler arbeiten bei „Stell die Verbindung her“ an einem eigenen Audioguide © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier
Kiez Meets Museum: Schülerinnen und Schüler arbeiten bei „Stell die Verbindung her“ an einem eigenen Audioguide © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier

Die Idee, ein neues Leben zu erschaffen
„Ich hatte einen Geistesblitz als ich vor dem Werk „Das Ende des 20. Jahrhunderts“ stand und deshalb habe ich mich für die Arbeit von Beuys entschieden“, sagt Julien, einer der am einwöchigen Workshop teilnehmenden Schüler. Aus dieser spontanen Eingebung entwickelten er und Jamain die Geschichte des Golems, der sich einen Freund erschaffen wollte. Der Golem ist eine Figur der jüdischen Literatur und Mystik, die den Jugendlichen aus Computerspielen bekannt ist. Durch die Anordnung der Granitblöcke in Beuys Werk daran erinnert, erwecken die beiden Schüler in ihrem Hörspiel das riesenhafte Wesen, geformt aus unbelebter Materie wie Staub oder Erde, zum Leben.

Fragen, die tiefer gehen
Das Verfassen, Einsprechen und Vertonen der neun Geschichten, von denen die Erzählung vom Golem nur eine ist, wurde unterstützt durch den Hörspielautor Patrick Findeis, die Kunstvermittlerin Renée Rapedius und die Lehrerin Franziska Sommer, aber durch den Sounddesigner Michael Peter. Um den Audioguide zu realisieren, arbeiteten die Schülerinnen und Schüler an verschiedenen Orten und lernten dadurch den Werkraum im Hamburger Bahnhof, die Ausstellungshallen aber auch die Arbeit in einem externen Tonstudio kennen.

Kiez Meets Museum: Schülerinnen und Schüler arbeiten bei „Stell die Verbindung her“ an einem eigenen Audioguide © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier
Kiez Meets Museum: Schülerinnen und Schüler arbeiten bei „Stell die Verbindung her“ an einem eigenen Audioguide © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier

Sie sprachen ihre Texte selbst ein und nahmen Geräusche auf, mit denen sie die Geschichten entsprechend unterlegten. Dabei regte das Projekt die Schülerinnen und Schüler zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Werken an und es entstanden Fragen bei den Jugendlichen, die tiefer gehen als die oberflächliche Betrachtung von Kunst. „Was ich den Künstler wirklich gerne fragen würde ist, woher er die Idee hatte, ein neues Leben zu erschaffen“, erzählt Julien, „denn genau das haben wir in unserer Geschichte auch gemacht.“

Kiez Meets Museum: Schülerinnen und Schüler arbeiten bei „Stell die Verbindung her“ an einem eigenen Audioguide © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier
Kiez Meets Museum: Schülerinnen und Schüler arbeiten bei „Stell die Verbindung her“ an einem eigenen Audioguide © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier

Kunst ist nicht nur etwas Schönes
Das Projekt veränderte die Wahrnehmung der Jugendlichen von Kunst. „Gemälde, Skulpturen und Ideen sind für mich Kunst oder überhaupt etwas Außergewöhnliches“, sagt Vanessa und Julien ergänzt: „Was ich in der Woche gelernt habe ist, dass Kunst im Auge des Betrachters liegt. Nicht nur Schönes, sondern auch ganz andere Dinge können Kunst sein, solange sie etwas im Betrachter auslösen.“

Die Geschichten der Jugendlichen eröffnen zukünftig den Besucherinnen und Besuchern einen ungewöhnlichen Zugang zu den Werken im Hamburger Bahnhof und laden dazu ein, selbst noch einmal genauer hinzusehen. Der Audioguide ist ab sofort an der Kasse kostenlos erhältlich und kann in den Ausstellungsräumen genutzt werden.

Das Projekt ist Teil der Kooperation „KIEZ MEETS MUSEUM“ der Nationalgalerie und “Berliner Leben – Eine Stiftung der Gewobag” und wird bis 2018 fortgesetzt. Realisiert werden noch zwei weitere Projekte, welche die Teilhabe junger Menschen aus strukturschwachen Quartieren am kulturellen Leben der Stadt ermöglichen sollen.

Kiez Meets Museum: Schülerinnen und Schüler arbeiten bei „Stell die Verbindung her“ an einem eigenen Audioguide © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier
Kiez Meets Museum: Schülerinnen und Schüler arbeiten bei „Stell die Verbindung her“ an einem eigenen Audioguide © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier

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