Das Brandenburger Tor in der Gipsformerei: Die Kunst der Nachahmung

Täuschend echt und doch kein Original – in der Gipsformerei werden seit rund 200 Jahren Abgüsse von bedeutenden Kunstwerken gemacht. Mit Hilfe aufwändiger 3D-Technik könnte bald das Attika-Relief vom Brandenburger Tor abgeformt werden.

Text: Karolin Korthase

Berlin und seine Großbaustellen – das war schon immer eine zermürbende Beziehungskiste. Die Kritik an langen Bauzeiten, schwierigen Planungen und ungeliebten Architekturentwürfe musste schon Carl Gottfried Langhans Ende des 18. Jahrhunderts aushalten. Der Direktor des Berliner Hofbauamtes hatte zu jener Zeit einen Mammutbauauftrag zu stemmen: Der preußische König Friedrich II wünschte sich ein aufwändiges Triumphtor, das nach dem Vorbild der Propyläen gestaltet sein sollte, also jener Säulen und Torbögen, die den Eingang zur Akropolis markieren. Nach drei Jahren Bauzeit hätte Langhaus am 6. August 1791 eigentlich allen Grund zur Freude gehabt – schließlich war das Tor endlich fertiggestellt und konnte von Stadtwachen bezogen werden. Kritiker bemängelten allerdings, dass er zu wenig architektonische Eigenleistung eingebracht und nur von der Antike abgekupfert habe. Und auch der königliche Auftraggeber war unzufrieden, da sich der Bau so lange hingezogen hatte. Hinzu kam, dass das Brandenburger Tor damals quasi noch nackt dastand: Es fehlte die Quadriga.

Nach einem Modell des Bildhauers Johann Gottfried Schadow wurde der aufwändige Kupferschmuck erst im Jahre 1793 auf dem Tor befestigt. Weithin sichtbar thront seitdem – mit mehreren Unterbrechungen, zum Beispiel einem Raub durch Napoleon – die Siegesgöttin Victoria mit wehendem Gewand auf ihrem Pferdegespann. Das darunter angebrachte Attika-Relief ist etwas unauffälliger, aber nicht minder spektakulär. Eine Schar kunstvoll gestalteter antiker Götter und Halbgötter hat sich hier zu einem Friedenszug versammelt. Herakles kämpft tapfer gegen die Zwietracht und den Neid, belohnt wird er für seine Mühen von der Siegesgöttin Victoria. Im Zentrum des Bildes steht auf einem Wagen Eirene, die Göttin des Friedens, die dem Attika-Relief auch zum Beinamen „Zug der Friedensgöttin“ oder „Zug des Friedens“ verhalf. Wer all dies in Gänze und en détail erkennen möchte, braucht allerdings ein Fernglas und riskiert eine Nackenstarre, denn das Relief hängt am Tor in fast 20 Meter Höhe.

Das Attika-Relief in 20 Metern Höhe auf dem Brandenburger Tor (c) Staatliche Museen zu Berlin, Gipsformerei
Das Attika-Relief in 20 Metern Höhe auf dem Brandenburger Tor (c) Staatliche Museen zu Berlin, Gipsformerei

Digitalisierung des Originals
Um das Kunstwerk zu konservieren und künftig in Ausstellungen als Modell auch besser zugänglich zu machen, arbeitet ein Verbund aus mehreren Projektpartnern derzeit an seiner Digitalisierung. Beteiligt an dem technisch sehr aufwändigen Projekt sind neben der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin die Beuth-Hochschule für Technik, die Carl-Gotthard-Langhans-Gesellschaft und die Kunstsammlung des Deutschen Bundestages. Ein erster Schritt in Richtung 3D-Modell ist schon getan. Vor einigen Wochen wurde das Relief mit einem Handscan-Gerät Stück für Stück vermessen. Bei einer Länge von 7,8 Metern und einer Höhe von 1,5 Meter kann man sich das als Zentimeterarbeit vorstellen. Mit Hilfe eines Krans fuhr eine Handvoll Projektmitarbeiter über mehrere Stunden Stück für Stück am Objekt entlang, um Aufnahmen zu machen. Eine Software muss die einzelnen Bilder nun wie ein Puzzle und möglichst originalgetreu zusammensetzen.

Das Attika-Relief auf dem Brandenburger Tor wird in situ gescannt (c) Staatliche Museen zu Berlin, Gipsformerei
Das Attika-Relief auf dem Brandenburger Tor wird in situ gescannt (c) Staatliche Museen zu Berlin, Gipsformerei

Stefan Kramer, Werkstattleiter in der Gipsformerei, ist bisher noch etwas skeptisch, was das Ergebnis angeht. Er sagt: „Es wird derzeit noch gerechnet. Die ersten Ergebnisse waren sehr glatt von der Oberfläche her; es war zu sehen, dass die Strukturen beeinträchtigt sind“. Die Gipsformerei stand bisher vor allem beratend für das Projekt zur Verfügung. Sollte die Qualität der Bilder ausreichend sein, werden Teilstücke des Reliefs dreidimensional gedruckt und abgeformt. Seit 2010 wird in den Räumlichkeiten in der Sophie-Charlotte-Straße mit 3D-Verfahren gearbeitet. Stefan Kramer erzählt: „Heutzutage ist es so, dass die Restauratoren mit ihren Stücken viel feinfühliger sind und nicht mehr so einfach alles abformen lassen. Dadurch kann man einige Sachen nicht kopieren, die eigentlich kopierenswert sind und in der ganzen Welt gezeigt werden sollten. Da kommt die digitale Technik ins Spiel, mit der Oberflächen und Stücke einfach abgescannt und anschließend im Computer zusammengesetzt und über einen 3D-Drucker wieder zurück ins Analoge gebracht werden.“

Das Attika-Relief auf dem Brandenburger Tor wird in situ gescannt (c) Staatliche Museen zu Berlin, Gipsformerei
Das Attika-Relief auf dem Brandenburger Tor wird in situ gescannt (c) Staatliche Museen zu Berlin, Gipsformerei

Je kleiner, desto besser
Die Gipsformerei, zu deren Bestand rund 7000 Objekte und schätzungsweise um die 10.000 Formen gehören, konnte mit 3D-Verfahren in Zusammenarbeit mit der TU-Berlin schon sehr gute Ergebnisse erzielen, sowohl mit Kunststoff als auch mit Gips. Entscheidend für die Qualität ist aber die Größe des Kunstwerks. Generell gilt: Je kleiner, desto besser. Experte Stefan Kramer erläutert: „Für uns ist vor allem wichtig, dass die Oberfläche gut und präzise dargestellt wird. Je größer der Bauraum eines Druckers ist, desto sichtbarer sind später auch die Linien und Druckspuren.“ Zwar ließen sich viele Druckspuren auch händisch im Nachhinein noch ausbessern. Sind die Abweichungen von der Originaloberfläche allerdings zu groß, mache das Abformen mit Hilfe der 3D-Technik wenig Sinn, weil das Ergebnis dann einfach zu schlecht sei.

Das Attika-Relief auf dem Brandenburger Tor wird in situ gescannt (c) Staatliche Museen zu Berlin, Gipsformerei
Das Attika-Relief auf dem Brandenburger Tor wird in situ gescannt (c) Staatliche Museen zu Berlin, Gipsformerei

Selbst wenn die digitale Qualität beim „Zug des Friedens“-Relief nicht für eine Abformung reichen sollte – Besucher können dem Kunstwerk zukünftig in einer Ausstellung im Schadow-Haus in Berlin-Mitte zumindest über ein 3D-Modell deutlich näher kommen als in der Außenansicht beim Brandenburger Tor.

Stefan Kramer in der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin. (c) Staatliche Museen zu Berlin / Karolin Korthase
Stefan Kramer in der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin. (c) Staatliche Museen zu Berlin / Karolin Korthase

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