Dagmar Korbacher wird Direktorin des Kupferstichkabinetts

Dagmar Korbacher wird Direktorin des Kupferstichkabinetts. Sie folgt damit als erste Frau in dieser Position dem komissarischen Leiter Holm Bevers und Heinrich Schulze Altcappenberg, der das Haus von 2002 bis 2017 leitete. Wir sprachen mit ihr über Erwartungen und Herausforderungen.

Interview: Sven Stienen

Wie fühlt es sich an, neue Direktorin des Kupferstichkabinetts zu werden, in dem Sie so lange als Kuratorin gearbeitet haben?

Dagmar Korbacher: Ich kann mir nicht vorstellen, an einem spannenderen, lebendigeren und fachlich herausragenderen Museum zu arbeiten als dem Kupferstichkabinett. Dass ich nun zusammen mit dem wirklich tollen und außergewöhnlich kollegialen Team auch die Zukunft gestalten darf, freut mich riesig.

Können Sie etwas darüber sagen, in welche Richtung sich das Haus und die Sammlung in Zukunft entwickeln werden?

Ein Museum darf nicht zum Museum seiner selbst werden. Wir werden uns in Zukunft noch stärker öffnen und den Dialog mit anderen Disziplinen, mit jüngeren Menschen und mit dem breiten Publikum suchen müssen, um relevant zu bleiben. Nur so können wir wichtige Impulse setzen und das gewaltige kulturelle Potential nutzen, das unsere Sammlung birgt.

Sie haben gesagt, dass Sie das Haus auch jüngeren Besuchern öffnen möchten. Gibt es schon konkrete Ideen, wie neue Zielgruppen angesprochen werden sollen?

Hier spielt Kommunikation eine zentrale Rolle. Diese soll allerdings nicht nur im digitalen Raum, beispielsweise in sozialen Netzwerken, stattfinden, sondern auch ganz konkret vor Ort, bei uns im Museum vor dem einzigartigen originalen Kunstwerk. Dazu wollen wir neue Formate entwickeln, die die Partizipation und Interaktion fördern. Hier können wir als Museum unsere besondere Flexibilität und Kreativität unter Beweis stellen. Die Entwicklung und den Ausbau neuer Formate werden wir zusammen mit den Vermittlungs- und Kommunikationsfachleuten der Staatlichen Museen zu Berlin angehen, aber auch mit Unterstützung des Freundeskreises unseres Museums, der Graphischen Gesellschaft zu Berlin und anderen graphischen Sammlungen in Deutschland.

Sie werden als Direktorin auch mit zukunftsweisenden Themen wie Digitalisierung konfrontiert sein. Ist das für Sie ein wichtiges Thema?

Auf jeden Fall – für das Kupferstichkabinett ist das Thema Digitalisierung sogar von ganz herausragender Bedeutung, noch viel stärker, als etwa für die Gemäldegalerie. Das liegt daran, dass wir eine sehr umfangreiche Sammlung verwahren, die etwa 110.000 Zeichnungen, 550.000 Blatt Druckgraphik, sowie illuminierte Handschriften und frühe illustrierte gedruckte Bücher umfasst. Mit einer sinnvollen, strukturierten Erfassung dieser riesigen Sammlung ist die Digitalisierung für uns die Basis jeder zukünftigen Museumsarbeit: Sie ist die Grundlage, um zu inventarisieren und dokumentieren, um zu forschen und um die Provenienzen zu klären, aber auch für die nachhaltige Konservierung und Sammlungspflege, für Verwaltung, Vermittlung und Vernetzung. Da es keinen Museumsbau gibt, der eine so große Sammlung wie die des Kupferstichkabinetts dauerhaft zeigen könnte, aber auch weil Kunst auf Papier sehr lichtempfindlich ist, können wir tatsächlich immer nur eine begrenzte Auswahl von Kunstwerken gleichzeitig ausstellen. Die Digitalisierung ist somit für uns auch ein ganz wesentliches Instrument, um unsere Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich machen zu können.

Welche Themen liegen Ihnen sonst noch besonders am Herzen und werden vielleicht in Zukunft in Ausstellungen des Kupferstichkabinetts verhandelt werden? Gibt es schon konkrete Projekte, an denen Sie gerade arbeiten?

Die erstaunliche Aktualität der Zeichenkunst und Druckgraphik der Alten Meister ist etwas, das mir besonders am Herzen liegt und das ich zukünftig stärker in den Blickpunkt rücken möchte. Dürer oder Raffael und sein Kupferstecher Marcantonio Raimondi haben sich mit ähnlichen Fragen der Inszenierung, der Verbreitung von Bilderfindungen, des Copyrights und des networking beschäftigt, wie erfolgreiche Instagramer, die heute nach Followern und Likes streben. Im Moment arbeite ich zusammen mit den KollegInnen der Gemäldegalerie, der National Gallery in London und des British Museum an einer Ausstellung über die beiden verschwägerten Künstler Andrea Mantegna und Giovanni Bellini. Es wird eine höchst spannende Gegenüberstellung von zwei herausragenden, aber auch konträren Meistern der italienischen Renaissance, die erstaunliche Parallelen sichtbar werden lässt. Außerdem arbeite ich an einem Katalog über unsere „schönsten Franzosen“ – die Highlights der französischen Zeichnungen –, die dann ab Dezember im Kupferstichkabinett zum Rendezvous bitten.

Sie sind die erste weibliche Direktorin des Kupferstichkabinetts. Spielt Gleichberechtigung für Sie eine wichtige Rolle?

Im Kupferstichkabinett habe ich das Glück, in einem gemischten Team aus Frauen und Männern zu arbeiten, in das jeder seine besonderen Stärken einbringt und in dem jeder den anderen bzw. die andere schätzt und unterstützt. Leider ist es im Kulturbereich insgesamt – wie fast überall – noch nicht selbstverständlich, dass Frauen auch Leitungspositionen besetzen. Aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg dahin, dass sich das ändert. Dabei können und müssen wir Frauen es uns auch selbst zutrauen, Führungsrollen zu übernehmen und die Initiative zu ergreifen.

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