„Darf man den gleichen Kunstgeschmack haben wie Hitler?“ – „Bei Böcklin schon!“

Das Gästebuch ist noch immer ein beliebter Weg für Museumsbesucher, sich selbst zu Ausstellungen oder Werken zu äußern. Maria Obenaus, Wissenschaftliche Museumsassistentin i. F. der Nationalgalerie, hat Besucherstimmen zur Ausstellung „Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933-1945“ ausgewertet.

„Darf man den gleichen Kunstgeschmack haben wie Hitler?“ Mit dieser Frage verlieh ein Besucher seiner Irritation Ausdruck, als er die Ausstellung „Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933-1945“ im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin verließ. Er hinterließ sie im Besucherbuch. Für uns Kuratoren geben diese Einträge ein wichtiges Feedback zu unserer Arbeit: Sie sind direkte und unmittelbare Reaktionen auf einen Ausstellungsbesuch, mal anonym, mal mit Unterschrift. Seitdem die Ausstellung im November 2015 eröffnet wurde, haben sich einige Besucherbücher gefüllt, in denen Eindrücke, Dank und Kritik niedergeschrieben wurden.

„Ja natürlich!“, antwortete ein Besucher auf die Frage nach dem Kunstgeschmack. „Bei Böcklin schon!“ ein anderer. Arnold Böcklins Gemälde „Die Toteninsel“ von 1883 ist das älteste Werk der Ausstellung. Der Künstler war während der „schwarzen Jahre“ bereits tot, allerdings schätzte Adolf Hitler die Kunst des 19. Jahrhunderts und insbesondere Böcklin sehr. Die Toteninsel erwarb Hitler 1936 für die Reichskanzlei. In der Ausstellung wird Böcklin neben Künstlern gezeigt, die dem Nationalsozialismus dienten. Im Besucherbuch ist dazu zu lesen: „Der arme Böcklin, er kann doch nichts dafür.“ Und „Schade, dass Böcklin ‚ohne seine Genehmigung‘ auf der Seite der Nationalsozialisten hängt.“

Besucherbücher zur Ausstellung, Foto: Maria Obenaus
Besucherbücher zur Ausstellung, Foto: Maria Obenaus

“Überraschung des Jahres“
Die Einreihung neben Werken von Arno Breker, Georg Kolbe oder Franz Radziwill zeigt die Indienstnahme von Kunst auch über den Tod des Künstlers hinaus. Und Böcklin begeistert bis heute: „Wir folgten eigentlich ‚nur‘ dem Gemälde von Böcklin ‚Die Toteninsel‘ und so gelangten wir zu dieser einzigartigen, wundervoll gestalteten und dokumentierten Ausstellung. DANKE für die Überraschung des Jahres 2015.“

Den Künstlern, die mit ihrer Kunst – bewusst oder ungewollt – den Nationalsozialismus unterstützten, stellt die Ausstellung Kunstwerke entgegen, die den Widerstand einzelner Künstler thematisieren. „Sehr mutig, verfolgte Künstler und Arno Breker in einem Raum auszustellen, ist hier aber gelungen, auch durch die guten Erläuterungen.“ Die ausgestellten, historischen Dokumente bleiben dabei nicht ohne Wirkung auf die Kunst: „Die Rede Görings am Anfang der Ausstellung erschüttert, und diese Erschütterung hält bis zum Bestaunen des letzten Bildes an.“

Stimmen aus dem Ausland
Die Kunstpolitik der NS-Zeit wurde in den letzten Jahren durch prominente Restitutionsfälle und nicht zuletzt den Schwabinger Kunstfund um Cornelius Gurlitt in der breiten Öffentlichkeit thematisiert und bekannt. In nahezu jeder deutschen Kunstsammlung sind diese Geschichten anhand einzelner Kunstwerke nachvollziehbar: „Man weiß zwar vieles schon, hier wird es aber durch die konkreten Details sehr anschaulich.“

Zahlreich sind auch die Stimmen von ausländischen Besuchern, aus Italien, den USA, Chile oder Japan: „The creation of this exhibition is amazing, walking between the pieces, status and painting made me cry when I got to the end, and the Picasso painting broke my heart.“ Ein weiterer Besucher schrieb: “Amazing, important show. We are proud at the Germans integrity, not to ignore facts which had reflected the world”. Eine Besucherin aus den USA formulierte, was häufig in den Beiträgen anklingt: “A very important exhibition, which hopefully does not foretell another dark era in the EU and the USA.”

Arnold Böcklins „Die Toteninsel“ von 1883 neben Georg Kolbes „Herabschreitender“ von 1940 in der Ausstellung „Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933-1945“ © für Georg Kolbe bei der VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Thomas Bruns
Arnold Böcklins „Die Toteninsel“ von 1883 neben Georg Kolbes „Herabschreitender“ von 1940 in der Ausstellung „Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933-1945“ © für Georg Kolbe bei der VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Thomas Bruns

„Führt die AFD hier mal durch“
Die Geschichten von Verfolgung, Flucht und Nationalismus finden ihre Parallele in der Gegenwart: „In diesen Zeiten ist diese Ausstellung eine wichtige Mahnung, was der Krieg für die Künstler bedeutet – ich war sehr berührt.“ Ein anderer Beitrag lautet: „Gut, um wieder erinnert zu werden, was in Freiheit leben bedeutet.“ Auch der Vorschlag „Führt die AFD hier mal durch“, macht die Aktualität der erzählten Geschichten deutlich. „Die Erdogans dieser Welt sollten sich diese Ausstellung ansehen!“.

Foto: Maria Obenaus
Foto: Maria Obenaus

Es ist kein einfaches Thema, dem sich die Ausstellung widmet. Klar wird auch, dass eine schwarz-weiß Zeichnung bei der Bewertung von Künstlerkarrieren und der Kunstrezeption in der NS-Zeit nicht möglich ist. Die Besucherstimmen zeigen, dass Kunstwerke und das Erzählen individueller Geschichten einen emotionalen Zugang zu komplexen Themen ermöglichen. „Eine großartige Ausstellung, deren Bilder bis ins Mark treffen.“ „Berührend“, „ergreifend“ und „bewegend“ sind Adjektive, die häufig zu lesen sind. Kunst schafft einen emotionalen Zugang zur Vergangenheit. „Ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur in Deutschland“, schrieb ein Besucher resümierend. „Gut, daß ich mir die Ausstellung doch noch angesehen habe. Danke!“

Die Laufzeit der Ausstellung wurde übrigens um drei Wochen verlängert. Somit besteht bis zum 21. August die Gelegenheit für einen Besuch.

 Foto: Maria Obenaus
Foto: Maria Obenaus
Ein japanischer Besucher hinterließ eine Zeichnung des Trommlers aus dem titelgebenden Gemälde „Die schwarzen Zimmer (2. Fassung)“ von Karl Hofer, Foto: Maria Obenaus
Ein japanischer Besucher hinterließ eine Zeichnung des Trommlers aus dem titelgebenden Gemälde „Die schwarzen Zimmer (2. Fassung)“ von Karl Hofer, Foto: Maria Obenaus

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