Demontage der neuen Nationalgalerie: Für jedes Bauteil eine Inventarnummer

Die Grundinstandsetzung der Neuen Nationalgalerie ist im vollen Gange, aber was passiert eigentlich gerade genau? Demontage ist die momentane Hauptaufgabe. Was das heißt, erklären Anne Schmedding und Constanze von Marlin.

Die Originalmaterialien und Einbauten aus der Ursprungszeit der Neuen Nationalgalerie weitgehend zu erhalten, war die wichtigste Entscheidung bei der Grundinstandsetzung des Hauses. Bauherr, Nutzer, Architekt und Denkmalschutz waren sich darin einig, dass nach der Sanierung nicht nur eine Anmutung der Ursprungszeit übrig bleiben darf und kein bloßer Austausch oder eine Reproduktion der Originalteile stattfinden soll, sondern eine Sanierung, Restaurierung und Aufarbeitung des Originalmaterials.

Die obere Halle der Neuen Nationalgalerie während der Demontagearbeiten. Foto: schmedding.vonmarlin
Die obere Halle der Neuen Nationalgalerie während der Demontagearbeiten. Foto: schmedding.vonmarlin

Demontage – eine logistische Mammutaufgabe
Diese Entscheidung hat zur Folge, dass die Demontage wesentlicher Teile der Neuen Nationalgalerie die Basis für die Sanierung bildet. Bis Ende dieses Jahres werden zehntausende von Einzelteilen – von den Garderoben und Treppengeländern bis zu den Steckdosen und Lichtschaltern – demontiert, weil das Haus bis auf den Rohbau rückgebaut werden muss. Ähnlich wie die Auslagerung der Kunst ist das zunächst eine große logistische Herausforderung. Die Reihenfolge der Demontage muss festgelegt werden, dementsprechend gehörte eine genaue Kartierung und Inventarisierung der Objekte in großen Datenbanken zur Vorplanung. Im Vorfeld mussten Lagerkapazitäten in Berlin recherchiert und terminiert werden. Ebenso musste geplant werden, was wo wie lange gelagert wird und entsprechende Transporte organisiert werden, die unter besonderen, etwa klimatischen Bedingungen stattfinden müssen.

Alles wird rückgebaut - auch die originale Einrichtung. Foto: schmedding.vonmarlin
Alles wird rückgebaut – auch die originale Einrichtung. Foto: schmedding.vonmarlin

Die Terminierung der Demontagen, der sogenannten „vorbereitenden Maßnahmen“ umfasst mehrere eng beschriebene Seiten einer umfangreichen Excel-Tabelle, die mit allen Beteiligten abgestimmt ist. Sie erfasst detailliert den Zeitraum von Januar bis Dezember 2016, jede Maßnahme ist in Umfang und Dauer genau beschrieben. „Trotzdem“, so Martin Reichert von David Chipperfield Architects, „kann man nicht alles bis ins letzte planen. Trotz aller Voranalysen, Planungen und Probeentnahmen weiß man nicht, was passiert, wenn man etwas ausbaut. Was befindet sich dahinter? In welchem Zustand ist das Haus an dieser Stelle?“ Da kann es entgegen aller Detailplanungen doch zu Verzögerungen kommen. Im Moment liegt aber alles noch gut im Zeitplan.

Die ersten Schritte – Demontage und Rückbau
Die großen Demontagearbeiten finden momentan in der oberen Halle und im Untergeschoss statt. Die beiden Garderoben sind abgebaut, der Natursteinboden wird folgen, innen wie außen. Mehrere tausend Granitbodenplatten werden entfernt, um gereinigt, repariert oder vereinzelt ausgetauscht zu werden. Die Deckenleuchten von Mies, die sogenannten „downlighter“, wurden ausgebaut und in Kisten verpackt. Die ca. 3.500 Leuchten werden umgerüstet und mit LED-Strahlern versehen und kommen dann zurück in die Neue Nationalgalerie. Von der imposanten Decke müssen äußerst aufwendig die gerasterten Unterdecken abgenommen werden, weil ein komplett neues Abhangsystem integriert wird. Letzte originale Mies-Möbelstücke warten auf den Abtransport. Details wie Haustelefone, Klingelknöpfe, Alarmglocken, Lichtschalter, Steckdosen und Beschilderungen sind fast alle komplett ausgebaut und lagern fein säuberlich beschriftet im Untergeschoss. Hier findet derzeit auch die Demontage von Bauteilen in den Ausstellungsbereichen statt. Aktuell hat die ausführende Firma dort ihren ersten „Schwarzbereich“ errichtet – dabei handelt es sich um Einhausungen von Arbeitsbereichen aufgrund von Schadstoffbelastungen bei den Demontagen.

Alles wird rückgebaut - auch die originale Einrichtung. Foto: schmedding.vonmarlin
Alles wird rückgebaut – auch die originale Einrichtung. Foto: schmedding.vonmarlin

Im Herbst 2016 wird die Neue Nationalgalerie komplett leer sein und dann ungefähr so aussehen wie 1966, als sie im Rohbauzustand war. Wie sanierungsbedürftig sie tatsächlich ist, wird man erst sehen, wenn man wirklich „hinter die Fassaden“ gucken kann. 2017 wird dann – wenn es keine größeren Überraschungen gibt – der Ausbau erfolgen, Ende 2018 ist die Fassade dran, Mitte 2019 erfolgt die Übergabe an die staatlichen Museen und Mitte 2020 wird die Neue Nationalgalerie wiedereröffnet.

schmedding.vonmarlin.

Rückbau in den Ausstellungsräumen der Neuen Nationalgalerie. Foto: schmedding.vonmarlin
Rückbau in den Ausstellungsräumen der Neuen Nationalgalerie. Foto: schmedding.vonmarlin
Rückbau in den Ausstellungsräumen der Neuen Nationalgalerie. Foto: schmedding.vonmarlin
Rückbau in den Ausstellungsräumen der Neuen Nationalgalerie. Foto: schmedding.vonmarlin

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