Den Kokon durchbrechen: “Hello World” und die Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof

Wie würde die Sammlung der Nationalgalerie aussehen, wenn sie aus einem weltoffenen Verständnis heraus zusammengetragen worden wäre? Dieser Frage stellte sich ein 13-köpfiges Kuratorenteam im Hamburger Bahnhof. Das Ergebnis ist eine monumentale Auseinandersetzung: „Hello World“.

Text von Karolin Korthase

Der Aktionskünstler Joseph Beuys pflegte seit den 1970er Jahren engen Kontakt zu Nicolás García Uriburu, einem argentinischen Ecological-Art-Künstler. Dieser war, ebenso wie Beuys, umweltpolitisch aktiv. In seinen Kunstaktionen färbte er Gewässer wie den East River, den Rhein und den Hafen von Buenos Aires mit einem bioverträglichen Stoff ein, um auf die Umweltverschmutzung hinzuweisen. Zusammen mit Joseph Beuys stellte Uriburu 1981 eine Edition mit Flaschen des gefärbten Rhein-Wassers unter dem Titel „Rhein water polluted“ aus. Beuys lud ihn daraufhin ein Jahr später nach Kassel ein, um bei der Pflanzung von 7.000 Eichen für die documenta 7 mitzuwirken – auf der Künstlerliste der documenta erschien Uriburu allerdings dennoch nicht.

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele von Verbindungen zwischen Künstlern aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten, sichtbar gemacht wurden sie in den meisten Ausstellungshäusern jedoch nicht. Stattdessen war es lange Zeit en vogue, in den nationalen Kunstmuseen von Berlin, Paris oder London einen nahezu identischen, westlich geprägten Kunstkanon zu zeigen. Doch was wäre gewesen, wenn etwa die Sammlung der Nationalgalerie nicht eurozentrisch, sondern multiperspektivisch aufgebaut worden wäre? Oder anders gefragt: Wie könnte die Sammlung, die einen Zeitraum vom frühen 19. Jahrhundert bis zum 21. Jahrhundert umspannt, heute aussehen, wenn sie globaler gedacht worden wäre? Für die Ausstellung „Hello World. Revision einer Sammlung“ versuchte ein 13-köpfiges Kuratorenteam zwei Jahre lang, den die Nationalgalerie bestimmenden Kanon kritisch unter die Lupe zu nehmen und explizit nach Verbindungen zwischen den Kulturen zu fragen.

Aufbau der Ausstellung "Hello World - Revision einer Sammlung" im Hamburger Bahnhof: Hängung der Arbeiten „Between You, Me & The Bedpost“ #1 und #2 (2014) des indonesischen Künstlers Gede Mahendra Yasa. © Foto: David von Becker
Aufbau der Ausstellung “Hello World – Revision einer Sammlung” im Hamburger Bahnhof: Hängung der Arbeiten „Between You, Me & The Bedpost“ #1 und #2 (2014) des indonesischen Künstlers Gede Mahendra Yasa.
© Foto: David von Becker

Austausch durch Aufeinander-Einlassen
Ein Künstler, dessen Werk solche Verbindungen aufzeigt und in der Ausstellung in einen breiteren Kontext gestellt wird, ist Walter Spies. Er wurde 1895 in eine Familie deutscher Kaufleute und Honorarkonsuln in Russland geboren und lebte ab den 1920er Jahren auf Bali. Dort gründete er die Künstlerorganisation Pita Maha („Große Schöpferkraft“), mit deren Hilfe sich balinesische Künstler vernetzen und ihre Kunst vermarkten konnten. Spies selbst hielt in seinen Arbeiten das alltägliche und religiöse Leben auf der Insel fest und inszenierte sie als irdisches Paradies.

„Man kann in der Ausstellung an den Gemälden von Spies und seinen balinesischen Künstlerkollegen I Gusti Nyoman Lempad, Anak Agung Gde Sobrat und I Nyoman Ngendon sehr gut den kulturellen Austausch ablesen, der nur durch direkten Kontakt und ein aufeinander Einlassen stattfinden konnte“, sagt Anna-Catharina Gebbers, Kuratorin des Ausstellungsteils „Ein Paradies erfinden– Making Paradise“. Spies malte in Anlehnung an Stile, die er auf Bali vorfand, im Nebel verhangene Berge, Reisbauern bei der Arbeit, rituelle Tänze und die üppige balinesische Flora und Fauna. Mit seinen atmosphärisch dichten Bildern, die Einflüsse des magischen Realismus und der Neuen Sachlichkeit zeigen, machte er ebenso Werbung für die Insel im Indischen Ozean wie durch seine Rolle als charmanter Gastgeber und Berater für Ethnologen, Filmemacher und illustre Gäste aus aller Welt. Charlie Chaplin erwarb beispielsweise zwei Bilder (beide werden in der Ausstellung zu sehen sein) und ließ sich von Spies über die Insel führen.

Aufbau der Ausstellung "Hello World - Revision einer Sammlung" im Hamburger Bahnhof: Hängung von I Ketut Parsa: Ohne Titel (Reislandschaft, Sawah, Alltagsleben in Bali, Entenhirt), 1990 © Foto: David von Becker
Aufbau der Ausstellung “Hello World – Revision einer Sammlung” im Hamburger Bahnhof: Hängung von I Ketut Parsa: Ohne Titel (Reislandschaft, Sawah, Alltagsleben in Bali, Entenhirt), 1990
© Foto: David von Becker

Auch die Balinesen selbst nutzten die Präsentation von Bali als ursprünglichem Idyll zur Identitäts- und Imagebildung. Es gab aber auch einheimische Künstler, die sich bewusst von der Inszenierung ihrer Insel als exotisches Paradies abgrenzten und sich in der Nationenbildung engagierten. Bei „Hello World“ wird auch diesen Positionen Raum gegeben und es werden zeitgenössische Kunstwerke balinesischer Künstler gezeigt, die sich mit Themen wie Identitätsbildung und Umweltverschmutzung auseinandersetzen.

“Eine vielstimmige Erzählung”
Insgesamt besteht das Ausstellungsprojekt, das die gesamten 10.000 Quadratmeter des Hamburger Bahnhofs bespielt, aus 13 exemplarisch konzipierten Kapiteln, die jeweils einzeln kuratiert wurden. Neben einem achtköpfigen Team aus der Nationalgalerie wurden fünf Gastkuratorinnen und -kuratoren aus verschiedenen kulturellen Kontexten dazu eingeladen, Ausstellungsteile zu gestalten. Beim Gespräch über das Projekt fallen oft Begriffe wie „Experiment“, „Entwurf“ oder „Versuch“, auch von einer „Ausstellungsreise ins Ungewisse“ ist die Rede.

Aufbau der Ausstellung "Hello World - Revision einer Sammlung" im Hamburger Bahnhof: Zwei Werke des balinesischen Künstlers I Gusti Nyoman Lempad werden ausgepackt. © Foto: David von Becker
Aufbau der Ausstellung “Hello World – Revision einer Sammlung” im Hamburger Bahnhof: Zwei Werke des balinesischen Künstlers I Gusti Nyoman Lempad werden ausgepackt.
© Foto: David von Becker

Für Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, ist „Hello World“ ein hochkomplexes Projekt ohne Vorbilder: „Ziel war nicht, eien neuen Kanon zu entwerfen oder eine einheitliche Narration, sondern vielmehr eine vielstimmige Erzählung, in der auch Platz für unterschiedliche methodische kuratorische Ansätze ist.“ Die einzelnen Ausstellungsteile unterscheiden sich deshalb nicht nur in den kulturellen Kontexten, auf die sie blicken, sondern auch in ihrer kuratorischen Praxis. Die Klammer, die alle Ausstellungsteile zusammenhält, ist dabei die Sammlung der Nationalgalerie. „Aus ihr heraus entwickeln sich strahlenförmig die unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweisen“, erklärt Anna- Catharina Gebbers.

Auf der Suche nach den Leerstellen
Bei den Recherchen für das Projekt sahen sich die Kuratierenden dennoch nicht nur in den Beständen der Nationalgalerie um, zu der neben dem Hamburger Bahnhof auch die Neue Nationalgalerie, die Alte Nationalgalerie, das Museum Berggruen sowie die Sammlung Scharf-Gerstenberg gehören, sondern auch in den anderen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin.

Schließlich ging es ja gerade auch um Leerstellen, um Perspektiven, die der eigenen Sammlung fehlen. Im Museum für Asiatische Kunst entdeckten sie beispielsweise eine beeindruckende Privatsammlung moderner indischer Malerei aus den sechziger und siebziger Jahren. „Wie kamen diese Werke dort hin und wieso hat man damals zeitgenössische indische Malerei nicht auch der Nationalgalerie angeboten“, fragt Gabriele Knapstein, die Leiterin des Hamburger Bahnhofs, rückblickend. Einen Teil dieser Malereien wird die freie Kuratorin und Autorin Natasha Ginwala in ihrem Ausstellungsteil zeigen. Sven Beckstette vom Hamburger Bahnhof wiederum kuratiert zusammen mit Azu Nwagbogu, dem Gründer der African Artists’ Foundation sowie der Internet-Plattform Art Base Africa, ein Kapitel über Verbindungen und Beziehungen von und nach Afrika. Auch das ist eine Leerstelle in der Sammlung der Nationalgalerie: Es gibt hier nur wenige Werke zeitgenössischer Künstler, die sich thematisch und kontextuell mit dem afrikanischen Kontinent beschäftigen.

Die Arbeit "Township Wall" des angolanischen Künstlers Antonio Ole wird in der Ausstellung "Hello World" im Hamburger Bahnhof zu sehen sein. © Staatliche Museen zu Berlin / Jens Ziehe
Die Arbeit “Township Wall” des angolanischen Künstlers Antonio Ole wird in der Ausstellung “Hello World” im Hamburger Bahnhof zu sehen sein. © Staatliche Museen zu Berlin / Jens Ziehe

Imperialistische Zugriffe vermeiden
Mit der Bezeichnung „global“ tun sich Udo Kittelmann und sein Team allerdings trotz des weltumspannenden Fokus schwer: Zu komplex sind für sie die Zusammenhänge, in denen die einzelnen künstlerischen Werke oder Werkgruppen stehen. „Es geht nicht darum, eine neue große Erzählung zu konstruieren“, meint Gabriele Knapstein. „Der Begriff des Globalen suggeriert eine Einheit, die es aber tatsächlich gar nicht gibt.“ Außerdem ist der Anspruch, ein „globales Museum“ zu sein, an sich ebenfalls ein dominierender, imperialistischer Zugriff eines im Westen beheimateten Museums. „Eine solche Geste stößt bei Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern nicht auf besonders viel Gegenliebe“, weiß Knapstein.

Gabriele Knapstein, Udo Kittelmann und Anna-Catharina Gebbers während der Aufbauarbeiten zu „Hello World. Revision einer Sammlung“ im Hamburger Bahnhof. © Foto: David von Becker
Gabriele Knapstein, Udo Kittelmann und Anna-Catharina Gebbers während der Aufbauarbeiten zu „Hello World. Revision einer Sammlung“ im Hamburger Bahnhof.
© Foto: David von Becker

Auch wenn die Gefahr der Vereinfachung das kuratorische Team von „Hello World“ beschäftigte, lassen sich am Ende Verbindungslinien zwischen den einzelnen Ausstellungsteilen und damit auch den Kulturen ziehen. Ob jedoch „Hello World. Revision einer Sammlung“ das Selbstverständnis der Nationalgalerie nachhaltig verändern wird, das wird sich erst in zukünftigen Ausstellungen zeigen. Für Udo Kittelmann steht jedenfalls fest: „Wenn man einmal ein solches Projekt durchlebt hat, dann verändert sich das Denken zwangsläufig.“ Der „Kokon des Museums“ sei nun durchbrochen, schließt der Direktor der Nationalgalerie, „um die Sammlung mutigen Experimenten und Gastkuratoren zu öffnen, denn das Museum muss sich Tag für Tag erneut ins Verhältnis zu gesellschaftlichen und künstlerischen Veränderungen setzen.“

Die Ausstellung „Hello World. Revision einer Sammlung“ läuft vom 28.4. bis 26.8.2018 im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. Eine Ausstellung der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen der Initiative „Museum Global“. Entwickelt von Udo Kittelmann mit Sven Beckstette, Daniela Bystron, Jenny Dirksen, Anna-Catharina Gebbers, Gabriele Knapstein, Melanie Roumiguière und Nina Schallenberg für die Nationalgalerie sowie den Gastkuratorinnen und -kuratoren Zdenka Badovinac, Eugen Blume, Clémentine Deliss, Natasha Ginwala und Azu Nwagbogu. Weitere Infos und das Vermittlungsprogramm unter smb.museum

Dieser Text erschien zuerst in der Museumszeitung II/2018 der Staatlichen Museen zu Berlin.

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