“Der Handel mit Raubgut muss geächtet werden”

Das Plündern archäologischer Grabungsstätten und der illegale Verkauf der Objekte im Ausland sind ein weltweites Problem. Sven Stienen sprach darüber mit dem Journalisten Günther Wessel, der vergangenen Donnerstag im Archäologischen Zentrum sein neues Buch über die internationalen Verflechtungen von Raubgräbern, Schmugglern und Händlern vorstellte.

Herr Wessel, Sie haben ein Buch über den illegalen Handel mit Antiken geschrieben – was für Objekte werden dabei gehandelt und woher stammen sie?
Die Objekte kommen aus der ganzen Welt, derzeit überwiegend aus dem Nahen Osten und aus Ägypten. Ägyptische Antiken gehen immer gut, weil die ägyptische Kultur seit jeher viele Menschen interessiert und begeistert. Die Objekte kommen aber auch aus Latein- und Mittelamerika, ebenso aus Indien, Pakistan, Afghanistan oder China – überall wo es antike Hochkulturen gab, werden deren Artefakte heute gehandelt. Sie werden aus den Ländern herausgeschmuggelt und dann vorwiegend auf dem europäischen oder nordamerikanischen Markt verkauft.

Erfahren wir durch die aktuelle weltpolitische Lage einen besonderen Boom dieses Geschäftes?
Sicher haben die Raubgrabungen in Ägypten seit der ägyptischen Revolution, dem Sturz des Mubarak-Regimes und dem dadurch bedingten Zusammenbruch der staatlichen Strukturen extrem zugenommen. Es gibt dort riesige, völlig verwüstete Flächen, die ich selber gesehen habe. Man weiß auch, dass seit ungefähr 2005 die Aktivitäten im Irak und seinen Nachbarstaaten enorm zugenommen haben und dort sehr viel geplündert wird.
Es gibt schon seit Beginn der Neunziger Jahre eine Kontinuität dieser Plünderungen, aber zwischen 2011 und 2014 ist der Anteil von Objekten aus der Region des alten Mesopotamien, also vor allem aus Syrien und Irak, auf dem amerikanischen Markt um 145 % gestiegen. Politisch instabile Regionen sind gute Herkunftsländer für illegal gehandelte Antiken und Kunstschätze.

Günther Wessel im Gespräch. Foto: Juliane Eirich
Günther Wessel im Gespräch. Foto: Juliane Eirich

Wer sind die Verkäufer und wer die Käufer?
Verkauft wird in Mitteleuropa überwiegend durch Auktionshäuser, aber auch durch einzelne Händler. Wenn Sie sich Auktionskataloge von mittelständigen Auktionshäusern ansehen oder in entsprechenden Internetportalen suchen, sind da immer Antiken dabei. Es gibt aber auch große Antikenauktionen. Das Geschäft läuft in Deutschland und der Schweiz, aber auch international, von Brüssel über Paris bis London oder New York. Daneben gibt es einen Markt von Händler zu Händler und vom Händler zum Endkunden.
Die Käufer sind kleine und große Sammler, die Preise variieren stark. Letztes Jahr lag der Auktionsrekord bei einer ägyptischen Statue, die 16 Millionen Pfund erzielte – das zahlt nicht jeder aus der Portokasse. Es gibt aber auch kleinere Objekte: man kann zum Beispiel schon für 1000 Euro einen Uschebti aus Ägypten oder eine Keilschrifttafel aus Mesopotamien kaufen.

Wollen die Käufer denn nicht wissen, woher die Objekte stammen?
Es gibt natürlich immer Provenienzen zu den Stücken, jedoch sind häufig gerade diese ein Problem. Stellen Sie sich folgendes vor: Sie sind in Deutschland und haben ein Objekt mit einer gestempelten Bescheinigung, die als Herkunft zum Beispiel Mesopotamien angibt. Diese Bescheinigung sagt vielleicht auch, dass das Objekt sich 30 Jahre in einer Familiensammlung im Libanon befand. Sie können das nun glauben oder den Verdacht hegen, dass das Stück in Wirklichkeit vielleicht erst vor zwei Monaten ausgegraben wurde. Es ist letztlich nicht zu beweisen.
Ich nenne Ihnen noch ein anderes Beispiel. Vor ein paar Monaten entdeckte ich in einer großen deutschen Tageszeitung eine Anzeige. Da verkaufte jemand 200 Antiken aus aller Welt, eine angeblich alte Sammlung. Auf meine Frage, woher die Sachen kommen, sagte der Verkäufer, es handele sich um eine alte Familiensammlung, die in den Sechziger Jahren zusammengetragen worden sei. Das bedeutet, selbst wenn die Sammlung illegal beschafft worden wäre, wäre mittlerweile alles verjährt und sie im legitimen Besitz des Anbieters. Außerdem wäre die Sammlung noch vor Unterzeichnung des UNESCO-Kulturgüterschutzabkommens 1970 ins Land gekommen. Juristisch wäre es also eine saubere Sammlung.

Sie blieben dennoch skeptisch?
Ich habe den Anbieter daraufhin gefragt, ob es Unterlagen und Provenienzen gebe. Nein, sagte er, es gebe nur einen alten Katalog. Er hat mir dann Karteikarten mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen und Informationen zu den Objekten geschickt. Das hatte alles eine Anmutung der Fünfziger oder Sechziger Jahre – ich kann aber heute problemlos solche Schwarz-Weiß-Fotos reproduzieren und sie alt aussehen lassen. Auch hier kann ich die Geschichte also glauben oder skeptisch sein. Der Punkt ist: Ich kann nichts nachweisen. Die Sammlung ist auf dem Markt, es gibt keine offiziellen Papiere und die Entscheidung bleibt letztlich beim Käufer und dessen Gewissen hängen.

Günther Wessel. Foto: Juliane Eirich
Günther Wessel. Foto: Juliane Eirich

Wie kommen die Güter denn nach Europa oder Nordamerika? Es muss doch auffallen, wenn jemand Antiken einführen möchte …
Da gibt es diverse Tricks: Antiken werden mit Plastik übergossen, um sie wie Ramsch aussehen zu lassen, man mischt sie unter neue kunsthandwerkliche Arbeiten, so dass Original und Repliken nicht mehr unterschieden werden können, oder die Objekte werden einfach im Diplomatengepäck herausgeschmuggelt.
Die meisten Objekte gehen aber den Weg aller Schmuggelware, genau wie Drogen oder Waffen. In Ägypten heißt das, sie werden mit Containerschiffen über Mittelmeerhäfen ausgeführt. Bei der Menge der Container, die täglich beispielsweise im Hamburger Hafen ankommen – wer weiß wirklich, was da drin ist?
Und wie schon gesagt, werden oft auch einfach Papiere erfunden. Vieles kommt „aus altem englischem Familienbesitz“. Das ist immer glaubwürdig, weil die Engländer überall waren und aus ihren Kolonien Antiken mitgebracht haben. Und schon hat man saubere Papiere …

Es heißt, dass mit dem Geld aus dem illegalen Antikenhandel der Terror finanziert wird und dass er neben dem Handel mit Waffen oder Drogen einer der umsatzstärksten illegalen Märkte der Welt ist.
Das Problem ist, harte Beweise dafür zu finden, dass zum Beispiel jemand vom Islamischen Staat mit Antiken handelt. Das ist äußerst schwierig, man wird kaum Videos oder andere Quellen finden, die Angehörige des IS tatsächlich bei Ausgrabungen zeigen.
Wir wissen jedoch, dass alle Parteien des syrischen Bürgerkrieges sich an Raubgrabungen bereichern. Man hat auch tatsächlich vor kurzem bei einem getöteten IS-Vertreter Objekte gefunden, die aus Raubgrabungen und aus einem Museum in Mossul stammten. Außerdem kann man anhand der Objekte, die aus dieser Region derzeit in die Märkte einsickern, Rückschlüsse ziehen. Bei alldem darf aber nicht vergessen werden, dass die Hauptumsätze mit diesen Objekten nie in den Herkunftsländern gemacht werden. Das ist wie beim Drogenhandel: Weder der Koka-Bauer in Lateinamerika noch der Raubgräber im Nahen Osten machen den großen Gewinn. Das geschieht erst im Verkaufsland.

Also besteht der größere Schaden im Verlust der Kulturgüter?
Das ist das eine, das andere ist, dass dabei auch Menschen sterben. Wenn man etwa die Grabungslöcher in Ägypten sieht, ist es ganz offensichtlich, dass sich da Leute in Lebensgefahr begeben. Die Löcher reichen fünf bis sechs Meter senkrecht in den Boden und es werden Kinder an Seilen hinabgelassen, die dort unten in ungesicherte Stollen und Schächte kriechen und die Gegenstände rausholen.

Foto: Juliane Eirich
Foto: Juliane Eirich

Sind in den illegalen Antikenhandel auch Museen involviert?
In Deutschland ist das eher die Ausnahme, weil die deutschen Museen in der Regel keine Objekte mehr ohne Herkunftsnachweis kaufen. Aber es gibt natürlich auch noch Museen, die Antiken ohne entsprechende Nachweise ankaufen und damit riskieren, sich illegal gehandelte Objekte ins Haus zu holen.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren die Museen noch selbst in Grabungen involviert und wussten genau, woher die Sachen kommen. Ob es dabei zwischen den Ausgräbern und den Herkunftsländern immer gerecht zuging, ist natürlich eine ganz andere Frage. Es gab Abmachungen, nach denen die Objekte zwischen den Parteien aufgeteilt wurden. Später haben die Herkunftsländer angefangen, selber zu graben, und wenig später tauchten auf dem Kunstmarkt erstmals Dinge auf, deren Herkunft nicht klar war. Mit dem zunehmenden Einfluss des Kunstmarkts häuften sich auch die Raubgrabungen, denn wo eine Nachfrage ist, wird geliefert.

Und seitdem gibt es eine kontinuierliche Entwicklung, bis heute?
Es tauchen immer wieder Objekte aus Raubgrabungen in Museen auf. 2014 sind in einem Museum in Budapest Grabungsblöcke gefunden worden, die aus einer französischen Grabung gestohlen worden waren. Im vergangenen Jahr ist ein Wandbild aus Theben aufgefallen, das ein Bonner Sammler für eine Ausstellung zur Verfügung gestellt hatte: Es war in den Achtziger Jahren aus einer Grabung gestohlen und auf verschlungenen Wegen nach Deutschland geschafft worden. Der Sammler kaufte es dort von einem sehr angesehenen Händler und schwört Stein und Bein, dass dieser sauber gewesen sei und seinerseits einem Betrug aufgesessen ist. Die Objekte werden illegal beschafft, „reingewaschen“ und landen dann auf dem Markt. Der Sammler hat das Wandbild übrigens sofort an Ägypten zurückgegeben – obwohl er dazu rechtlich nicht verpflichtet war.

Derzeit ist ein Gesetzesentwurf zum Kulturgutschutz im Gespräch, der die Ein- und Ausfuhr von Antiken streng reglementieren soll. Ist eine stärkere Regulierung der richtige Weg?
Das Kulturgutschutzgesetz von Frau Grütters verfolgt meines Erachtens den richtigen Ansatz, nämlich dass man in Deutschland künftig nur noch Dinge mit einer eindeutigen Provenienz und einer Exporterlaubnis des Herkunftslandes handeln darf. Alle Länder haben Ausfuhrregelungen für solche Objekte, kein Staat der Welt erlaubt es einfach so, Antiken außer Landes zu schaffen.
Bisher gab es Listen, die alle wichtigen Kulturgüter eines Landes führen und die man als Referenz heranzog. Aber in diesen Listen finden Sie nur die Dinge, die ohnehin bekannt sind, weil sie etwa in Museen aufbewahrt werden. Wie sollen aber Dinge, die heute in der Wüste ausgegraben werden, auf solche Listen gelangen? Nach dem alten Kulturgutschutzgesetz ist kein einziges Stück in den letzten sieben Jahren an einen Staat zurückgegeben worden – es war also völlig verfehlt.

Ist staatliche Intervention die einzige Möglichkeit, den illegalen Kulturguthandel einzudämmen?
Die gesetzlichen Möglichkeiten sind das eine, es muss meines Erachtens aber auch mehr dafür getan werden, dass Zollbeamte bei Einreisekontrollen neben gefälschten Uhren oder Handtaschen auch Antiken erkennen.
Ich halte es für mindestens ebenso wichtig, dass man durch eine öffentliche Kampagne ein Bewusstsein für dieses Problem schafft. So etwas tut man nicht! Vor siebzig Jahren sind die Menschen nach Afrika oder Indien gefahren und haben dort seltene Tiere geschossen. Man posierte stolz mit getöteten Elefanten und Löwen – heute ist das verpönt. Vor dreißig Jahren haben die Leute Pelzmäntel getragen, auch das ist heute nicht mehr angesagt.
Antike Kunstschätze sind das Erbe der Menschheit, das gräbt man nicht illegal aus oder kauft es aus unsicheren Quellen. Wenn wir es schaffen, dieses Verhalten zu ächten, dann haben wir viel erreicht.

Eine letzte Frage: Wie sind Sie auf das Thema illegaler Antikenhandel gekommen?
Mich interessieren Kunst und Kultur ungemein. Ich habe lange in Brüssel gewohnt, wo viele Antiken gehandelt werden. Im Antiquitätenviertel von Brüssel gibt es unzählige Läden, die voller antiker Kunstschätze sind. Ich habe oft Streifzüge dorthin unternommen und mich immer gefragt, wo diese Objekte eigentlich herkommen und warum es so viel davon in privatem Besitz gibt. Manches lässt sich aus der kolonialen Vergangenheit Belgiens erklären, vieles jedoch nicht. Ich habe daraufhin angefangen zu recherchieren und nachzufragen und habe immer wieder von Händlern gehört, das seien alles alte Sammlungen, die schon in der Renaissance angelegt wurden. Je öfter man diese Erklärung hört und je tiefer man in das Thema eindringt, umso klarer wird einem, das das nicht stimmen kann.

Die Buchvorstellung zu Günther Wessels Buch “Das schmutzige Geschäft mit der Antike. Der globale Handel mit illegalen Kulturgütern” findet am 13.8. im Archäologischen Zentrum statt.

2 Kommentare

  1. Christian Knakal - 11. Februar 2017, 4:25 UHR

    Dieses Interview ist recht verlogen,. Unsere staatlichen Museen sind voll mit Raubgut, im 19.Jahrhundert wurde doch alles was von diversen Glücksrittern, archäologischen Vereinigungen und westlichen Expeditionen im Orient ausgegraben wurde in Kisten Richtung Europa geschickt.

  2. Dr. Petra Winter - 16. Februar 2017, 13:12 UHR

    Lieber Herr Knakal,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Nach vielen Jahren Forschung zur Geschichte und Herkunft unserer Objekte kann ich Ihre Ansicht über unsere Museen nicht teilen. Die Ausfuhr oder Teilung der Funde bei Ausgrabungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde von den Museen mit den Herkunftsländern vertraglich geregelt. Aus heutiger Sicht mögen diese Verträge nicht alle gerecht erscheinen – sie wurden aber mit den seinerzeit rechtmäßig amtierenden Regierungen nach damals geltendem Recht abgeschlossen.
    Auch Forschungsreisende haben Objekte in der Regel auf legalem Wege außer Landes gebracht. Wir widmen uns diesem Erbe durchaus sehr intensiv. Mehr Infos hierzu finden Sie auf dieser Webseite.
    Die Museen haben sich also stets in rechtlich geregelten und damit legalen Bereichen bewegt, auch wenn die entsprechenden Gesetze in damaliger Zeit andere Dinge zuließen, als es heute beim Erwerb von Antiken der Fall ist. Die Staatlichen Museen zu Berlin haben sich schon 1976 Erwerbungsrichtlinien im Sinne einer Selbstverpflichtung gegeben – dementsprechend werden von uns keine Antiken unklarer Provenienz mehr erworben. Auslöser für dieses Bekenntnis der Museen war die UNESCO-Konvention zum Kulturgüterschutz von 1970. Die Staatlichen Museen zu Berlin und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz setzen sich darüber hinaus für den internationalen Kulturgüterschutz ein und engagieren sich aktiv gegen den zunehmenden illegalen Handel mit Antiken – unter anderem mit Hilfe zur Selbsthilfe in den Herkunftsländern und mit Forschungsprojekten zum illegalen Antikenhandel in Deutschland. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

    Mit freundlichen Grüßen
    Petra Winter, Leiterin des Zentralarchivs und der Provenienzforschung bei den Staatlichen Museen zu Berlin

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