Die Betonsanierung an der Neuen Nationalgalerie

Obwohl Beton als Gestaltungsmittel bei der Neuen Nationalgalerie keine Rolle spielt, ist er doch ein substantieller Baustoff. Über das umfangreiche Ausmaß der notwendigen Betonsanierung sprach unsere Redakteurin Constanze von Marlin mit Michael Freytag vom Büro David Chipperfield Architects.

Text: schmedding.vonmarlin.

Alle Betonflächen in der Neuen Nationalgalerie waren während des Betriebs hinter Granitplatten, Ausstellungswänden oder den Platten der Moduldecke verborgen. Daher konnte auch erst nach Abschluss der ersten Phase der Grundinstandsetzung – Abbruch und Demontagen – ein umfassendes Schadensbild aufgenommen werden. Über die Jahrzehnte hat der Baustoff vornehmlich durch Witterung und zu geringen Materialauftrag zahlreiche Schäden erlitten: Abgeplatzte Betonüberdeckungen, freigelegte rostende Bewehrungseisen und Risse müssen saniert werden. „Die Instandsetzung ist anspruchsvoll, weil neben technischen auch denkmalpflegerische Aspekte zu berücksichtigen sind“, erläutert Michael Freytag, Projektleiter beim Büro David Chipperfield Architects.

Michael Freytag vom Büro David Chipperfield Architects während unseres Interviews © schmedding.vonmarlin.
Michael Freytag vom Büro David Chipperfield Architects im Gespräch mit Constanze von Marlin © schmedding.vonmarlin.

Besonders die Außenwände sind nach heutigen Maßstäben in einem relativ schlechten Zustand. Über der Bewehrung aus Eisen wurde, wie in der Bauzeit zwischen 1965 und 1968 üblich, nur wenig Beton aufgetragen, was heute nicht mehr zulässig ist. An abgeplatzten Stellen liegt daher schon das korrodierte Metall offen. Auch die sogenannte Karbonatisierung, eine chemische Reaktion von Kohlendioxid und Feuchtigkeit, setzte dem Stahlbeton zu, indem sie die Festigkeit des Betons minderte und zu Korrosion an der Bewehrung führte.

Untersuchungen der Betondecke in der Nationalgalerie im   Oktober 2017 ©
Untersuchung der Betondecke in der Nationalgalerie im Oktober 2017 © Thomas Bruns

Zur Sanierung der Schäden müssen zunächst sechs bis sieben Zentimeter von den Außenwänden abgestemmt, neue Stahlmatten eingebracht und eine Betondeckung von drei Zentimetern über dem Metall aufgetragen werden. An der rückwärtigen Rampe war sogar eine Behandlung beider Seiten notwendig, so dass nur ein schmaler, gesunder Kern der Wände stehen blieb. Am stärksten von Schäden betroffen waren allerdings die eingrenzenden Mauern des Skulpturengartens. Nach eingehender Beratung und Abwägung aller Möglichkeiten wurde in Abstimmung mit dem Denkmalschutz und dem Enkel Mies van der Rohes, Dirk Lohan, entschieden, die Außenwände des Gartens sorgsam abzutragen und neu herzustellen. „Trotz des denkmalpflegerischen Ziels eines maximalen Substanzerhalts“, so Freytag, „überwogen technische und wirtschaftliche Aspekte bei der Entscheidung für diese Maßnahme des vollständigen Neubaus.“

Die ersten Grundinstandsetzungsarbeiten an der Nationalgalerie im  September 2017 © Thomas Bruns
Die ersten Grundinstandsetzungsarbeiten an der Nationalgalerie im September 2017 © Thomas Bruns

Die Betonsanierung im Innern des Gebäudes ist weniger flächendeckend als im Außenraum, dafür aber kleinteiliger. Nach dem Abbau der Moduldecke und dem Entfernen aller weiteren Elemente kamen viele offen liegende Eisen zum Vorschein. Alle Schadstellen wurden untersucht und genau kartiert. Im Unter- und Kellergeschoss wurden an der Stahl-Kassetten-Decke Risse, Bohrlöcher und Fehlstellen im Beton festgestellt. Die Risse werden im Zuge der Sanierung verpresst: Es wird eine Emulsion in die Risse injiziert, um die Festigkeit des Betons wieder herzustellen. Das ist ein kleinteiliger und langwieriger Vorgang, der mit Hilfe eines Raumgerüsts ausgeführt werden muss. Zum Teil müssen auch ganze Kassettenfelder ersetzt werden. Nach dem Entfernen des Betons in einem Feld kann man vom Untergeschoss in die obere Ausstellungshalle blicken, bevor das Feld durch das Einfüllen von neuem Beton von oben wieder geschlossen wird. „Jede Sanierungsmaßnahme in der Neuen Nationalgalerie ist eine Einzelfallentscheidung“, resümiert Freytag, „die mit äußerster Sorgfalt umgesetzt werden muss.“

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