Die Geburt einer Architekturikone: 50 Jahre Neue Nationalgalerie

Von Mondrian bis MoMA, von Gaugin bis Kraftwerk reicht das Spektrum der Gäste in der Neuen Nationalgalerie. Anlässlich des 50. Jahrestages seiner Eröffnung erscheint nun ein opulenter Bildband: ein Rückblick auf die vielfältige Ausstellungsgeschichte des Hauses von 1968 bis 2015.

Text: schmedding.vonmarlin

Die Eröffnung der Neuen Nationalgalerie im September 1968 war ein Meilenstein im Wiederaufbau des Berliner Kulturlebens nach 1945. Das Haus war der letzte vom ehemaligen Bauhaus-Direktor Ludwig Mies van der Rohe noch eigenständig entworfene Bau und die Eröffnung wurde groß gefeiert.

Nach den Reden vor 1.200 Gästen spielten, für eine damalige Museumseröffnung ganz unkonventionell, eine Beat- und eine Dixieland-Band. Damen in geblümten Kleidern und gediegene Herrn im dunklen Anzug tanzten im Skulpturengarten. Protest aus der linken Szene gegen das Museum als Hort der reinen Hochkultur gehörte 1968 zum Programm. Oppositionelle Zaungäste warfen Flugblätter von der Terrasse auf die Tanzenden im Skulpturengarten, in denen sie die Wiederherstellung des Denkmals für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nach einem Entwurf von Mies van der Rohe forderten. Gleichzeitig freuten sich am Nachmittag 15.000 Berliner über ihren ersten Besuch im neuen Museum.

Ausgelassen feierten die Gäste die Eröffnung der Neuen Nationalgalerie.  Foto: Neue Nationalgalerie/Reinhard Friedrich
Ausgelassen feierten die Gäste die Eröffnung der Neuen Nationalgalerie.
Foto: Neue Nationalgalerie/Reinhard Friedrich

Museum oder Bahnhofshalle?
In der lichtdurchfluteten oberen Ausstellungshalle war die inzwischen zur Legende gewordene Piet-Mondrian-Ausstellung zu sehen. Auf die extreme Herausforderung, in der offenen Halle ausgerechnet kleinste Bildformate zu zeigen, reagierte das Büro von Ludwig Mies van der Rohe in Chicago unerschrocken mit einem frei von der Decke hängenden Wandsystem. Ästhetisch äußerst wirkungsvoll vermittelte dieses System eine große Leichtigkeit und bewahrte die Transparenz der Architektur mit einem fließenden Parcours, der vielfältige Blickwechsel zwischen Gebäude, Ausstellung und Außenraum ermöglichte. Die Reaktion auf das Gebäude in der Fachwelt war kontrovers, von den einen als Architekturikone und äußerst fortschrittlicher Museumsbau gepriesen, wurde sie von den anderen als „atmosphärelose Bahnhofshalle“ abgelehnt, der jeglicher Nutzen für Kunstausstellungen abgeht.

Die hängenden Ausstellungswände für die Gemälde von Piet Mondrian wurden vom Büro Ludwig Mies van der Rohes entworfen.  Foto: Neue Nationalgalerie/Reinhard Friedrich
Die hängenden Ausstellungswände für die Gemälde von Piet Mondrian wurden vom Büro Ludwig Mies van der Rohes entworfen.
Foto: Neue Nationalgalerie/Reinhard Friedrich

Sich der Tragweite seiner architektonischen Setzung wohl bewusst, ließ Mies – selbst zu krank, um an der Eröffnungsfeier teilzunehmen – über seinen Enkel und Mitarbeiter Dirk Lohan mitteilen: „Niemand kann voraussagen, welche Wege die Kunst der Zukunft nehmen wird. Wir wissen nur, dass sie sich weiterentwickelt. Ein so großer Raum wie dieser gibt natürlich die größten Möglichkeiten für jede denkbare Entwicklung. Ich weiß von Mies, wie klar er sich darüber ist, dass es nicht immer leicht sein wird, in diesem Raum gute Ausstellungen zu machen. Auf der anderen Seite aber stehen große Möglichkeiten, auf die Sie nicht verzichten sollten.“

Umbrüche in Kunst und Gesellschaft
Das weltweit einzigartige Museum hat Architekturgeschichte geschrieben und die Ästhetik vieler Ausstellungen geprägt. Von der Eröffnungsfeier 1968 bis zur sanierungsbedingten Schließung des Gebäudes 2015 nach mehreren Konzerten der Band Kraftwerk ist gut ein halbes Jahrhundert vergangen. Von Malerei über Skulpturen bis zu interdisziplinären Projekten mussten sich alle Präsentationen in der ikonischen Architektur behaupten. Die über dreihundert Ausstellungen in der Neuen Nationalgalerie erzählen von Umbrüchen in Kunst und Gesellschaft, vom Museumsalltag, spektakulären Events, gelungenen Raumgestaltungen bis hin zu grotesken Notlösungen.

Mit einem kühnen Eingriff hat der Künstler Rudolf Stingel die einzigartige Ausstellungshalle der Neuen Nationalgalerie transformiert.  Rudolf Stingel, Foto: David von Becker
Mit einem kühnen Eingriff hat der Künstler Rudolf Stingel die einzigartige Ausstellungshalle der Neuen Nationalgalerie transformiert.
Rudolf Stingel, Foto: David von Becker

Eine 350-seitige Publikation mit rund 500 eindrucksvollen, weitgehend unbekannten Fotografien bebildert nun die besondere Ausstellungsgeschichte des Museums. Von jedem Direktor programmatisch und jeder Generation visuell geprägt, bildet das Buch die Zeitströmungen in Kunst und Gesellschaft ab. Viele spektakuläre Projekte, von Yves Klein über die Metamusik Festivals, Rudolf Stingel und Gerhard Richter bis zu Otto Piene, erzählen die Geschichte der Neuen Nationalgalerie. Persönliche Texte des ehemaligen Generaldirektors Peter-Klaus Schuster und des amtierenden Direktors der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, aber auch von Persönlichkeiten wie der Künstlerin Katharina Grosse oder den Architekten Rem Koolhaas und Daniel Libeskind sowie vielen anderen begleiten den historischen Spaziergang durch das Haus.

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„Die Ausstellungen. Neue Nationalgalerie 1968–2015“ erscheint am 15. September 2018 (40 Euro zzgl. Porto/Versand); Probeseiten und Bestellungen unter freunde-der-nationalgalerie.de/dieausstellungen

BU: Musikfestivals wie Jazz in the Garden erfreuten sich großer Beliebtheit. Foto: Ludwig Windstosser/Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek
BU: Musikfestivals wie Jazz in the Garden erfreuten sich großer Beliebtheit.
Foto: Ludwig Windstosser/Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek
Tausende Menschen kamen um das Sky Art Event von Otto Piene auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie zu sehen.  Foto: David von Becker
Tausende Menschen kamen um das Sky Art Event von Otto Piene auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie zu sehen.
Foto: David von Becker

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