Die Geschichte eines Bildes: Ein Mantegna aus der Gemäldegalerie

Viele Kunstwerke sind berühmt, während ihre Geschichte im Dunkeln liegt. Ein Glücksfall ist es, wenn sich auf dem Werk selbst so viele Hinweise finden, dass seine Geschichte fast lückenlos zu rekonstruieren ist – so wie bei einem Gemälde des Renaissance-Meisters Andrea Mantegna in der Berliner Gemäldegalerie.

Text von Lisa Lang und Babette Hartwieg

Bei den Gemälden der Alten Meister wissen wir heute häufig nur noch wenig von den Umständen ihrer Entstehung und ihrer weiteren Geschichte. Auch das Gemälde „Die Darbringung im Tempel“ ist weder signiert noch datiert. Aber es trägt auf seiner Rückseite Siegel, Aufkleber und Markierungen, die von früheren Besitzern und wechselnden Standorten erzählen.

Das Werk entstand vermutlich anlässlich der Hochzeit von Andrea Mantegna mit Nicolosia, der Schwester seines Künstlerkollegen Giovanni Bellini, im Jahr 1453 oder der Geburt ihres ersten Kindes. Dargestellt ist eine Szene aus der Kindheit Jesu, in der Maria Christus dem Priester im Tempel von Jerusalem präsentiert. Forscher sind sich heute darüber ziemlich einig, dass Mantegna sich selbst und seine Gemahlin an den Bildrändern dargestellt hat.
Wenn wir auf die Rückseite des Gemäldes schauen, so kann man aus den folgenden Detailaufnahmen die Geschichte des Werkes bis heute fast lückenlos erfahren/ablesen.

Mantegna, Andrea, Darbringung im Tempel, um 1453, Leinwand © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie
Mantegna, Andrea, Darbringung im Tempel, um 1453, Leinwand © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie

Mantegna, Andrea, Darbringung im Tempel (Rückseite), um 1453, Leinwand © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie
Mantegna, Andrea, Darbringung im Tempel (Rückseite), um 1453, Leinwand © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie

Auf dem Rückseitenbrett links unten befindet sich ein rotes Siegel. Es stammt von der venezianischen Patrizierfamilie Gradenigo. Bereits im 16. Jahrhundert kaufte die Familie kaufte das Haus des Kardinals Pietro Bembo in Padua samt Inventar – darunter auch das Werk Mantegnas. Aus den 1520er Jahren stammt eine Beschreibung eines Bildes im Besitz von Kardinal Bembo, das auf unser Gemälde ziemlich genau zutrifft. Historische Quellen erwähnen das Werk als Inventar der „casa Bembo“ zuletzt im Jahre 1803.

Ein weiteres Siegel auf der Rückseite des Kunstwerks erzählt vom Aufbruch aus Italien. Es zeigt den gekrönten österreichischen Doppeladler und die umlaufende Beschriftung „C.R. ACCADEMIA DI MILANO* PER L´ESPORTAZIONE“. Dieses muss in den Jahren zwischen 1815 und 1819 aufgebracht worden sein: Diese Zeitspanne ergibt sich aus dem Regierungsantritt Franz des I. 1815 („F I.“ mittig im Siegel) und der Aufnahme des Bildes in die Sammlung Solly 1819. Die Akademie in Mailand war für die Ausfuhrgenehmigung aus dem Königreich der Lombardei zuständig.

Detail Rückseite, Darbringung im Tempel (Siegel der der Familie Gradenigo) © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie
Detail Rückseite, Darbringung im Tempel (Siegel der der Familie Gradenigo) © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie

Detail Rückseite, Darbringung im Tempel (Siegel: „C.R. ACCADEMIA DI MILANO* PER L´ESPORTAZIONE“) © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie
Detail Rückseite, Darbringung im Tempel (Siegel: „C.R. ACCADEMIA DI MILANO* PER L´ESPORTAZIONE“) © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie

Die „Sammlung Solly“ stammt von dem englischen Kaufmann Edward Solly, der im Handel zwischen Preußen und England tätig war. 1813 zog er von Danzig nach Berlin und nahm seine Sammeltätigkeit auf. Dabei kam auch das Werk Mantegnas nach Berlin und wurde 1819 im Schaudepot des Sammlers gelistet. Innerhalb weniger Jahre brachte Solly es auf 3012 Gemälde. Im Zuge finanzieller Schwierigkeiten wurde die Sammlung jedoch gepfändet und zum Verkauf angeboten. 1821 ging sie in den Besitz des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. über. Zwischen 1818 und 1821 wurde auf dem Werk von Mantegna ein Zettel mit den Maßen in Fuß („Pie“) und Zoll angebracht.

In den Jahren 1821-1824 kümmerte sich der deutsche Archäologe und Mitbegründer der Berliner Museen Aloys Hirt um die Auflösung der Sammlung Solly, davon zeugt ein Pfändungsstempel, der vermutlich nachträglich aufgebracht wurde.

Detail Rückseite, Darbringung im Tempel ("Sammlung Solly") © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie
Detail Rückseite, Darbringung im Tempel (“Sammlung Solly”) © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie

Detail Rückseite, Darbringung im Tempel ("Pfändungsstempel Sammlung Solly") © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie
Detail Rückseite, Darbringung im Tempel (“Pfändungsstempel Sammlung Solly”) © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie

Nach der Neueröffnung des Alten Museums im Jahre 1830 führte man peu à peu eine Inventarisierung der Werke durch. Dabei wurde Mantegnas Werk mit der Beschriftung „I.29“ sowohl mehrfach auf der Rückwand als auch auf dem Spannrahmen versehen (siehe Rückseite, Abb. 1). Unter dieser Inventarnummer ist das Werk heute noch in der Gemäldegalerie gelistet.

Eines der auffälligsten Siegel auf der Rückseite ist das der Königlichen Museen. Es wurde ab 1878 in eine gebohrte Vertiefung im Spannrahmen eingesetzt. Durch die Vertiefung sollte das Gemälde vor Diebstahl besonders geschützt sein.
1904 wurde das Gemälde dann aus dem Alten Museum in das sogenannte „Kaiser-Friedrich-Museum“, das heutige Bode-Museum, gebracht und dort ausgestellt.

Detail Rückseite, Darbringung im Tempel (Siegel der Königlichen Museen, 1878) © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie
Detail Rückseite, Darbringung im Tempel (Siegel der Königlichen Museen, 1878) © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie

Die Umbenennung der Museen ist eng mit der deutschen Geschichte verknüpft und erfolgte im Zuge der revolutionären Umbrüche im November 1918, als der Erste Weltkrieg verloren war und der deutsche Kaiser Wilhelm II. abdanken musste. Diese Vorgänge werden aus einem Inventarzettel ersichtlich, der in dieser Zeit angebracht wurde und die Umbenennung der Museen dokumentiert. Auch hier taucht die Inventarnummer 29 wieder auf.

Detail Rückseite, Darbringung im Tempel (Inventarzettel , nach 1918) © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie
Detail Rückseite, Darbringung im Tempel (Inventarzettel , nach 1918) © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gemälde gemeinsam mit vielen weiteren Kunstwerken zum Schutz in einem Bergwerk in Thüringen eingelagert, von wo es nach Kriegsende nach Wiesbaden gelangte. Dort war der Central Art Collecting Point, wo die alliierten Besatzungsmächte die Verschiffung bedeutender Kunstwerke nach Amerika organisierten. Nicht nur Mantegnas „Darbringung im Tempel“, sondern insgesamt mehr als 200 weitere Werke der Gemäldegalerie gingen im Dezember 1945 nach Washington in die National Gallery of Art. Vor der Ausreise brachte das Zollamt einen Zettel mit Stempel auf, der bis heute von dieser Episode erzählt.

Detail Rückseite, Darbringung im Tempel (Inventarzettel der Alliierten, nach 1945) © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie
Detail Rückseite, Darbringung im Tempel (Inventarzettel der Alliierten, nach 1945) © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie

Die Amerikaner dokumentierten die Überführung der Kunstwerke ihrerseits und brachten einen Inventarzettel mit neuer Nummerierung an. Einen solchen Zettel bekamen alle nach Washington verbrachten Gemälden aus Berlin. „KFM“ steht für den ehemaligen Standort im Kaiser-Friedrich-Museum.
In den USA wurde eine Ausstellungstournee für die Berliner Bilder geplant: von Washington über New York, Philadelphia, Chicago, Boston, Detroit, Cleveland, Minneapolis, San Francisco, Los Angeles, Saint Louis, Pittsburgh nach Toledo. Nur ca. die Hälfte der Bilder wurde auf der ganzen Tour gezeigt. Das Werk Mantegnas stellte man wegen seiner Fragilität nur auf der ersten Station aus.
1948 kehrte es nach Deutschland zurück und wurde in München und Wiesbaden gezeigt. Erst 1957 stand fest, dass das Gemälde zusammen mit der übrigen ehemaligen königlichen Sammlung zurück nach Berlin gehen und dort in Dahlem präsentiert werden sollte. Seitdem befindet es sich im Besitz der Gemäldegalerie und wird in der Regel in der Dauerausstellung am Kulturforum öffentlich präsentiert.
Das Gemälde ist eines der Hauptwerke der Ausstellung „Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance“, die derzeit in London und ab dem 1.März 2019 in der Gemäldegalerie gezeigt wird.

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