Die Neue Nationalgalerie im Blick: Zwei künstlerische Projekte während der Sanierungsphase

Auf Einladung der Nationalgalerie haben sich zwei Künstler mit dem aktuellen Zustand des Museums auseinandergesetzt: Veronika Kellndorfer und Michael Wesely eröffnen mit ihren Werken jeweils neue Perspektiven auf die Architekturikone.

Text: schmedding.vonmarlin.

Die in Berlin lebende Künstlerin Veronika Kellndorfer beschäftigt sich in ihrem Werk seit langem mit der Wirkung und der Bildsprache moderner Architektur. Im März 2015 verbrachte Kellndorfer ganze Tage in der leergeräumten Neuen Nationalgalerie, die kurz vor Beginn der Sanierungsarbeiten etwas verwahrlost wirkte, sich aber noch weitgehend im Originalzustand befand. Entstanden sind drei großformatige Siebdrucke auf Glas, ein Material, das bereits den Raumbegriff vieler Architekten der Moderne geprägt hatte. Insbesondere für Ludwig Mies van der Rohe war Glas zunächst ein Werkstoff der industriellen Ära, der Gebäuden den Ausdruck eines klaren Bekenntnisses zu den technischen Möglichkeiten ihrer Zeit verlieh. Schon Mies‘ Entwürfe von 1919 und 1921 für zwei Hochhäuser in Berlin waren geprägt von neuen Materialien und Bautechniken. Aber noch ein weiterer Faktor spielte bei den Entwürfen mit Glas eine bedeutende Rolle: das Konzept des fließenden Raumes. Mies war der Überzeugung, dass Architektur einen fließenden Übergang zwischen innen und außen herstellen sollte.

National Gallery, reflecting ashlars 2017, silkscreen on glass Courtesy of Veronika Kellndorfer and Christopher Grimes Gallery, Santa Monica, CA
National Gallery, reflecting ashlars 2017, silkscreen on glass Courtesy of Veronika Kellndorfer and Christopher Grimes Gallery, Santa Monica, CA
2017, silkscreen on glass Courtesy of Veronika Kellndorfer and Christopher Grimes Gallery, Santa Monica, CA
2017, silkscreen on glass Courtesy of Veronika Kellndorfer and Christopher Grimes Gallery, Santa Monica, CA

Mit ebenjener Transparenz und Überlagerung arbeitet auch Veronika Kellndorfer in ihren Siebdrucken. Sie nutzt die Durchsichtigkeit des Gebäudes als Ausgangspunkt, um komplexe visuelle Überlagerungen aus Innen- und Außenraum sowie Spiegelungen im Glas der Gebäudefassade zu erzeugen, die sich mit Reflexionen der jeweiligen Ausstellungssituation in den Kunstwerken überlagern. Damit verbindet sie die zwei Raumebenen der gesehenen und der erlebten Architektur miteinander, die den Betrachter*innen erlauben, neue Realitäts- und Bezugsebenen zu entdecken. Gleichzeitig lenken die Glasarbeiten von Kellndorfer den Blick auf Details: denn ihre Arbeiten basieren auf wohl überlegten Ausschnitten, die gelegentlich sogar farblich gefasst bis in die Verfremdung reichen.

Lichtmagie
Michael Wesely, ebenfalls ein in Berlin ansässiger Künstler, geht auch von Transparenz, vor allem aber von übergreifenden Lichtthemen aus. Im März 2016 installierte Wesely in der Mitte der oberen Ausstellungshalle der Neuen Nationalgalerie an einem von der Decke hängenden Stativ vier Kameras, die seither im Panoramaformat alle vier Seiten des Raumes aufnehmen. Mit seiner einzigartigen Technik der Langzeitbelichtung hält der Fotograf über die gesamte Dauer der Sanierungsphase das Geschehen auf der Baustelle fest. Der sonst mit analoger Langzeitbelichtung arbeitende Künstler setzt hier auf digitale Technik und nimmt in der Zeit von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang einzelne Bilder in minutenlanger Belichtung auf. Eine digitale Schichtung der Aufnahmen führt zu einem überzeitlichen Bild der Realität. Erste Auskopplungen dieser Aufnahmen sind hier im Blog abgebildet. Am Ende werden eigenständige fotografische Werke entstehen, in denen sich sozusagen das Leben des Gebäudes während der Sanierungsjahre eingeschrieben hat. Scharf und deutlich auf diesen vier Fotos werden nur jene Elemente zu sehen sein, die sich nicht bewegt haben, wie Teile des Daches oder Ausblicke auf Nachbargebäude. Alle Bewegungen und Handlungen werden nur als Spuren, als Zeichen ablesbar sein.

Neue Nationalgalerie Berlin (1.4.2016 - 26.4.2017) © Michael Wesely
Neue Nationalgalerie Berlin (1.4.2016 – 26.4.2017) © Michael Wesely
Neue Nationalgalerie Berlin (1.4.2016 - 3.10.2017) © Michael Wesely
Neue Nationalgalerie Berlin (1.4.2016 – 3.10.2017) © Michael Wesely

Besondere Bedeutung hat dabei der Lichteinfall. Wegen des weit auskragenden Daches kann das Sonnenlicht nur morgens und abends weit in das Gebäude eindringen. Diese dann sehr lichterfüllten Zeitmomente über den Tag ergeben in der Summe eine dementsprechend starke orange-rote Färbung. Magisch und zugleich auch fremdartig an Weselys Arbeiten bleibt gerade die Eigenschaft der in diesem Falle digitalen Langzeitbelichtung: nichts ist hier so wie es scheint. Der Klarheit und der Ruhe des Unbewegten steht das ungestüme Leben der Baustelle als schier nicht greifbare, als flüchtige Geisterwelt entgegen. Die Kompositionen ermöglichen gleichsam eine visuelle Archäologie der Sanierungsphase der Neuen Nationalgalerie.

Weitere Fotos von Michael Wesely von der Baustelle der Neuen Nationalgalerie gibt es auf Instagram. Michael Weselys Langzeitbelichtung bis zur Wiedereröffnung des Museums wird ermöglicht durch die Freunde der Nationalgalerie

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