Ein Haus im Grünen? Die Freianlagen der Neuen Nationalgalerie

Als die Neue Nationalgalerie 1995 unter Denkmalschutz gestellt wurde, betraf dies auch den Skulpturengarten. Unsere Redakteurin Constanze von Marlin hat sich mit der Landschaftsarchitektin Bettina Bergande über die Freiraumplanung der Neuen Nationalgalerie unterhalten.

Die Neue Nationalgalerie im Bau, Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, Reinhard Friedrich
Die Neue Nationalgalerie im Bau, Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, Reinhard Friedrich

Das Baufeld für die Neue Nationalgalerie im Berlin der 1960er Jahre war eine kriegszerstörte, abgeräumte Fläche. Doch historische Fotos zeugen auch von der grünen Umgebung: im Norden der bereits wieder heranwachsende Große Tiergarten und im Süden der zum Teil erhaltene alte Baumbestand und neue Pflanzungen am Ufer des Landwehrkanals. Mies van der Rohe hatte seit Beginn der Planungen für die Galerie des 20. Jahrhunderts die umgebende Natur im Blick, weit über den heute international bekannten Skulpturengarten hinaus. Ausgangspunkt für die Interpretation der konkreten Freiraumplanung ist der Lageplan von Mies, der in der Präsentationsmappe von 1963 enthalten ist.

Ludwig Mies van der Rohe: Präsentationsmappe für den Bau der Neuen Nationalgalerie, Lageplan, Foto: (c) bpk / Kunstbibliothek, SMB / Dietmar Katz
Ludwig Mies van der Rohe: Präsentationsmappe für den Bau der Neuen Nationalgalerie, Lageplan, Foto: (c) bpk / Kunstbibliothek, SMB / Dietmar Katz

Von Anfang an zentrales Anliegen
Für den Plan wählte der Architekt einen relativ großen Stadtausschnitt. Zu erkennen ist die Positionierung des quadratischen Gebäudes, die sich am ehemals orthogonalen Stadtgrundriss des historischen Tiergartenviertels mit der Matthäuskirche im Zentrum orientiert. Ebenso lässt sich die Form und Struktur des Bauwerks mit seiner Quadratrasterung erkennen. Die strenge Geometrie wird allerdings durch die Darstellung unzähliger, lockerer Baumpflanzungen zurückgenommen, deren Dichte in der heutigen Stadtlandschaft kaum erreicht wird. Visuell sehr eindrücklich wird hier der Naturbezug Mies’scher Architektur in Szene gesetzt. Die Architektur in ihrer stadt- und landschaftsräumlichen Einbindung war Mies von Anfang an ein zentrales Anliegen. Seit 2013 beschäftigt sich die Landschaftsarchitektin Bettina Bergande vom Büro TOPOS im Rahmen der Fachplanung für die Freianlagen der Neuen Nationalgalerie mit dem Thema. Sie erläutert die beiden Funktionen der gärtnerischen Anlagen, zum einen als Fortsetzung der Ausstellungsflächen im Untergeschoss in den Skulpturengarten und der oberen Halle auf die Terrasse, zum anderen als Einbettung in den begrünten Stadtraum.

Der Skulpturengarten zur Eröffnung des Museums, Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, Reinhard Friedrich
Der Skulpturengarten zur Eröffnung des Museums, Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, Reinhard Friedrich

Der Skulpturengarten ist über die gesamte Gebäudebreite nur durch Glasscheiben von der Ausstellungshalle getrennt. Die fünf Meter hohen Umfriedungen rufen im Zusammenspiel mit der Bepflanzung und dem Wasserbecken den introvertierten und kontemplativen Charakter des Gartens hervor, der die Begegnung mit den in lockerer Anordnung verteilten Skulpturen unterstützt. Im Gegensatz zur klimatisierten, temperierten und gleichmäßig ausgeleuchteten Ausstellungsfläche ist die Betrachtung der Kunstwerke im Freien vom wechselnden Wetter, Licht und Jahreszeiten beeinflusst. Mies plante eine visuelle Anbindung an das umgebende Grün mit ein. Dabei wurde er durch den Berliner Gartenarchitekten und Gartenamtsleiter Eberhard Fink unterstützt. Auf einem Ausflug in den nahe gelegenen Tiergarten suchten beide nach Baumarten, die Mies Vorgaben entsprachen. Es sollten feinblättrig gefiederte Bäume mit großen, unregelmäßigen und leicht lichtdurchlässigen Kronen sein. Die Wahl fiel in der Mehrzahl auf Gleditschien und Silberahorne. Um eine Kontinuität zwischen Skulpturengarten und Umgebung herzustellen, wurden die beiden Baumarten auch auf der Terrasse und der umgebenden Grünfläche gepflanzt.

Angehobene Platten und Verwerfungen im Bodenbelag im Skulpturengarten, Foto: schmedding.vonmarlin.
Angehobene Platten und Verwerfungen im Bodenbelag im Skulpturengarten, Foto: schmedding.vonmarlin.

Veränderter Charakter
Als Bettina Bergande am Konzept zum Erhalt und zur Wiederherstellung des Gartendenkmals im Rahmen der Grundinstandsetzung der Neuen Nationalgalerie zu arbeiten begann, fand sie einen Erhaltungszustand der Grünanlagen vor, der zu einem wesentlichen Teil nicht mehr dem Bestandsplan von 1967/68 entsprach und zudem gravierende Sicherheitsmängel vorwies. Angehobene Platten und Verwerfungen im Bodenbelag führten – neben klimatechnischen Gründen – dazu, dass der Zugang zum Skulpturengarten bereits seit vielen Jahren gesperrt werden musste. Durch die Art der Pflege hatte sich auch der Charakter der Anlage entscheidend verändert.

Feuerdorn-Unterpflanzung im Skulpturengarten im Jahr 2013, Foto: Bettina Bergande
Feuerdorn-Unterpflanzung im Skulpturengarten im Jahr 2013, Foto: Bettina Bergande

Waren die Feuerdorne im Skulpturengarten und auf der Terrasse ursprünglich als lockere Unterpflanzung der Bäume gedacht, hatte ihre Form durch den Beschnitt inzwischen eine kompakte und geometrische Form angenommen. Über die Jahre blieben auch die Eigenschaften der Gleditschien und Silberahorne als Flachwurzler nicht ohne Folgen. Vom Habitus entspricht der Baum den Vorstellungen von Mies, bei der Anpflanzung wurde allerdings das aggressive und ausbreitungsfreudige Wurzelwachstum nicht berücksichtigt. Deshalb werden zukünftig die Beete seitlich begrenzt und den Bäumen unter dem Plattenbelag größere Durchwurzelungsräume gegeben. Einzelne Beete werden im Zuge der Grundinstandsetzung leicht vergrößert.

Plan „Bäume – Bestand und Verluste“, Plan: BBR/TOPOS, 2013
Plan „Bäume – Bestand und Verluste“, Plan: BBR/TOPOS, 2013

Schäden durch Wurzelwerk
Zur detaillierten Vorplanung des Büros TOPOS Landschaftsplanung gehört auch der Vergleich des durch Mies freigegebenen Plans für die Außenanlagen von 1967 mit dem Bestandsplan von 1969 nach der Ausführung sowie einer Bestandsaufnahme der Bäume aus dem Jahr 2013. Die Analyse des Bestands und der Verluste führten zu einer denkmalpflegerischen Bewertung. Auf der Terrasse sind eine Robinie und eine Ulme sowie im Skulpturengarten eine Birke gewachsen, die weder geplant waren noch dem bauzeitlichen Zustand entsprechen. Immer unter der Maßgabe des größtmöglichen Erhalts und der denkmalgerechten Wiederherstellung der Außenanlagen, aber auch der unumgänglichen Grundinstandsetzung der Bausubstanz wurden Fällempfehlungen erarbeitet. Die Demontage der Granitplatten im Skulpturengarten hat das Schadensbild durch das Wurzelwerk erst in vollem Umfang sichtbar gemacht und die bisherigen Entscheidungen bekräftigt.

Freigelegte Gleditschien-Wurzeln unter den Platten im Skulpturengarten, Foto: Jürgen Liehr
Freigelegte Gleditschien-Wurzeln unter den Platten im Skulpturengarten, Foto: Jürgen Liehr

Gemäß dem abgestimmten städtebaulichen und denkmalpflegerischen Leitbild für den Skulpturengarten führt Bettina Bergande verschiedene Maßnahmen auf. Dazu gehören die Wiederherstellung der Bepflanzung des Gartenhofs mit höhengestaffelter Pflanzung und Wandberankung, Artenzusammensetzung und Baumstandorte, außerdem modellierte Pflanzenbeete, der Erhalt beziehungsweise die Sanierung des Wasserbeckens einschließlich der Springbrunnendüsen und mobilen Unterwasserscheinwerfern, der Wiedereinbau des originalen Granitplattenbelags und der Granitbänke sowie die Wiederherstellung der rahmenden Pflanzung mit Laubbäumen außerhalb der Mauer.

Besonders die Platten um die Pflanzbeete sind durch Wurzeln beschädigt, Foto: schmedding.vonmarlin.
Besonders die Platten um die Pflanzbeete sind durch Wurzeln beschädigt, Foto: schmedding.vonmarlin.
Der Standort der Silber-Ahorne auf der Terrasse stimmt mit der Planung von 1967 überein, Foto: schmedding.vonmarlin.
Der Standort der Silber-Ahorne auf der Terrasse stimmt mit der Planung von 1967 überein, Foto: schmedding.vonmarlin.

Eine Chance für den ganzen Bereich
Das Bearbeitungsgebiet für die Freiraumplanung ist natürlich auf das Grundstück der Neuen Nationalgalerie einschließlich der Privatstraße und der Gehwegflächen, die einheitlich mit Granit-Mosaikpflaster befestigt sind, begrenzt. Ein wesentlicher Teil der Vorplanung von TOPOS besteht aber darin, das gesamte Grundstück wie auch das städtebauliche Umfeld bis hin zum Reichpietschufer in das denkmalpflegerische Leitbild einzubeziehen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Bezirk Mitte wurden in gemeinsamen Gesprächen auf der politischen Ebene gebeten das Umfeld überarbeiten bzw. bereinigen zu lassen, um dem Anspruch der Neuen Nationalgalerie gerecht zu werden.

Dazu wurden Vorschläge unterbreitet, u.a. Baumpflanzungen auf den Straßenmittelbereichen und am Landwehrkanal sowie auch die Entfernung von Stromkästen. Jedoch ist im Umfeld die Aktivität Berlins gefragt. „Die Grundinstandsetzung des Museums ermöglicht die Chance, auch die Freianlagen außerhalb des Baudenkmals, die jedoch zum Denkmalensemble des Kulturforums gehören, unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten instand zu setzen.“ Bettina Bergande ist dieser Aspekt so wichtig, weil die Ausstrahlung des Gebäudes in seiner Geometrie und Strenge der Architektur von dem Kontrast zu einer vegetabilen, grünen Umgebung lebt. In der oberen Ausstellungshalle weitet sich der Blick nicht nur zur Matthäuskirche sondern auch in den südwestlichen Landschaftsraum, bildhaft gerahmt durch die großen Glasscheiben.

Text: schmedding.vonmarlin.

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