Ein surrealistisches Delikt: Max Ernst und die ägyptische Schrift

Max Ernst und Ägypten – was zunächst klingt wie ein ausgewachsener surrealistischer Widerspruch bietet Kuratorin Kyllikki Zacharias Anlass zu einer Ausstellung, die das Werk des berühmten Surrealisten in einem neuen Licht erscheinen lässt. Erstmals werden dabei Verbindungen zwischen der surreal-fantastischen Kunst Max Ernsts und den Schmuckstücken der alten Ägypter geknüpft.

Text von Christine Haller

Max Ernst hat Ägypten nie bereist. Dennoch tauchen im umfangreichen Œuvre des 1891 bei Köln geborenen Künstlers immer wieder Zeichen und Symbole auf, die stark an die altägyptischen Bilderwelten erinnern. Die Ausstellung „Max Ernst, Zeichendieb“ zeigt neben Gemälden, Grafiken, Collagen, Frottagen und Skulpturen des Künstlers Werke aus dem Ägyptischen Museum, die diese überraschenden Bezüge beleuchten. Im Zentrum steht hierbei eine Geheimschrift, die den Hieroglyphen der Ägypter auf verblüffende Weise ähnelt.

„Max Ernst, Zeichendieb“, Ausstellungsansicht Sammlung Scharf-Gerstenberg, 2018  © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / David von Becker  © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
„Max Ernst, Zeichendieb“, Ausstellungsansicht Sammlung Scharf-Gerstenberg, 2018
© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / David von Becker © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Der Eintritt in die Ausstellung erfolgt durch das monumentale Kalabscha-Tor, ein Relikt des Ägyptischen Museums, das sich vor seinem Umzug auf die Museumsinsel hier befand. Ihm gegenüber steht die überlebensgroße und nicht weniger imposante Skulpturengruppe “Capricorn”. Max Ernst, der sich 1924 den Pariser Surrealisten angeschlossen hatte und sich zeitlebens mit der Einbeziehung des Unbewussten in den künstlerischen Gestaltungsprozess beschäftigte, hatte sie 1948 geschaffen. Beide Kunstwerke rahmen die Ausstellung und geben somit einen Raum frei, in dem sich ein lebhafter Dialog zwischen Max Ernst und den ägyptischen Kunstformen entfaltet.

Eine labyrinthische Reise in die ägyptischen Welten des Surrealismus

Einmal in diese Welt eingetreten, erstreckt sich die Ausstellung über mehrere kleine Kabinette, die in ihrer Verwinkelung an die labyrinthischen Gänge ägyptischer Grabkammern erinnern. Hinter jedem Eingang verbirgt sich eine neue Welt, bekannte und weniger bekannte Werke Max Ernsts stehen den faszinierenden Kunstwerken der Ägypter gegenüber. Ein von Max Ernst in seiner Geheimschrift verfasster Brief an den Freund und Filmemacher Peter Schamoni hängt neben originalen Papyri mit koptischen Zaubertexten, die zum Vergleich einladen. In einem anderen Raum hängt eine einzelne Grafik mit dem Titel “Hibou (Eule)”, die eine der für Max Ernst typischen Vogelkreaturen abbildet. Vor ihr ist eine Schar von ägyptischen Falken aufgereiht. Beide Vogelinterpretationen harmonieren so eindringlich miteinander, dass es schwer fällt zu glauben die Falken haben nicht als Vorlage für seine Hibou gedient.

„Max Ernst, Zeichendieb“, Ausstellungsansicht Sammlung Scharf-Gerstenberg, 2018  © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / David von Becker
„Max Ernst, Zeichendieb“, Ausstellungsansicht Sammlung Scharf-Gerstenberg, 2018
© VG Bild-Kunst Bonn, 2019
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / David von Becker

Im Zentrum der Ausstellung steht die Grafikmappe “Maximiliana” (1964), für die Max Ernst eigens seine Geheimschrift entwickelte. Wie kleine Figuren huschen die kryptischen Zeichen über das Papier und ähneln dabei auf unverkennbare Weise den Hieroglyphen auf dem Kalabscha-Tor. Die Mappe ist außerdem eine Hommage an den Amateurastronomen und Lithografen Ernst Wilhelm Leberecht Tempel (1821–1889), der sich im 19. Jahrhundert der Beobachtung der Sterne verschrieb, ohne jemals ein Diplom in dieser Disziplin zu erlangen. Bei seinen Beobachtungen mit einem einfachen Handteleskop entdeckte er 1861 einen Stern, den er Maximiliana nannte. Max Ernst, der auf den Namen Maximilian Maria getauft war, begeisterte nicht nur die Namensverwandtschaft mit dem Planeten, sondern auch die vielen Parallelen zwischen seinem eigenen und dem Leben Tempels. Ernst hatte zwar Altphilologie, Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte studiert; in seiner beruflich ausgeführten Disziplin als Maler blieb er jedoch ein überzeugter Autodidakt und wie Tempel diplomlos. Beide befanden sich eine Zeit ihres Lebens im Exil und kannten die mit der Emigration verbundenen Schwierigkeiten und Herausforderungen.

Die diebischen Freuden des Max Ernst

Das Werk des Surrealisten ist durchsetzt von Geheimnissen und Diebstählen – es lebt von Inkohärenzen, wie es für die Kunst des Surrealismus ganz allgemein charakteristisch ist. Des-halb heißt die Ausstellung in der Sammlung Scharf-Gerstenberg auch „Zeichendieb“. Max Ernst wird hier zu einem Ganoven, der es versteht, seine Spuren geräuschlos und unaufge-regt zu verwischen. Nicht nur die Zeichen der alten Ägypter boten ihm dabei reichlich Stoff: Für seine Collagenromane nutzte der Künstler vorgefundene Bilder, die er zu Neukreationen zusammenfügt, stets darauf bedacht, die Kleberänder und somit den Ursprung des neu ent-standenen Bildes zu kaschieren. Auch die Frottage-Technik ist eine heimliche Aneignung. Hierbei legt der Künstler ein Blatt Papier auf Holzdielen, Baumrinden oder einen Faden und reibt die Texturen mit einem Stift durch. Die sich zufällig ergebenden Strukturen bilden die Grundlage für die surrealen Mischwesen, Naturformen und Landschaften, von denen Beispiele in der Ausstellung zu sehen sind. Zusammen mit den vielen weiteren präsentierten Werken sind sie das Ergebnis der diebischen Freuden Max Ernsts.

„Max Ernst, Zeichendieb“, Ausstellungsansicht Sammlung Scharf-Gerstenberg, 2018  © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / David von Becker
„Max Ernst, Zeichendieb“, Ausstellungsansicht Sammlung Scharf-Gerstenberg, 2018
© VG Bild-Kunst Bonn, 2019
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / David von Becker

Eine Faszination für Kunstformen außereuropäischer Kulturen ist bei den meisten Avantgarden des 20. Jahrhunderts erkennbar. Ein Blick in das rekonstruierte Arbeitszimmer des Wortführers der Surrealisten, André Breton, belegt dessen Sammelleidenschaft für afrikanische Objekte. Das Zimmer ist bis an den Rand gefüllt mit Figuren, rituellen Masken und weiteren Objekten nicht-westlicher Kulturen. Max Ernst, der einige Jahre in Nachbarschaft der Hopi- und Zuni-Indianer im US-Amerikanischen Wüstenstaat Arizona lebte, hegte eine ausgeprägte Sammelleidenschaft für ihre Kachina-Puppen. Diese facettenreichen Kunstformen schlagen sich nicht nur in den Werken von Max Ernst nieder, Grundformen afrikanischer oder ozeanischer Masken finden sich in zahlreichen Werken seiner Zeitgenossen Paul Klee und Pablo Picasso oder in den Collagen von Hannah Höch. Die Ausstellung trägt dazu bei, diese Verbindungen bei Max Ernst zu verdeutlichen und neue Aspekte im Œuvre des Surrealisten zu beleuchten.

Die Ausstellung „Max Ernst, Zeichendieb“ ist noch bis 28.4.2019 in der Sammlung Scharf-Gerstenberg zu sehen.

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2 Kommentare

  1. Ursula Heimann - 9. März 2019, 14:09 UHR

    Danke für diese wunderbaren Hinweise auf die Ausstellung, die Lust darauf machen, diese Ausstellung zu sehen? Ich war lange nicht mehr im Museum. Darf ich eigentlich auch mit dem Rollator rein? Ich kann leider schlecht laufen.

    1. Redaktion - 11. März 2019, 13:48 UHR

      Liebe Frau Heimann, vielen Dank für Ihr Interesse! Die Sammlung Scharf-Gerstenberg ist barrierefrei, d.h. sie ist sowohl für Rollstuhlfahrer*innen aus auch Nutzer*innen von Rollatoren zugänglich.

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