Faulige Birnen und wuchernde Installationen – „Prozesskunst und das Museum“ im Hamburger Bahnhof

Seit den 1960er Jahren entsteht Kunst, die auf Veränderung angelegt ist. Welche Probleme dies mit sich bringt, diskutierten Konservatoren, Restauratoren und Kuratoren auf der Tagung „Prozesskunst und das Museum“ im Hamburger Bahnhof. Praktikantin Sina Herrmann war dabei.

Formen der Veränderlichkeit finden sich in der Kunst seit den 60er Jahren immer häufiger. So auch im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin: Zur Sammlung gehört beispielsweise die Arbeit „Ohne Titel“ (2000) von Urs Fischer, bei der eine Apfel- und eine Birnenhälfte zusammengeschraubt werden, die während der Ausstellungszeit einem gnadenlosen Verfall ausgesetzt sind. Auch die in den Rieck-Hallen des Hamburger Bahnhofs ausgestellte „Gartenskulptur“ Dieter Roths ist ein gutes Beispiel für prozessual angelegte Kunst. Angefangen als einfaches Gestell in einem Garten, ist diese seit 30 Jahren zu einer nun fast 40 Meter langen Installation „ausgewuchert“. Prozesskunst ist in diesem Falle also nicht als Kunstgattung anzusehen, sondern umfasst Werke, die sich über die Zeit verändern.

Urs Fischer, Ohne Titel, 2000, Friedrich Christian Flick Collection  Courtesy: Galerie Eva Presenhuber, Zürich © Urs Fischer Fotograf: Stefan Altenburger, Zürich
Urs Fischer, Ohne Titel, 2000, Friedrich Christian Flick Collection
Courtesy: Galerie Eva Presenhuber, Zürich © Urs Fischer
Fotograf: Stefan Altenburger, Zürich
Dieter Roth / Björn Roth: Gartenskulptur, 1968 ff., 2008 Schenkung der Friedrich Christian Flick Collection Courtesy: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, 2008 Schenkung der Friedrich Christian Flick Collection / Dieter Roth Estate Foto: bpk / Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin SMB / Fotograf: Thomas Bruns
Dieter Roth / Björn Roth: Gartenskulptur, 1968 ff., 2008 Schenkung der Friedrich Christian Flick Collection
Courtesy: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, 2008 Schenkung der Friedrich Christian Flick Collection / Dieter Roth Estate
Foto: bpk / Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin SMB / Fotograf: Thomas Bruns

Das Museum muss mit diesen neuen Kunstgattungen umzugehen lernen, denn eine der Hauptaufgaben der Museumsarbeit ist es, für den Erhalt und die Konservierung von Kunstwerken zu sorgen. Der vom Künstler implizierte Verfall der Werke steht dazu jedoch bisweilen im Widerspruch. Dieser Widerspruch wirft Fragen auf: Welche konservatorischen Strategien werden bezüglich der neuen Kunstformen bereits verfolgt und wie lassen sich diese praktizieren? Welchen Einfluss hat das Museum, wenn es die Werke in den Kontext des Sammelns, Bewahrens und Ausstellens einordnet? Und gleichwohl: Wie ändert sich die Institution des Museums selbst in ihrer Arbeit sowie in ihrer Selbstreflexion, wenn sie mit diesen neuen Kunstgattungen konfrontiert wird?

Beispiele aus der musealen Praxis
Bei der Tagung „Prozesskunst und das Museum“ am 19. Februar 2016 wurden diese und weitere Fragen diskutiert. Hierbei kamen alle Vertreter des Museumsbetriebs, vom Ausstellungskurator über den Depotverwalter und Restaurator bis hin zu mit diesem Thema befassten Wissenschaftlern und anderen Interessierten auf ihre Kosten. So konnte den Teilnehmern ein umfangreicher Einblick in die aktuellen Praktiken und Forschungstätigkeiten gegeben werden.

Diskussionsrunde, Foto: Ida Havemann
Diskussionsrunde, Foto: Ida Havemann

Den Einstieg lieferte Peter Schneemann von der Universität Bern, der über die Rekonstruktion und Vermittlung historischer Prozesskunst sprach. Ein Beispiel war unter anderem die museale Wiederaufführung der wegweisenden, damals skandalisierten Ausstellung „Live in Your Head – When Attitudes Become Form“, die 1969 in Bern stattfand und in der erstmals prozesshaft arbeitende Künstler in einem größeren Rahmen ausgestellt wurden. Kuratorische Überlegungen zu einer Neuinszenierung der bereits zu Ikonen gewordenen Ausstellungsbilder wurden hierbei diskutiert.

IJsbrand Hummelen von der Cultural Heritage Agency war extra aus Amsterdam angereist, um über den konservatorischen Umgang in der musealen Praxis mit Jean Tinguely’s „Gismo“ von 1960 zu sprechen. Hierbei wurde die Spannung zwischen der Erhaltung des Originalmaterials und der Funktion besonders deutlich. Da sich „Gismo“ als handlungsorientiertes Kunstwerk durch Materialverschleiß selbst zu zerstören droht, wurden Ausstellungskonzepte vorgestellt, durch die das Werk in seinem jetzigen Zustand erhalten werden kann, ohne ihm jedoch seinen Benutzungscharakter zu nehmen.

Installationsmanuals und Verfallsdaten
Über die Probleme bei der Erstellung von Installationsmanuals als neue Quellengattung für Installationskunst berichtete der Manager der Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof, Patrick Peternader. Installationsmanuals sind dem Werk im Depot beigelegt und sollen als eine Art „Bauanleitung“ einen problemlosen Aufbau großer Installationen auch nach jahrelanger Lagerung im Depot und Mitarbeiterwechsel gewährleisten. Wie die Erstellung eines solchen Manuals diesen Anspruch überhaupt erfüllen kann, wurde hier diskutiert.

Die Herausforderungen bei der Konservierung von digitaler Kunst, die unmittelbar nach ihrem Entstehen an die technische Weiterentwicklung angepasst werden muss und von extremer Schnelllebigkeit geprägt ist, wurden von Bernhard Serexhe vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe vorgestellt. Als Beispiel wurde unter anderem die Arbeit von „Me“ von Marc Lee (2015) genannt, welche die verblüffende Funktion des Geotaggings zahlreicher Internet-Kommunikationsdienste visuell aufzeigt, indem die genaue Standortangabe einer soeben entstandenen Bildaufnahme registriert und innerhalb von Sekunden bis auf wenige Meter genau angezeigt werden kann. Aufgrund ihres komplexen Aufbaus und technischen Aufwands muss die Arbeit vom Künstler stets neuen Updates unterzogen werden. Bei anderen Arbeiten hingegen wäre der technische Aufwand für eine Erhaltung zu groß, sodass eine Selektion teilweise nicht vermieden werden kann.

Patrick Peternader. Foto: Lina Rehork
Patrick Peternader. Foto: Lina Rehork

Das Problem des Ankaufs von Performance Kunst mit generellem Blick auf die Frage des Kunstbesitzes wurde von Vivian van Saaze von der Universität in Maastricht thematisiert. Ein wichtiger Aspekt ihres Vortrags war die Wiederaufführung von Performances, deren „Erhaltung“ naturgemäß besondere Schwierigkeiten mit sich bringt.
Bärbel Otterbeck, Restauratorin für zeitgenössische Kunst in Stuttgart, stellte konservatorische Fragen an die Erhaltung von organischen Kunstwerken der Eat Art und lieferte spannende Beispiele der praktischen Umsetzung.
Die Frage, wie weit die Interpretationsfreiheit eines Kurators gehen kann, wenn es um den Wiederaufbau von ortsbezogenen Werken eines Fred Sandback oder Bill Bollinger aus den 1960er und 1970er Jahren geht, wurde aus der Sicht Christiane Meyer-Solls, Kuratorin des Kunstmuseums Liechtenstein, dargestellt.

Koffein und neue Perspektiven
Für die nötige Koffeinzufuhr sorgte ein „Kaffeefahrrad“, an dem die rund 120 aufmerksamen Teilnehmer mit selbstgebackenem Kuchen und äußerst leckerem Kaffee verköstigt wurden. So konnten die Stimmung und Konzentration, die das geballte Programm von den Zuhörern und Referenten abverlangte, aufrechterhalten und die Diskussionen in Nebengesprächen vertieft werden.

Carolin Bohlmann bei der Eröffnungsrede. Foto: Ida Havemann
Carolin Bohlmann bei der Eröffnungsrede. Foto: Ida Havemann

Für mich als Praktikantin war es besonders spannend zu sehen, was in der aktuellen Forschung zu diesem Thema passiert. Während meines zweimonatigen Praktikums wurde ich von den Organisatorinnen Carolin Bohlmann, Restauratorin am Hamburger Bahnhof, und Angela Matyssek, Kunsthistorikerin an der Philipps-Universität in Marburg, bereits in die Vorbereitungen zur Tagung involviert. Während der Tagung, die an Diskurse und Diskussionen der 1970er und 1990er Jahre anknüpft, wurde dann inintensiver Form aufgezeigt, welche Herausforderungen die zeitgenössische Kunst einem Museum stellen kann. Hierdurch haben sich neue Perspektiven eröffnet, die mir vorher nicht bewusst waren. Es war zudem sehr bereichernd zu sehen, wie die Museums- und Universitätskolleginnen Carolin Bohlmann und Angela Matyssek in einem gemeinsamen Projekt arbeiten und ihre Interessen zusammenführen.

Eine Publikation zur Tagung ist in Planung.

1 Kommentar

  1. sabine rhein -herrmann - 19. März 2016, 17:39 UHR

    danke, für den beitrag von sina herrmann. sehr informativ und treffend. wird in den nächsten jahren, für Sammler und Museen ein Problem. hoffe auf lösungen.

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