Geschichte in Scherben: Die Grabvasen der Antikensammlung

Als sie 1977 in der Antikensammlung anfing, hielt Ursula Kästner die Folgen des Zweiten Weltkriegs förmlich in den Händen: Zahlreiche Objekte – unsortiert, beschädigt, unzeigbar. Mit ihrer Ausstellung zu antiken Großvasen nimmt die Kustodin Abschied von der Museumsinsel und einer ihrer letzten Sammlungsruinen.

Frau Kästner, was war Ihr erstes Einsatzgebiet, als Sie an die Antikensammlung kamen?
Ich kümmerte mich um einen Teilbestand der Architektur Pergamons. Mit einem alten Notizbuch eines Pergamon-Ausgräbers und Fachpublikationen ausgestattet machte ich mich daran, Objekt um Objekt zu identifizieren – eine echte Geduldsarbeit.

Wieso war es nötig, das Material wieder zu sortieren?
Vieles der Antikensammlung stammt aus Fundteilungen von Grabungen im 19. Jahrhundert und alten Beständen. Der Zweite Weltkrieg wirbelte die Sammlung gehörig durcheinander, denn bis auf die Monumentalarchitektur mussten die Museen zum Schutz geräumt werden. Ein Teil kam in die Keller des Pergamonmuseums. Den anderen schaffte man in Bunker inner- und außerhalb Berlins. Nach 1945 brachten die Alliierten zahlreiche Objekte zu „Collecting Points“ und später nach West-Berlin. Der Sammlungsteile in der sowjetischen Besatzungszone gingen nach Russland. Was von dort zurückkam, ist in Ost-Berlin registriert und identifiziert worden – dazu brauchte es aber mehrere Jahrzehnte bis heute.

Ursula Kästner © SPK / Werner Amann
Ursula Kästner © SPK / Werner Amann

Macht sich das in der Antikensammlung auch heute noch bemerkbar?
Definitiv. Folgen des Krieges sind die Verluste, welchen wir in den verschiedenen Sammlungsbereichen nachspüren. Nun habe ich die große Überraschung erlebt, dass sich noch eine Menge kriegsbedingt verlagerte Vasen in Moskauer Museen befinden. Erfreulicherweise haben wir die Chance, gemeinsam mit den russischen Museen diese Bestände zu erforschen. Andererseits spüren wir auch den Provenienzen unserer Objekte nach und konnten ein Projekt zum Fremdbesitz beginnen.

In der Ausstellung „Gefährliche Perfektion – Antike Grabvasen aus Apulien“ zeigen Sie Objekte aus der Antikensammlung, die wiederhergestellt werden mussten. Wie kam es dazu?
Meine letzte Ausstellung dreht sich um dreizehn Vasen des 4. Jahrhunderts v. Chr. aus Apulien in Süditalien. Sie zählten zu den letzten „Kriegsruinen“ unserer Vasensammlung. Man hatte sie im 19. Jahrhundert zerbrochen gefunden und mit Leim gekittet. Viele dieser alten Klebungen sind im Krieg wieder aufgegangen und die Vasen sind erneut zerfallen. Seit 2008 haben wir sie zusammen mit dem amerikanischen J. Paul Getty Museum mit modernsten Methoden vollends hergerichtet und ihre Geschichte genau untersucht. Heute können wir sie endlich wieder präsentieren.

Die schlanke Loutrophoros F 3264 sieht auf den ersten Blick fast intakt aus. Nur die Fehlstelle am Deckel weist darauf hin, dass hier Restaurierungen notwendig waren. Unter UV-Licht wird jedoch klar, dass große Teile des Gefäßkörpers phantasievolle Ergänzungen oder Übermalungen des 19. Jh. sind, v.a. der Reiter in der unteren Reihe. © Courtesy J. Paul Getty Museum; photos: Tahnee Cracchiola’
Die schlanke Loutrophoros F 3264 sieht auf den ersten Blick fast intakt aus. Nur die Fehlstelle am Deckel weist darauf hin, dass hier Restaurierungen notwendig waren. Unter UV-Licht wird jedoch klar, dass große Teile des Gefäßkörpers phantasievolle Ergänzungen oder Übermalungen des 19. Jh. sind, v.a. der Reiter in der unteren Reihe. © Courtesy J. Paul Getty Museum; photos: Tahnee Cracchiola’

Im Projekt wurden also die Restaurierungen aus dem 19. Jahrhundert restauriert?
Nicht immer. Diese Vasen wurden als Scherben im 19. Jahrhundert geborgen und schon beim Zusammensetzen merkte man damals, dass Einiges fehlte. In dieser Zeit zögerte man nicht, solche Leerstellen auszumalen, auch wenn das Ursprungsbild nicht mehr da war. Manche Szenen wurden sogar neu hinzugefügt. In der antiken Vasenmalerei zählt aber jedes Detail. Ist eine Stelle verfälscht, kann sich die Bedeutung der ganzen Figur und Szene ändern. Die Vase erzählt plötzlich eine andere Geschichte.

Wie haben Sie diese Stellen identifiziert?
Nicht alles ist mit bloßem Auge erkennbar. Unter UV-Licht beginnen die hinzugefügten und übermalten Stellen aber zu leuchten, da sie andere Farbmittel aufweisen als das Original. Dass man im 19. Jahrhundert nicht zimperlich war, sieht man, wenn man die Vasen röntgt. Dann zeigen sich im Innern Metallklammern. Die Restauratoren in Neapel haben die Vasen nicht nur geklebt, sondern auch ‚zusammengetackert‘. Um das Flickwerk zu verkaufen, beklebten sie sie innen mit Textil und verschmierten sie. Manche waren dabei unglaublich geschickt. Schaute der Sammler dann hinein, freute er sich über eine scheinbar intakte Vase mit ‚antiker‘ Erdkruste.

Bildunterschrift: Die schlanke Loutrophoros F 3264 sieht auf den ersten Blick fast intakt aus. Nur die Fehlstelle am Deckel weist darauf hin, dass hier Restaurierungen notwendig waren. Unter UV-Licht wird jedoch klar, dass große Teile des Gefäßkörpers phantasievolle Ergänzungen oder Übermalungen des 19. Jh. sind, v.a. der Reiter in der unteren Reihe. © Courtesy J. Paul Getty Museum; photos: Tahnee Cracchiola’
Die schlanke Loutrophoros F 3264 sieht auf den ersten Blick fast intakt aus. Nur die Fehlstelle am Deckel weist darauf hin, dass hier Restaurierungen notwendig waren. Unter UV-Licht wird jedoch klar, dass große Teile des Gefäßkörpers phantasievolle Ergänzungen oder Übermalungen des 19. Jh. sind, v.a. der Reiter in der unteren Reihe. © Courtesy J. Paul Getty Museum; photos: Tahnee Cracchiola’

Warum haben Sie diese Elemente nicht entfernt?
Unsere Kollegen in den USA und wir haben dazu lange und hartnäckig diskutiert. An mehreren Vasen haben wir die Ergänzungen des 19. Jahrhunderts entfernt, weil sie unansehnlich geworden waren und wegen der Stabilität des Gefäßes. Bei zwei Vasen haben wir uns aber dagegen entschieden und sie in ihrem Zustand belassen. Diese Vasen sind – im wahrsten Sinne des Wortes – verklammert mit dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Diesen Teil ihrer Geschichte auszulöschen erschien uns falsch, immerhin sind die hinzugefügten Malereien Zeugnisse eines ganz eigenen Zeitgeistes.

Geht man heute also unverkrampfter mit den wechselvollen Biographien von Kulturgütern um?
Man ist nun offener, ja. Bis weit in die 1980er Jahre war das anders. In den Wohnzimmern wurden an den Jugendstilschränken die Verzierungen abgeschlagen. Man war gnadenlos sachlich. Auch in Museen hatte man sehr lange wenig Sinn für die Methoden des 19. Jahrhunderts. Viele alte Ergänzungen und Zusätze wurden in den 1960ern demontiert. Diese Entrestaurierungswut hat sich überlebt. Heute beschäftigen sich Museen viel stärker mit dem Werdegang von Objekten und machen ihn für Besucher sichtbar.

Die schlanke Loutrophoros F 3264 sieht auf den ersten Blick fast intakt aus. Nur die Fehlstelle am Deckel weist darauf hin, dass hier Restaurierungen notwendig waren. Unter UV-Licht wird jedoch klar, dass große Teile des Gefäßkörpers phantasievolle Ergänzungen oder Übermalungen des 19. Jh. sind, v.a. der Reiter in der unteren Reihe. © Courtesy J. Paul Getty Museum; photos: Tahnee Cracchiola’
Die schlanke Loutrophoros F 3264 sieht auf den ersten Blick fast intakt aus. Nur die Fehlstelle am Deckel weist darauf hin, dass hier Restaurierungen notwendig waren. Unter UV-Licht wird jedoch klar, dass große Teile des Gefäßkörpers phantasievolle Ergänzungen oder Übermalungen des 19. Jh. sind, v.a. der Reiter in der unteren Reihe. © Courtesy J. Paul Getty Museum; photos: Tahnee Cracchiola’

Hat das auch mit einem neuen Bewusstsein der Museen für sich selbst zu tun?
Viele Museen verstehen sich nicht mehr nur als Zeitkapseln der Kunst. Es ist nicht das Ziel, hemmungslos neue Objekte einzukaufen. Im Gegenteil. Die zahlreichen Stücke der Antikensammlung sollen raus aus den Depots und einem breiten Publikum gezeigt werden. Wir wollen diese Schätze in Ausstellungen neu kombinieren, durch neue Medien anders aufbereiten und ihren Kontext genauer erforschen. Auch das schafft frische Perspektiven auf die Vergangenheit.

Das klingt ganz so, als wollten Sie noch lange nicht aufhören …
Die letzten Ausstellungsvorbereitungen laufen und wir organisieren gerade eine begleitende Tagung. Auch an anderen Projekten bin ich noch beteiligt. Klar, ich freue mich auf die freie Zeit, in der ich wieder umfangreicher forschen kann. Aber ich hoffe, auch in Zukunft doch hin und wieder ein Stück der Antikensammlung in die Hand nehmen zu dürfen.

Die Ausstellung „Gefährliche Perfektion – Antike Grabvasen aus Apulien“ findet vom 17. Juni 2016 bis 18. Juni 2017 im Alten Museum statt. Das Interview führte Silvia Faulstich

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