Hannes und die Versuchung von Valladolid

Zu den Werken, die in der Ausstellung “El Siglo de Oro” gezeigt werden, gehören auch kunstvolle sakrale Skulpturen. Einige von ihnen werden während der Karwoche in Spanien noch heute in prunkvollen Prozessionen durch die Straßen geführt. Der Fotograf Carlos Collado war dabei.

„Das sieht ja aus wie der Ku-Klux-Klan!“ waren Hannes‘ erste Worte, als ich ihm die Fotos zeigte. Als er weitere Bilder gesehen hatte, fragte er ungläubig: „Passiert so etwas heute noch?“ Sein Gesichtsausdruck wechselte von Verwunderung über Skepsis zu offener Neugier. Mein Freund hatte noch nie von den Osterprozessionen in Spanien gehört und es war das erste Mal, dass er Bilder von cofrades, den Brüdern, mit ihren capirotes, charakteristischen konischen Kappen, sah.

Cofrades from the Cofradía Penitencial de Nuestra Señora de las Angustias at the entrance of the Church with the same name, carrying the paso Nuestra Señora de las Angustias (Juan de Juni, after 1561). Welcoming the paso Nuestro Padre Jesús Nazareno and the Santísimo Cristo de la Agonía. VIA CRUCIS Wednesday 23rd March.
Cofrades from the Cofradía Penitencial de Nuestra Señora de las Angustias at the entrance of the Church with the same name, carrying the paso Nuestra Señora de las Angustias (Juan de Juni, after 1561). Welcoming the paso Nuestro Padre Jesús Nazareno and the Santísimo Cristo de la Agonía. VIA CRUCIS Wednesday 23rd March.

Da wurde mir die Zweideutigkeit der Fotos bewusst. Wie erklärt man jemandem, für den diese katholischen Traditionen völlig fremd sind, den zeitgenössischen Eifer bei Prozessionen der Karwoche in Valladolid? Eines war mir klar: Um diese Art von Feierlichkeiten zu verstehen, muss man sie persönlich erleben. In meinem Fall gab mir ein Kooperationsprojekt für eine Fotoausstellung mit dem Instituto Cervantes Berlin die Gelegenheit, unter cofrades zu sein und Prozessionen „von innen“ zu erleben. Ich habe Hunderte von Fotos, Videos und Audioaufnahmen gemacht, die dokumentieren, was ich dort erlebt habe. Aber: Reichen sie aus, um das Ausmaß des Phänomens zu vermitteln und zu verstehen?

Paso La Quinta Angustia (Gregorio Fernández, 1625) leaving the San Martin Church with the Cofradia Nuestra Señora de la Piedad. Wednesday 23rd March - Piedad Procession.
Paso La Quinta Angustia (Gregorio Fernández, 1625) leaving the San Martin Church with the Cofradia Nuestra Señora de la Piedad. Wednesday 23rd March – Piedad Procession.

Während Hannes die Bilder durchsah, erinnerte ich mich an meine ersten Eindrücke, als ich nach Valladolid kam. Obwohl ich Agnostiker bin, geboren in Barcelona, in einem säkularen Land mit lebendiger christlicher Tradition, war diese Art von religiösen Feierlichkeiten nichts Neues für mich. Aber ich muss gestehen, dass ich über die hingebungsvolle Vehemenz und komplexe Liturgie, mit denen einige Teile der Nation das Osterfest noch feiern, dennoch erstaunt war. Die Prozessionszüge in Spanien hatten ihre Sternstunde im 16. und 17. Jahrhundert, ab dem 18. Jahrhundert gab es einen Rückgang. Nach dem Bürgerkrieg der 1930er Jahre, zu Beginn der Diktatur, förderte die Regierung den Glauben wieder und öffnete neue Werkstätten für Bildhauerei, dabei kamen die Bittprozessionen wieder zurück und blieben bis heute. Nur sechs von zwanzig Bruderschaften in Valladolid sind wirklich alt und stammen aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Die restlichen entstanden zwischen 1929 und 1945. Es ist klar, dass sich die Tradition mit der Zeit je nach den staatlichen Interessen ändert. Aber für mich ist es keine Erklärung dafür, wie Menschen diese Liturgien heutzutage erleben.

Cofrades from the Cofradía del Santísimo Cristo Despojado, inside San Martin Church before starting the procession-Tuesday 22nd March.
Cofrades from the Cofradía del Santísimo Cristo Despojado, inside San Martin Church before starting the procession-Tuesday 22nd March.

Ich versuchte, Hannes mit Worten das zu vermitteln, was die Bilder nicht beschreiben konnten. Dabei fiel mir auf, dass es die Stille war, die mich an den Prozessionen in Valladolid am stärksten beeindruckte. Die Stille der versammelten Menge – eine nüchterne Stille, eingehüllt in Feierlichkeit und Respekt. Im Gegensatz zu der Karwoche in Sevilla mögen die vallisoletanos, die Bewohner von Valladolid, keinen Applaus, keine Gesänge und keine Aufregung während des Festzuges. Vielleicht hat das etwas mit dem kastilischen Charakter zu tun, denn die Landsleute gelten als ebenso trocken und einfach wie ihre Landschaft. Aber diese Stille spricht und sie hat mich direkt mit der hingebungsvollen Aufregung der Menschen verbunden. Es ist eine dramatische Stille, die das Leiden Christi lebendig und real erscheinen lässt.

Stmo. Cristo del Perdón (Bernardo del Rincón, 1656), San Quirce Convent.
Stmo. Cristo del Perdón (Bernardo del Rincón, 1656), San Quirce Convent.

Was in den Menschen das Gefühl der Erhabenheit hervorruft, sind die imágenes oder polychromen Skulpturen, die die pasos bilden. Die alten valladolider Bilder von Künstlern wie Berruguete, Juni, Francisco del Rincón und Gregorio Fernández gelten als die künstlerisch schönsten und wichtigsten auf der Halbinsel. Viele dieser Schnitzereien wurden den Kirchen während der so genannten Desamortisation von Mendizábal (1836-1837) durch den Staat entzogen. Sie sind heute im Nationalmuseum für Bildhauerei ausgestellt und gehen nur in der Karwoche auf die Straßen. Andere bleiben in den Kirchen.
Ich zeigte Hannes einige Videos vom gleichen paso in der Museumshalle und auf den Straßen während der Prozession gezeigt und konnte mir ein begeistertes „Wow“ nicht verkneifen. Das Museum leiht der Bruderschaft die pasos aus, die ihr entsprechen. Deshalb wird die Straße zu einem Außentempel und einem Freilichtmuseum der Kunst und die Skulpturen leben für ein paar Tage wieder auf.

Left: "Ntro. Padre Jesús con la Cruz a cuestas" (author unknown, S.XVII), Right:“Dolorosa de la Vera-Cruz” (Gregorio Fernández, 1623)
Left: “Ntro. Padre Jesús con la Cruz a cuestas” (author unknown, S.XVII), Right:“Dolorosa de la Vera-Cruz” (Gregorio Fernández, 1623)
Paso Camino del Calvariio at the National Museum of Sculpture of Valladolid
Paso Camino del Calvariio at the National Museum of Sculpture of Valladolid

Ich erklärte Hannes, dass diese Christus- und Jungfrauenfiguren des spanischen Barocks eigens für die Prozession in Auftrag gegeben worden waren und dass sie eine klare Funktion haben: den katholischen Glauben und die Lehre durch die visuelle Wirkung der Bilder näher zu den Menschen zu bringen. Die Darstellung von verschiedenen Episoden aus dem Leiden Christi wird mit verschiedenen Skulpturen, die die pasos darstellen, inszeniert. Sie werden auf andas, einem von parallelen Stangen gestützten Brett transportiert, das von den Mitgliedern der Bruderschaft auf den Schultern getragen oder auf Rädern gerollt wird.

Cofrades  pushing the Paso Camino del Calvario in the direction of the Plaza Mayor. General Procession of Holy Friday.
Cofrades pushing the Paso Camino del Calvario in the direction of the Plaza Mayor. General Procession of Holy Friday.
Cofrades from the Cofradía Penitencial Santísimo Cristo Despojado carrying "en andas" (on their shoulders) the paso Cristo Camino del Calvario (Miguel A. González y Jose A. Saavedra, 2009). Tuesday 22nd, Procession of the Encounter between the Virgin with her Son, at Amargura street.
Cofrades from the Cofradía Penitencial Santísimo Cristo Despojado carrying “en andas” (on their shoulders) the paso Cristo Camino del Calvario (Miguel A. González y Jose A. Saavedra, 2009). Tuesday 22nd, Procession of the Encounter between the Virgin with her Son, at Amargura street.

Beim Anblick des verwirrten Gesichts meines Freundes wurde mit klar, dass zu viele Worte neu für ihn waren: cofradía, paso, Mendizábal, andas, Bilder … Ich suchte weitere Bilder heraus, um die Erklärungen deutlich zu machen. Einige Bilder aus der Procesión General vom Karfreitag kamen zum Vorschein. Ich begleitete damals die Brüder von Cofradía del Santísimo Cristo Despojado. Diese Bruderschaft kam am Freitag mit dreien ihrer fünf pasos. Hannes zeigte schnell auf die unbedeckten Gesichter der Brüder: „Warum sind Sie unverhüllt?“ Diese Bruderschaft ist die einzige in Valladolid, die ohne capirotes geht. Das Abdecken von Gesichtern gilt als ein Zeichen von Bescheidenheit und Demut, es dient dem Vermeiden von Angeberei über die geleistete Buße. Ich erklärte Hannes, dass diese Bruderschaft 1943 durch den Erzbischof von Valladolid als Zugeständnis an die Arbeiterklasse in Form der Christlichen Arbeiterjugend (J.O.C.) gegründet wurde. Diese cofradía wollte zeigen, dass es keinen Widerspruch zwischen Arbeiterklasse und Katholizismus gibt.

General Procession of Holy Friday. The Paso Camino del Calvario marching in processión across Valladolid from San Andrés Church to Plaza Mayor and the surroundings of the Cathedral.
General Procession of Holy Friday. The Paso Camino del Calvario marching in processión across Valladolid from San Andrés Church to Plaza Mayor and the surroundings of the Cathedral.

Hannes interessierte sich für die jüngeren Brüder und hakte nach: „Sind sie alle sehr religiös?“ Nicht alle jungen Menschen sind besonders große Gläubige oder Kirchgänger. Sehr viele von ihnen wurden cofrades, weil ein Verwandter von ihnen bereits ein Mitglied der Bruderschaft war. Ich denke, es ist eher eine Frage der Tradition und des Gemeinschaftsgefühls. Mit ihrer Bruderschaft genießen die Mitglieder gemeinsam Momente, entweder beim Proben mit der Musikband oder bei ein paar Bier nach den Sitzungen. Jede Stadt ist stolz auf ihre Prozessionen und pasos; das Feiern des Osterfestes ist ein Teil der Identität. Die Fassaden werden zur Osterzeit geschmückt, die Straßen gesperrt, das Stadtzentrum ist gelähmt und die Straßen und Plätze sind voll mit Menschen. Bis zum Ende des Tages wird das Treiben immer zu einer Party, ungeachtet des ursprünglichen Gedankens an Buße und Erlösung.

Young cofrades pushing the Paso Camino del Calvario in the direction of the Plaza Mayor. General Procession of Holy Friday.
Young cofrades pushing the Paso Camino del Calvario in the direction of the Plaza Mayor. General Procession of Holy Friday.

Hannes beharrte: „Aber welche spirituelle Bedeutung hat diese Feier dann tatsächlich?“ Ostern in Valladolid ist mittlerweile zu einer spannenden Attraktion für Touristen geworden. Die Valladolidaner kennen die Vorteile des Tourismus, wollen aber mit allen Mitteln verhindern, dass er die Prozessionen zu einem bloßen folkloristischen Schauspiel macht. Mein Eindruck ist, dass man Ostern aus verschiedenen Perspektiven erleben kann: geistig, ästhetisch oder als Tourist. Soll jeder selbst wählen – und vielleicht erwachen ganz unverhofft plötzlich neue eigene transzendentale, emotionale und sensorische Dimensionen.
Hannes war mittlerweile dabei, sich einen Prozessionsmarsch anzuhören. Er schien ihm zu gefallen. In den Händen hielt er ein Bild mit Rosmarinzweigen und Weihrauchwolken vor einer Kirche. Die Prozessionen sind neben der Verehrung von Christus, Jungfrau und Heiligen vor allem auch Anregung für die Sinne: Geruch, Musik, der Kontakt mit den Menschen, die um einen herum gemeinsam warten, nachdenken, aufmerksam und aufgeregt die Prozession mit den pasos verfolgen.

Young cofrades from the Cofradia Penitencial Santísimo Cristo Despojado  in front of the Calderón Theater. General Procession of Holy Friday
Young cofrades from the Cofradia Penitencial Santísimo Cristo Despojado in front of the Calderón Theater. General Procession of Holy Friday

Hannes schaute mich an, die Bilder in der Hand. Sekunden später brach er das Schweigen: „Wenn man es selbst erleben muss, um Ostern dort zu verstehen, dann lass uns hinfahren!“ Meine Antwort war ihm wohl bereits egal, denn sein Blick war nicht mehr bei den Bildern oder im Raum. Es war plötzlich ein Blick in die Ferne, berauscht und verlockt vom Traum der zukünftigen Reise.

Young female cofrade from the Cofradía Penitencial Santísimo Cristo Despojado carrying together with other cofrades the paso Cristo Camino del Calvario (Miguel A. González y Jose A. Saavedra, 2009). Tuesday 22nd, Procession of the encounter between the Virgin with her Son, at Amargura street.
Young female cofrade from the Cofradía Penitencial Santísimo Cristo Despojado carrying together with other cofrades the paso Cristo Camino del Calvario (Miguel A. González y Jose A. Saavedra, 2009). Tuesday 22nd, Procession of the encounter between the Virgin with her Son, at Amargura street.
Cofrades from the Cofradía Nuestra Señora de la Piedad playing music during procesion-Wedneday 23rd March
Cofrades from the Cofradía Nuestra Señora de la Piedad playing music during procesion-Wedneday 23rd March
Cofrade penance walking barefoot from the Cofradía de Nuestro Padre Jesús Atado a la Columna, Wednesday dawn
Cofrade penance walking barefoot from the Cofradía de Nuestro Padre Jesús Atado a la Columna, Wednesday dawn

Text und Bilder:
www.carloscolladophoto.com

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