“Hello World”: Was macht eigentlich Anna-Catharina Gebbers, Kuratorin im Hamburger Bahnhof

Das Kapitel “Making Paradise – Ein Paradies erfinden” in der Ausstellung „Hello World. Revision einer Sammlung“ im Hamburger Bahnhof widmet sich der Kunst von Bali. Kuratorin Anna-Catharina Gebbers spricht über die Herausforderungen und Chancen des Projektes.

Welche Schwerpunkte oder Leerstellen haben sich in der Sammlung der Nationalgalerie für Sie gezeigt?
Anna-Catharina Gebbers: In Bezug auf die sehr zentraleuropäisch, nordamerikanisch, weiß und männlich geprägten Bestände setzt die geringe Anzahl von Werken z.B. asiatischer und insbesondere südostasiatischer Künstler*innen schon mit Leerstellen in der Gründungssammlung der Nationalgalerie ein: Wagener hat zwar Vernet und die Dresdner Romantiker gesammelt, aber nicht den mit Vernet in Paris bekannten und sich im Dresdner Kreis der Romantiker verkehrenden Raden Saleh aus Indonesien. Das gleiche gilt für Künstlerinnen: In der Sammlung befindet sich kein Werk von der Orientalistin Louise Seidler o.ä. An diesen Beobachtungen lässt sich bereits genau der Kanon-Imperialismus des sogenannten „Westens“ ablesen, der überall auf der Welt hinterfragt wird – schon allein durch die Frage: „Westen“ von was?

Mit welchen Objekten knüpft Ihr Ausstellungsteil an diese Bestände an?
Verknüpft werden bewusst mit orientalistischen Klischees experimentierende Werke von „Okzidentalen“ (Carl Blechen oder Eugene Vernet) und „Orientalen“ (Osman Hamdy Bey) oder die zeitgenössische Künstlergruppe GCC. An das Interesse an exotischer Kunst, exotischen künstlerischen Stilen, Materialien und Exotismus knüpfen Werke von Gauguin, Nolde und Pechstein sowie über die Figur Walter Spies Werke von I Nyoman Lempad, Anak Agung Gde Soberat, I Nyoman Ngendon oder später I Wayan Bendi an (also auch im Sinne eines Interesses an exotischen europäischen Kunstpraktiken aus der Perspektive von Künstlern in Bali). Erstere zeigten kein Interesse an Zusammenarbeit, während es bei Spies, Lempad u.a. ein gemeinsames Arbeiten und Bilden von Allianzen gab. Dies führt dann zum Pita Maha-Künstler I Nyoman Ngendon, der mit den in die indonesische Nationenbildung involvierten Künstlern in Verbindung stand – und weiter zu Werken, die gegenwärtige Gesellschaftsbilder hinterfragen oder entwerfen. An die Repräsentationen des Anderen als Bildentwürfe im Zeitalter des Imperialismus und Kolonialismus knüpfen Bildentwürfe aus dem 21. Jahrhundert an, die neue Gesellschafts- und Gemeinschaftsbilder entwerfen. Diese sozial aufgeladenen Werke und die Fotos aus dem Ethnologischen Museum zeigen, dass Objekte nicht nur wissenschaftlich zu bearbeitende Artefakte sind, sondern mit emotionalen persönlichen Geschichten verknüpft sind – insofern wird auch durch das Aufrufen dieser Emotionen mit den Sammlungsbeständen verbunden.

Welche Perspektive trägt Ihr Kapitel zur Ausstellung als Ganzes bei?
„Making Paradise“ erprobt, wie sich die verwobene Kunst- und politische Geschichte ausgehend von einzelnen Werken aus der Sammlung aufzeigen lässt. Das Ausstellungskapitel folgt dabei nicht nur Erzählungen von Künstlerkontakten, Allianzen und Pendlern. Die kuratorische Konstellation bricht Chronologien und Geografien auf: Vergangenheit und Gegenwart rücken zusammen. Das der Nationalgalerie eigene Narrativ wird geöffnet durch den Einbezug von Künstler*innen – wie Gede Mahendra Yasa aus Bali, mit dem ich gemeinsam die in der Ausstellung gezeigten Gemälde aus Bali aus den Beständen des Ethnologischen Museums ausgewählt habe – und Wissenschaftler*innen – wie Grace Samboh und Enin Supriyanto aus Yogyakarta und Jakarta, mit denen ich am Konzept des Kapitels auch in Hinblick auf die Bedeutung der Malerei bezüglich der politischen Geschichte und der Nationenbildung Indonesiens gearbeitet habe. Derartige Prozesse der Dekolonialisierung des Museums und die Methode der Konstellation markieren das Temporäre, Flüssige und Subjektive einer kuratorischen Setzung und der Sammlung — wenn man so die Sammlung mit immer wieder neuen Themen, Fragen umkreist.

Welche Verbindungen gibt es zu Ihrer bisherigen kuratorischen Arbeit?
Meine kuratorische Arbeit war nie nur klassisch kunsthistorisch orientiert, sondern immer darüber hinausgehend darauf ausgerichtet, über experimentelle Herangehensweisen Verbindungen zwischen Kunst und Gesellschaft, Geschichte und Gegenwart, Individuum und Gemeinschaft zu markieren. Eigentlich waren meine Projekte stets international und haben der gesellschaftspolitischen Dimension in jüngsten künstlerischen Praktiken und Diskursen nachgespürt, bei denen Kunst ein Raum zur Erprobung zukünftiger Modelle ist: Wie wollen wir leben, z.B. postterritorial, postnational. Hinzu kommt für mich auch immer die virtuelle Dimension, die ja nicht nur digitale Medien ausmacht, sondern in Literatur, Philosophie, Gesellschaftsentwürfen eine wichtige Rolle spielt.

Warum ist es heute dringend notwendig, die Kunstgeschichtsschreibung und die Idee des Kanons zu hinterfragen?
An der Kunstbetrachtung lässt sich ablesen, was auch für die Zivilgesellschaft wichtig ist: Man muss nicht tiefgehend alle Varianten der Kunst und des Lebens verstehen, aber es wäre gut, wenn wir uns darauf verständigen könnten, dass es Varianten gibt und dass es nicht den einen Standard gibt. Die Gegenwart ist mehr denn je durch Zersplitterung gekennzeichnet, auch im Sinne einer „Kontemporanität“, einer ‚Zeitgenossenschaft‘ also einem Zusammenführen von unterschiedlichen Zeiten und historischen Aufladungen. Daher wäre es zudem hilfreich, in einem Austausch mit anderen Museen und Sammlungen auf der Welt die Unterschiedlichkeit und Subjektivität von Perspektiven und die „Erfindung“ von so etwas wie einem Kanon zu zeigen.

Was kann ein Museum und eine Sammlung im Besonderen dabei leisten?
Die Museumssammlung birgt in ihren Beständen Werke, in denen sich die historischen Zusammenhänge mit ihren die Gegenwart prägenden offenen Fragen abzeichnen. Die Sammlung kann die sehr spezifische Art des Denkens und der Wahrnehmung zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort, aber auch die zur heutigen Perspektive führende Wahrnehmungsgeschichte aufzeigen – und auch wie wir die Geschichte immer wieder neu denken können und müssen, um unsere Gegenwart zu verstehen. Ein Museum kann in diesem Sinne als offene Universität seine Mitarbeiter*innen und Besucher*innen zu einem Austausch und stetigen, spannenden Lernprozess einladen.

Die Ausstellung “Hello World. Revision einer Sammlung” findet noch bis 26.8.2018 im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin statt.

Titelbild: Michael Mann

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