“Hello World”: Was macht eigentlich Daniela Bystron, Kuratorin

Die Ausstellung „Hello World. Revision einer Sammlung“ im Hamburger Bahnhof wurde von einem internationalen, 13-köpfigen Team entwickelt. Wir haben den Beteiligten sechs Fragen zu dem Projekt und ihrer Arbeit gestellt. Daniela Bystron hat mit ihrer Kollegin Susanne Weiß das Vermittlungsprogramm „Unvollendetes Glossar“ entwickelt.

Welche Schwerpunkte oder Leerstellen haben sich in der Sammlung der Nationalgalerie für Sie gezeigt?
Durch ihre vielfältigen Bestände unterschiedlicher Zeiten verfügt die Nationalgalerie über ein Konvolut, an dem man viele Strömungen, Entwicklungen und Themen – nicht nur der Kunstgeschichte – verdeutlichen kann. Dennoch ist der Schwerpunkt, wie in vielen anderen europäischen Kunstmuseen, ein eurozentristischer. Auch weibliche Positionen sind bisher unterrepräsentiert.

Mit welchen Objekten knüpft Ihr Ausstellungsteil an diese Bestände an?
Da ich für den Bereich der Kunstvermittlung verantwortlich bin, und für die 13 einzelnen Teile der Ausstellung ein Konzept eines übergreifenden Zugangs entwickelt habe, steht kein einzelnes Objekt im Zentrum meiner Idee, sondern Themen. Gemeinsam mit Susanne Weiß habe ich ein Glossar mit elf Begriffen entwickelt, das vielfältige Zugänge für das Publikum ermöglicht. Das „Unfinished Glossary“ ist in einem Raum versammelt, in dem das Publikum mehrere Statements zu den einzelnen Begriffen lesen kann, um davon ausgehend selbst seinen eigenen Weg durch die gesamte Ausstellung zu entwickeln.

Welche Perspektive trägt Ihr Kapitel zur Ausstellung als Ganzes bei?
Im „Unfinished Glossary“ geht es vor allem um mehrere Perspektiven: 34 Autor*innen aus vielen Teilen der Welt und aus unterschiedlichen Disziplinen haben subjektive Statements zu den elf Begriffen verfasst. Die Begriffe sind: Echo, Einfluss, Geister, Grenze, Ich, Handel, Macht, Netzwerke, Sprache, Welle und Werte. Nicht-hierarchisch, multiperspektivisch und mehrstimmig soll das Glossar sein und so die Diversität unseres Publikums, der Gesellschaft spiegeln. Es geht, wie in der gesamten Ausstellung, um die Erweiterung nur einer anerkannten Perspektive auf viele mögliche Sichtweisen.

Welche Verbindungen gibt es zu Ihrer bisherigen kuratorischen Arbeit?
In meiner bisherigen kuratorischen und Vermittlungsarbeit sind mir insbesondere gesellschaftlich relevante thematische Zugänge zu den Kunstwerken wichtig; genauso die räumliche Sichtbarkeit für den Austausch mit dem Publikum. Mich treiben folgende Fragen um: Wie kann Kunst mit dem alltäglichen Leben in Verbindung gebracht werden? Welche Bedeutung kann ein Museumsbesuch/Museum für Menschen heute haben? Und wie kann die Beschäftigung mit diesen Themen, die Auseinandersetzung, die Debatte darüber einen Raum im Museum finden?

Warum ist es heute dringend notwendig, die Kunstgeschichtsschreibung und die Idee des Kanons zu hinterfragen?
Zunehmende Globalisierung, Migration und Flucht führen zu einer Pluralisierung der Gesellschaft und Fragmentierung urbaner Lebensräume. Diese Heterogenität stellt auch Kulturinstitutionen vor neue Herausforderungen. Zahlreiche soziale und öffentliche Gruppen fühlen sich von den Inhalten und Programmen nicht angesprochen, oder gar von den Institutionen nicht eingeladen. Durch eine Diversifizierung von Personal, Publikum und Programmen könnte eine Öffnung des Museums einen Anfang erfahren.

Was kann ein Museum und eine Sammlung im Besonderen dabei leisten?
Ein Museum kann sich nicht nur seinen Inhalten bewusst sein und diese an die Öffentlichkeit vermitteln, sondern sich als Bildungsinstitution verantwortlich zeichnen, Haltung im aktuellen Diskurs zu zeigen. Im Sinne einer Öffnung des Museums kann es inklusive Zugänge schaffen, sich öffnen, Hierarchien und kanonisches Wissen in Frage stellen und zur aktiven Partizipation einladen. Dabei ist die Wechselbeziehung zwischen Museum und Gesellschaft wichtig. Bildungsprogramme, Kooperationen und Outreach spielen meiner Meinung nach dabei eine immer bedeutendere Rolle.

Die Ausstellung “Hello World. Revision einer Sammlung” findet noch bis 26.8.2018 im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin statt.

Titelbild: (c) Staatliche Museen zu Berlin, Anika Büssemeier

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2 Kommentare

  1. Die notwendigen Veränderungsprozesse in Museen dürfen nicht bei einem offeneren Erscheinungsbild, Events und kuratorischer Weltöffnung stehen bleiben. Die unmittelbarste Schnittstelle ist die Vermittlung: sie sollte Menschen im Museum eine Stimme geben und soziale Erfahrungen im ästhetischen Raum ermöglichen.

  2. Daniela Bystron - 8. Mai 2018, 16:14 UHR

    Vermittlung kann eine Schnittstelle sein. Im besten Fall handelt es sich bei dem Raum und Programm “Unfinished Glossary” auch darum. Es kann aber auch Impuls und Assoziationsraum für eigene, freie, kritische Gedanken sein und das Programm zusätzlich autonom zur Ausstellung agieren. So, wie der Raum im Hamburger Bahnhof gelegen ist, soll er tatsächlich zwischen den vielen unterschiedlichen Ausstellungsteilen mit ihren so komplexen Inhalten und Ansätze als Schnittstelle, als Knotenpunkt funktionieren und diverse, vielstimmige Narrationen auf die Ausstellung geben. Er soll ausreichend Raum für eigene Ideen, Assoziationen und neue Wissensimpulse geben, ohne dabei einzuengen. Das Programm zeigt das auf eindrückliche Weise, wie interdisziplinär und künstlerisch die Begriffe eigenwillig gefüllt und diskutiert werden können. Wir stellen den Raum und weitere Konzepte zu Wissenssystemen in Kunstbereich am 24.5. mit der niederländischen Kuratorin Christel Vesters in der Veranstaltung “About Unfinished Knowledge Systems” vor. Der Musikproduzent Rabih Beaini stellt am 11.5. Musikbeispiele zu einzelnen Ausstellungsteilen zur Diskussion, in der Veranstaltung “Memory, Repetition, Memory” unter dem Stichwort “Grenze”. Die Pädagogin Josephine Apraku diskutiert unter dem Begriff “Macht” am 17.5. über “Rassismuskritik im Museum”. Hier wird deutlich, wie vielschichtig die Zugänge, Impulse und Assoziationen sein können.

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