Herlinde Koelbl im Neuen Museum: Beim ersten Sonnenstrahl nach Margiana

Die Fotokünstlerin Herlinde Koelbl begleitete das Museum für Vor- und Frühgeschichte in die Bronzezeit und nach Turkmenistan. Im Interview spricht sie über die weiße Stadt und das Wüstenlicht.

Interview: Ingolf Kern

Es war eine erste und ungewöhnliche Kooperation: Die Fotokünstlerin Herlinde Koelbl begleitete die Kuratoren des Museums für Vor- und Frühgeschichte bei ihrer Annäherung an das bronzezeitliche Königreich Margiana in Turkmenistan. Ihre Fotografien sind ab 25. April gemeinsam mit den großartigen Objekten aus der Grabungsstätte Gonur Depe im Neuen Museum zu sehen. Was Herlinde Koelbl bei der Begegnung mit einem unbekannten Land und einer versunkenen Hochkultur erlebte, erzählt sie im Interview.

Frau Koelbl, Sie sind als Fotokünstlerin für Ihre Projekte in vielen Ländern der Welt gewesen, auch in schwierigen. Wie kamen Sie nach Turkmenistan?
Ich liebe das Abenteuer, daher habe ich sofort zugesagt, als mir das Team des Museum für Vor- und Frühgeschichte anbot, bronzezeitliche Ausgrabungsstätten wie Merw und Gonur Depe sowie 230 Objekte für den Katalog zu fotografieren. Ich wusste erst gar nicht, wo Turkmenistan liegt und musste nachschauen.

Welche Erfahrungen haben Sie vor Ort gemacht?
Zunächst fiel mir auf, dass die Hauptstadt Asghabad eine wirklich weiße Stadt ist. Sie ist nachts komplett beleuchtet und verändert sich in einer bunten Farbchoreographie ständig. Wenn ich arbeite, versuche ich ja Menschen besonders nahe zu kommen. In Turkmenistan erlebte ich Neugier, Offenheit, Ruhe und eine Konzentration, die ich aus Europa gar nicht kenne.

Porträt eines Turkmenen. Foto: Herlinde Koelbl
Porträt eines Turkmenen. Foto: Herlinde Koelbl

Gab es eine besondere Begegnung?
Ich bin einer jungen Braut bei Hochzeitsvorbereitungen begegnet. Ich lernte, dass sie ihre Schwiegereltern nicht ansprechen darf und von einer Gruppe von Frauen in einem Ritual mit einem traditionellen Kleid und Goldschmuck eingekleidet wird. Am Schluss wird ihr ein großes Tuch über den Kopf geworfen, damit sie verhüllt ist, wenn sie der Bräutigam abholt. Es war eine schöne, emotionale Zeremonie.

Sie waren mit den Archäologen Matthias Wemhoff und Anton Gass unterwegs. Wie funktionierte denn diese ungewöhnliche Zusammenarbeit?
Eine wirklich neue Erfahrung war für mich zu erleben, wie Archäologen in Begeisterung verfallen, wenn sie Ruinen sehen oder Tonscherben aus der Bronzezeit in Händen halten. Für mich waren das bislang nur alte Mauern. Jetzt kann ich eine Stadt erkennen, die Struktur eines früheren Lebens. In Gonur Depe zum Beispiel ist das ehemalige Reich Margiana noch am besten zu sehen in einer weitläufigen Stadtanlage. Ohne Licht wirken die Lehmmauern nur braun und stumpf. Wir mussten also beim ersten Sonnenstrahl auf dem richtigen Hügel stehen, um das Erwachen der Stadt zu fotografieren. Das hieß: Jeden Tag um 5 Uhr abfahren, um in die Wüstensteppe zu kommen. Das aufkommende Licht war perfekt, aber es dauerte nur fünfzehn Minuten. Dann wurde es wieder weicher und die Kanten der Lehmmauern verschwanden in der Masse.

Blick auf die Grabungsstätte Gonur Depe, dem bronzezeitlichen Margiana. Foto: Herlinde Koelbl
Blick auf die Grabungsstätte Gonur Depe, dem bronzezeitlichen Margiana. Foto: Herlinde Koelbl

Sie haben ja schon gesagt, dass Sie mit Vorliebe Menschen unter die Haut kriechen. Aber wie ging es Ihnen mit den Objekten, die nun im Neuen Museum zu sehen sind?
Die Qualität der Objekte, ob dünnwandige Terrakotta- oder Alabaster-Gefäße, ist einfach faszinierend. Die gut ausgearbeiteten Siegel, die kleinen Tierskulpturen und goldenen Ohrringe wirken in ihrer Formensprache unglaublich modern. Es war für mich eine absolute Entdeckung, mich Objekten zu nähern, die 4000 Jahre vor Christus entstanden sind.

Die Fotografin Herlinde Koelbl in Turkmenistan. Foto: privat
Die Fotografin Herlinde Koelbl in Turkmenistan. Foto: privat

Die Ausstellung “Margiana. Ein Königreich der Bronzezeit in Turkmenistan. Mit Fotografien von Herlinde Koelbl” findet vom 25.4.bis 7.10.2018 im Neuen Museum statt.

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