Humboldt Lab Dahlem: Rhetorik der Leichtigkeit

Das Humboldt Lab Dahlem begleitet das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst auf dem Weg zum Humboldt-Forum. Mit der “Probebühne 7″ und der Ausstellung “Prinzip Labor” geht das Projekt nun in die finale Phase. Wir sprachen mit Agnes Wegner, Leiterin der Geschäftsstelle Humboldt Lab Dahlem.

Das Humboldt Lab Dahlem lotet Möglichkeiten der musealen Präsentation aus und entwickelt daraus Konzepte für das kommende Humboldt-Forum – würden Sie dieser Beschreibung zustimmen?
Das ist hochgegriffen, denn die Ausstellungskonzepte für das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst im Humboldt-Forum entwickeln die Kolleginnen und Kollegen der beiden Museen. Wenn dabei aber Fragestellungen auftauchen, dann können die Kollegen bei uns im Lab verschiedene Lösungen ausprobieren. Aus theoretischen, wissenschaftlichen Fragen heraus entstehen dann praktische auch, künstlerische Projekte. Im Lab können die Ausstellungsmacher einzelne Aspekte aus dem Planungsprozess herauslösen und im Ausstellungsraum ausprobieren, um die Ergebnisse dann wieder in den ursprünglichen Planungsprozess zurückzuspielen.

Derzeit laufen die letzte Probebühne 7 und eine Abschlussausstellung zum Lab. Können Sie schon ein Fazit des Projektes ziehen?
Ich denke, dass es für viele Kollegen eine produktive Erfahrung war. Das Lab hat die Möglichkeit geboten, Projekte in einer hohen Geschwindigkeit umzusetzen und auch internationale Partner einzubeziehen. Hilfreich war dabei eine Rhetorik der Leichtigkeit, die Martin Heller, einer der Leiter des Lab, von Anfang an etablierte, in der Scheitern erlaubt war. Für die Akteure des Planungsprozesses hat diese Leichtigkeit die Schwere des riesigen Umzugs abgemildert, die immer über allem schwebte. Die Kuratoren können Dinge probieren und dadurch weitere Ideen oder Antworten bekommen. Das hat viele Impulse für das Humboldt-Forum gegeben. Viola König vom Ethnologischen Museum schätzt sogar ein, dass die Arbeitsweise des Lab konstituierend für das Humboldt-Forum sein sollte: Die Möglichkeit, flexibel und schnell Themen neu zu verhandeln, auszuprobieren und als Ausstellung auszuarbeiten.

Agnes Wegner ( 2.v.R.) bei der Eröffnung der Probebühne 3. Foto: Sebastian Bolesch
Agnes Wegner ( 2.v.R.) bei der Eröffnung der Probebühne 3. Foto: Sebastian Bolesch

Diesen Sommer feierte man am Humboldt-Forum Richtfest. Wird das Lab weiter bestehen, wenn die Bauarbeiten abgeschlossen sind und der Umzug geschafft ist?
Das Lab in seiner jetzigen Form wird im Dezember 2015 abgeschlossen sein. Wie es dann weitergeht, das wird sich in den nächsten Monaten zeigen, wenn die Gründungsintendanz mit der Arbeit beginnt. Unsere Arbeit endet mit der Probebühne 7 und der Abschlussausstellung „Prinzip Labor. Auf dem Weg zum Forum: Das Humboldt Lab Dahlem“. Im Oktober wird es außerdem eine Publikation geben, die wir auf der Finissage am 15.10. der Öffentlichkeit als Erfahrungsbericht über die gesamte Laufzeit vorlegen.

Wie nehmen Besucher das Humboldt Lab wahr?
Ich hatte eine sehr schöne Begegnung bei der letzten Probebühne: Bei der Eröffnung kam eine ältere Dame auf mich zu und sagte „Jetzt verstehe ich das Lab. Man muss immer suchen, aber dann sieht man ganz viele Dinge und versteht wie sie arbeiten.“ Die Dame hat offensichtlich unser Tun verfolgt und sich dafür begeistert. Aber es erfordert ein gewisses Engagement – Besucher können nicht erwarten, dass sie hier rein kommen und alles gleich verstehen, dafür ist es zu komplex. Es gibt verschiedenste Reaktionen, für die einen ist es viel zu verkopft, andere lassen sich darauf ein, verstehen unsere Fragestellungen und nehmen sehr viel mit.

Wie sind die Reaktionen internationaler Partner auf das Lab?
Viele Kollegen sehen die Notwendigkeit eines Labs auch für ihre Institutionen. Es ist eine gewinnbringende Situation, dass innerhalb einer Museumsplanung diese Art von Experimentier- und Erprobungsphase angelegt ist, da sind sich deutsche wie internationale Kollegen einig.

Agnes Wegner im Gespräch in Dahlem. Foto: Juliane Eirich
Agnes Wegner im Gespräch in Dahlem. Foto: Juliane Eirich

Viele Projekte des Lab beschäftigen sich mit sehr komplexen Problemen. Gibt das Lab auch Impulse für die wissenschaftliche Museumsarbeit jenseits des konkreten Zieles Humboldt-Forum?
Das Lab ist ein Möglichkeitsort und ein Ort der Begegnung. Das beinhaltet auch, dass dort Wissenschaftler wie etwa Paola Ivanov, Kuratorin der Sammlung Afrika im Ethnologischen Museum, involviert sind, die hier ihre theoretische Forschung praktisch ausprobieren können. Und von dort aus können natürlich auch wieder Impulse zurück in die Forschung gehen.

Leistet das Lab also Pionierarbeit, die für andere eine Inspiration sein kann?
Das glaube ich schon. Das Lab ist ja ein Projekt der Kulturstiftung des Bundes und dort hat man schnell gemerkt, dass andere Förderinteressierte gezielt danach gefragt haben. Außerdem haben wir bei einzelnen Projekten immer mal Anfragen bekommen, wie unsere Erfahrungen waren. Da geben wir natürlich gern Auskunft, denn das Lab wird aus öffentlichen Geldern ermöglicht und diese Erfahrungen sollen auch für alle nutzbar sein.

Eignet sich ein Konzept wie das Lab auch für andere Museen oder ganz andere Einrichtungen?
Auf jeden Fall. Ich glaube sogar, dass jede große Institution so eine Art freien Raum braucht, der nicht in erster Linie ergebnisorientiert ist. Das ist für die eigene Entwicklung und das Lernen notwendig.

Dennoch gibt es auch harsche Kritik, vor allem im Hinblick auf die Verbindungen der ethnologischen Sammlungen mit dem europäischen Kolonialismus. Wie gehen Sie damit um?
Wir haben im Lab immer versucht, die Themensetzung gemeinsam mit internationalen Kolleginnen und Kollegen in einem kollaborativen Rahmen zu erarbeiten und dabei einen offenen Umgang mit Fragen der kolonialen Sammlungsgeschichte zu pflegen. Wer unsere Arbeit verfolgt hat, wird sehen, dass wir diese Auseinandersetzung nicht gescheut haben.

Was hat Sie in dieser Zeit am meisten beeindruckt?
Eine Begehung des Afrika-Depots im Rahmen der TURN-Konferenz ist mir noch besonders in Erinnerung. Diskutiert wurde, wo das Konzept der shared collections in internationalen Kooperationen und die Frage nach einem Welt-Kulturerbe ihre Grenzen haben. Anwesend war auch eine junge Forscherin aus Senegal, die sagte: Diktieren Sie uns doch nicht die Ausstellungsbedingungen, die wir in Senegal oder Nigeria einhalten sollen, wenn Sie uns Objekte aus unserem Kulturkreis leihen. Sie empfand etwa die Vorgabe von Klimabedingungen als Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln. Das sind Debatten auf die es keine schnellen Antworten gibt, sie werden die nächste Generation von Forschern, die jetzt beginnen miteinander zu arbeiten, möglicher weise begleiten und diese werden als Antworten verschiedene Modelle der Zusammenarbeit entwickeln müssen.

Alle Veranstaltungen in der Abschlusswoche des Humboldt-Labs finden sich hier.

Titelbild: Juliane Eirich

1 Kommentar

  1. Gudrun - 29. Juli 2016, 10:45 UHR

    Super Text!
    LG aus der Rhetorik

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