Joblinge mischen den Hamburger Bahnhof auf

Die Belegschaft des Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin aufmischen: dazu hatten die “Joblinge” während eines Projekts dort reichlich Gelegenheit. Larissa Lorenz, Praktikantin bei den Staatlichen Museen zu Berlin, war bei dem Blick hinter die Kulissen dabei.

Eine Woche lang mischten sich unter die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin einige neue, unbekannte Gesichter. Junge Erwachsene, die im Rahmen ihres Programms bei den Joblingen dabei unterstützt werden, trotz schwieriger Lebenssituationen einen Ausbildungsplatz zu bekommen, schauten den Museumsleuten über die Schulter.

Das Projekt „Von Nagel zu Nagel – Von Ort zu Ort“ bot den jungen Erwachsenen einen Einblick in den Museumsalltag. Die Joblinge konnten beim Abbau der Ausstellung „DAS KAPITAL. SCHULD – TERRITORIUM – UTOPIE“ dabei sein und beobachten, was hinter den Kulissen abläuft. In direkter Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Berufsgruppen im Museum entstanden dabei fünf Kurzfilme.

Kiez Meets Museum: Teilnehmer des Programms „Joblinge“  arbeiten im Projekt „Von Nagel zu Nagel“ an eigenen Filmen – und lernen dabei die Arbeit im Museum kennen. © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier
Kiez Meets Museum: Teilnehmer des Programms „Joblinge“ arbeiten im Projekt „Von Nagel zu Nagel“ an eigenen Filmen – und lernen dabei die Arbeit im Museum kennen. © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier

“Was bringt uns das?”
Die eigene Rolle innerhalb der Projektwoche blieb von den jungen Erwachsenen nicht unhinterfragt. So warf einer der Joblinge, als wir den Tagesablauf am ersten Tag der Projektwoche gemeinsam besprachen, die Frage in die Runde: „Aber was bringt uns das? Warum sind wir eigentlich hier?“ Die jungen Erwachsenen sahen die Kooperation „KIEZ MEETS MUSEUM“ der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin und „Berliner Leben – Eine Stiftung der Gewobag“ durchaus kritisch.

Sie hinterfragten Konzept und Sinn des Pilotprojekts und wollten wissen, inwiefern es sie persönlich bei ihrer Suche nach der passenden Ausbildung weiterbringt. Die Frage nach der beruflichen Zukunft beschäftigte die Teilnehmenden ganz besonders. Viele wissen noch nicht, was sie später beruflich machen wollen, während andere ganz genaue Berufsvorstellungen haben. „Ich möchte in einer Bank arbeiten“, meinte ein Mädchen der Joblinge. Ein anderer Teilnehmer sagte: „Mein großer Wunsch ist es, Architekt zu werden“. Solche Berufswünsche stehen für die Jugendlichen jedoch meist noch in weiter Ferne. Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Museumsberufen bietet den jungen Erwachsenen die Gelegenheit, neue Tätigkeiten kennenzulernen und Einblick in ein bisher unbekanntes Feld zu erhalten.

Kiez Meets Museum: Teilnehmer des Programms „Joblinge“  arbeiten im Projekt „Von Nagel zu Nagel“ an eigenen Filmen – und lernen dabei die Arbeit im Museum kennen. © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier
Kiez Meets Museum: Teilnehmer des Programms „Joblinge“ arbeiten im Projekt „Von Nagel zu Nagel“ an eigenen Filmen – und lernen dabei die Arbeit im Museum kennen. © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier

Das Museum als Firma begreifen
Im Zuge dessen hefteten sich die Projektteilnehmenden an die Fersen der Kuratorin, der Restauratorin, des Archivverwalters, des Hausmeisters und des Art Handlers. Wie stille Schatten folgten die Kleingruppen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und beobachten sie genau, um später beim Filmdreh in ihre Rollen schlüpfen und ihre Verhaltensweisen und Eigenarten nachstellen zu können.

Bei der Analyse der charakteristischen Körpersprache, Verhaltensweisen und Eigenheiten bekamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wie nebenbei Einblick in die Tätigkeiten der unterschiedlichen Museumsberufe. Der Hamburger Bahnhof, der sich ihnen sonst nur aus Besucherperspektive erschließt, wurde dabei als Firma begriffen, die wie jedes andere Unternehmen im Hintergrund einen immensen Organisations- und Verwaltungsaufwand hat.

Rollentausch im Museum
Nur durch Zusammenarbeit aller, angefangen bei dem Hausmeister über die Kunstvermittlerinnen, Museumsaufseherinnen und -aufseher bis hin zu den Kuratorinnen funktioniert der reibungslose Ablauf im Museumsalltag. In Interviews, welche die Joblinge mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führten, spürten die jungen Erwachsenen diesem Zusammenspiel nach. „Was mögen Sie an ihrem Beruf und wie sind Sie zu diesem gekommen? Wie sehen Sie ihre Kolleginnen und Kollegen? Wie oft machen Sie Pause?“ Mit solchen oder ähnlichen Fragen hakten die Joblinge genau nach und brachten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Nachdenken über die eigene Tätigkeit.

Kiez Meets Museum: Teilnehmer des Programms „Joblinge“  arbeiten im Projekt „Von Nagel zu Nagel“ an eigenen Filmen – und lernen dabei die Arbeit im Museum kennen. © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier
Kiez Meets Museum: Teilnehmer des Programms „Joblinge“ arbeiten im Projekt „Von Nagel zu Nagel“ an eigenen Filmen – und lernen dabei die Arbeit im Museum kennen. © Staatliche Museen zu Berlin, 2016, Fotos: Anika Büssemeier

Um die Arbeitsbereiche des Museums jedoch nicht nur als Beobachtende wahrzunehmen schlüpften die Teilnehmenden des Projekts anschließend in die Rollen der Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Sie griffen Zitate aus den durchgeführten Interviews auf und spielten diese in einem eigens entwickelten Filmkonzept nach. Keine leichte Aufgabe für die jungen Erwachsenen, denn von ihnen wurde Teamarbeit beim Videodreh, Kreativität beim Ausdenken des Storyboards und Verantwortung im Umgang mit teurer Technik gefordert. Qualitäten, die jede Arbeitgeberin und jeder Arbeitgeber später schätzen wird.

„Was hat euch das gebracht?“
Am Ende einer arbeitsreichen Woche standen eine ganze Reihe von Ton- und Videoaufnahmen. Diese wurden in Nachproduktion von Jörn Hintzer und Jakob Hüfner vom Künstlerteam „Datenstrudel“ zu fünf Kurzfilmen zusammengestellt, jeder über einen der Berufe, mit denen sich die Joblinge beschäftigt haben. Außerdem machten die Joblinge eine Vielzahl an neuen Erfahrungen.

Nicht zuletzt deshalb spielten die Workshopleiterinnen und Workshopleiter, bestehend aus der Kunstvermittlerin Karen Winzer und dem Künstlerteam „Datenstrudel“ am letzten Tag der Veranstaltung die Frage vom Beginn des Projektes zurück: „Was hat euch das gebracht?“ Genauso vielfältig wie die unterschiedlichen Anforderungen, die im Laufe der Woche auf die jungen Erwachsenen zukamen, fielen auch die Antworten dazu aus. Die Teilnehmenden reflektierten ihre gesammelten Eindrücke und fühlten sich zum Beispiel durch den Umgang mit Technik wie dem Tonschnittprogramm bereichert. „Und wir konnten uns in der Woche auch untereinander kennen lernen“, ergänzt eine Teilnehmerin, „zu einem Team zusammen wachsen und Freunde finden“.

Das Projekt ist Teil der Kooperation „KIEZ MEETS MUSEUM“ der Nationalgalerie und “Berliner Leben – Eine Stiftung der Gewobag” und wird bis 2018 fortgesetzt. Realisiert werden noch zwei weitere Projekte, welche die Teilhabe junger Menschen aus strukturschwachen Quartieren am kulturellen Leben der Stadt ermöglichen sollen.

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