Kunstkammer revisited: Die Keimzelle der Berliner Museen im 21. Jahrhundert

Warum zieht nochmal das Humboldt Forum ins Berliner Schloss? Unter anderem wegen der Brandenburg-Preußischen Kunstkammer, die hier einst beheimatet war. Was es mit dieser auf sich hatte und warum sie für Berlin und seine Kulturinstitutionen so wichtig war, ergründet nun ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Projekt.

Text: Gesine Bahr

Ins Leben gerufen wurde das Kunstkammer-Projekt von der Humboldt Universität zu Berlin, dem Museum für Naturkunde und den Staatlichen Museen zu Berlin. Horst Bredekamp, Professor für Kunstgeschichte an der Humboldt Universität Berlin, der Generaldirektor der Staatlichen Museen, Michael Eissenhauer und Angela Fischel, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Staatlichen Museen erläutern im Dreierinterview, wie das Projekt zustande kam und worum es genau gehen soll.

„Der Mensch ist ein Jäger und Sammler“ lautet eine gängige Redensart. Mithilfe dieser Aussage lässt sich auch die menschliche Sammelleidenschaft in Bezug auf Kunstgegenstände erklären. „Sammeln als Weltkonstitution“ nennt Horst Bredekamp dieses kulturübergreifende menschliche Daseinsaxiom und erzählt paradigmatisch von 85.000 Jahre alten Sammlungen in Südafrika, von historischen Kollektionen voller Kostbarkeiten in Benin, von Sammlungen in Peking, im Mexiko Montezumas und nicht zuletzt im Schloss Ambras, einer der ersten systematisch angelegten Kunstkammern in Europa. Die für den Berliner Kontext wichtige Berlin-Brandenburgische Kunstkammer ist jedoch vergleichsweise wenig erforscht. Dabei verspricht gerade sie interessante Aufschlüsse über die historische Entwicklung und die Veränderungen dieses Sammlungsprinzips.

Ein Makrokosmos im Mikrokosmos
Bevor es die streng kategorisierenden Spartenmuseen gab, wurden alle als sammlungswürdig angesehenen Objekte von nah und fern – Beeindruckendes aus der Natur, von Menschenhand Geschaffenes und wissenschaftliches Gerät – an einem Ort, nämlich der Kunstkammer im Berliner Schloss, kumuliert. Damit ist die Kunstkammer die Keimzelle der Museen – und auch heute noch finden sich Objekte aus der Kunstkammer in bislang unbekannter Zahl, die in die Tausende gehen dürfte, in Berliner Museen, Universitäten und Sammlungen.

Kupferstich, Idealisierte Ansicht des Münz- und Antikenkabinetts im Berliner Schloss um 1695, Samuel Blesendorf, aus: Thesaurus Brandenburgicus selectus, Band 1, Berlin 1696 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek
Kupferstich, Idealisierte Ansicht des Münz- und Antikenkabinetts im Berliner Schloss um 1695, Samuel Blesendorf, aus: Thesaurus Brandenburgicus selectus, Band 1, Berlin 1696 © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek

Dieser Ballung von Objekten an einem Ort liegt das Renaissancekonzept, den Makrokosmos „Wunder der Welt” im Mikrokosmos „Kunstkammer” abzubilden, zu Grunde. Hier sollte der Mensch, ganz im Sinne der Aufklärung, lernen und sich bilden, die Welt und ihre Wunderbarkeiten anhand von Objekten begreifen und erkennen. Die Berliner Kunstkammer geht nach Anfängen im 16. Jahrhundert zurück auf den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der leidenschaftlich und ausdauernd einheimische wie auch außereuropäische Objekte der Natur, der Künste und der Wissenschaft sammelte – und auf den Aufklärer Gottlieb Wilhelm Leibniz, der das zugrundeliegende Konzept einer Wissenstheaters entwarf: ein Ort, an dem sich universell angelegtes Sammeln und Forschen, Unterhaltung, Spielen und Lernen, Ausstellen und Aufführen vereinten.

Was es in der Kunstkammer zu sehen gab, war so vielfältig, kurios und komplex, wie die Welt eben ist: Nautiluspokale aus der Südsee als Verkörperungen von natürlichen Algorithmen und europäischer Goldschmiedekunst Schnitzereien aus Elfenbein, Jade oder Speckstein, Automaten, Textilien aus aller Welt, aztekische Masken aus Holz oder gar menschlichem Bein, mit Türkisen besetzten Mosaiken, ausgestopfte Vögel, Münzen, mathematische Messinstrumente und Vieles mehr. Was wohl nicht jedem bekannt, und außergewöhnlich an der Berliner Kunstkammer ist: Auch die Sammlungen zahlreicher privater Gelehrter und Kunstliebhaber sind in ihre Bestände eingeflossen und sie haben somit die heutige vielfältige Berliner Museumslandschaft mitgeprägt.

Aus der Kunstkammer stammen wissenschaftliche Geräte wie der Astrolab mit Windrose und Tierkreiszeichen, Nürnberg 1537; © Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin / Saturia Linke
Aus der Kunstkammer stammen wissenschaftliche Geräte wie der Astrolab mit Windrose und Tierkreiszeichen, Nürnberg 1537; © Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin / Saturia Linke

Laboratorium und Kommunikationsfläche
Der Berliner Kunstkammer als Keimzelle der Museen widmet sich zukünftig das von der DFG geförderte Forschungsprojekt: „Das Fenster zur Natur und Kunst: Eine historisch-kritische Aufarbeitung der Brandenburg-Preußischen Kunstkammer als Observatorium, Laboratorium, Kommunikationsfläche und Schauraum des Wissens”. Rund 1500 Objekte aus der Kunstkammer sind bereits jetzt in den Sammlungen der drei beteiligten Institutionen bekannt. Um deren Biografien wie auch um die Erschließung weiterer Exponate wird es gehen: Wie kamen die Objekte in die Kunstkammer und wohin gingen sie? Die drei Objektkategorien der Kunstkammer – Scientifica, Naturalia, Artificialia – sind im Laufe der Zeit im Wesentlichen in drei Institutionen gelandet: der Humboldt Universität, dem Museum für Naturkunde und den Staatlichen Museen zu Berlin.

Im Projekt arbeiten diese drei nun für zunächst drei Jahre daran, „anhand von Objekten eine intellektuelle Idee zu erforschen, die an der Wiege von allen unseren Institutionen stand”, wie Michael Eissenhauer, einer der drei Projektleiter, erklärt. „Es geht darum, genau diese spannende Geschichte zu erzählen: Welche Objekte wurden identitätsstiftend? Was passierte mit den Objekten, bis sie in die Kunstkammer kamen, und was passierte, als sie die Kunstkammer verließen? Entlang der Geschichte der Objekte wollen wir klarmachen, dass diese auch eine Institutionsgeschichte für Berlin ist”, so Eissenhauer weiter. So wurden beispielsweise die Museen auf der Museumsinsel auch gebaut, um die Schätze der Kunstkammer einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren.

Partizipative Darstellung im Netz
„Berlin ist von Museumgeschichte und seinen Sammlern plus industrieller Entwicklung wie Borsig und Siemens” geprägt, ergänzt Horst Bredekamp, Projektleiter für die Humboldt Universität, auf dessen Initiative das Projekt zurückgeht. Beides ist nicht voneinander zu trennen. Die Kunstkammer sei nicht nur der Schlüssel zum Verständnis der Museen, sondern der gesamten Stadtentwicklungsgeschichte Berlins. „Kurz vor 1800 kommt die Kunstkammer aus dem Schloss zur Akademie der Wissenschaft. Das wäre der Moment, in dem sie hätte aufgelöst werden sollen in Natur, in Kunst und in Wissenschaft. Das ist nicht geschehen, sondern sie blieb intakt, auch als ein Teil zur Universität und zum Alten Museum kam. Die weiteren Stationen waren das Neue Museum, das Kunstgewerbemuseum und das Völkerkundemuseum. Zugleich wurden die Quartiere, in denen diese Museumsbauten neu errichtet wurden, kulturell aufgewertet. Und damit wird die Museums- als Institutionengeschichte zur Stadtgeschichte”, erklärt Bredekamp. Auch das Naturkundemuseum sei gegründet worden, um den Norden der Stadt in das Gefüge der Innenstadt einzubinden. Den Grundstock dieser Sammlung bilden die “Naturalia” aus der Kunstkammer wie auch der Bergakademie.

Das Prinzip Kunstkammer als Motiv für ein Stillleben. Johann Georg Hainz: Kleinodienschrank, 1666; © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Arne Paille
Das Prinzip Kunstkammer als Motiv für ein Stillleben. Johann Georg Hainz: Kleinodienschrank, 1666; © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Arne Paille

Seit den 1980er Jahren erforscht Bredekamp die Brandenburg-Preußische Kunstkammer, deren Grundkonzept leibnizscher Prägung er im Jahr 2000 in die Konzeption für das Humboldt Forum eingebracht hat. Nun vernetzen sich die drei Institutionen in einer neuen Form der Zusammenarbeit. Jeder Partner wird seine Forschungsergebnisse zur Verfügung stellen, um einen großen, gemeinsamen Wissensstand zu erzeugen. Die gemeinsame Forschungsplattform soll später dazu genutzt werden, um die Ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, erklärt Angela Fischel, die Forschungsreferentin der Staatlichen Museen zu Berlin. So sollen die historischen Veränderungen der Kunstkammer und ihre zahlreichen Geschichten digital auferstehen. Natürlich werde es auch Bücher und Konferenzen geben, aber mittels der Online-Plattform werden die Kunstkammer-Objekte und ihre Kontexte unmittelbar anschaulich und dynamisch wie auch partizipativer dargestellt werden.

Als ein Ergebnis des Projekts soll diese Online-Plattform dann visuell verdeutlichen, dass sich Berlin erst aus dem Nukleus Kunstkammer zu einer geistigen Landschaft entwickelt habe, sagt Eissenhauer. „Die Universität ist nicht mit der Intention einer reinen Lehranstalt gegründet worden, sondern mit Humboldts Grundgedanken eines Zusammenspiels von Lehre und Sammlungsobjekten. 1810 wurden die Humboldt Universität und die Berliner Museen gegründet, und seitdem waren diese immer gedanklich so verbunden, dass das eine ohne das andere nicht existieren kann”, erzählt er weiter. Daher sei eine wichtige Fragestellung des Projekts, in welchem intellektuellen Kontext die Objekte durch die Sammlungen wanderten.

Auch Naturobjekte wie dieser Haifischkiefer kamen aus der Berliner Kunstkammer ins Ethnologische Museum der Staatlichen Museen zu Berlin.
Auch Naturobjekte wie dieser Haifischkiefer kamen aus der Berliner Kunstkammer ins Ethnologische Museum der Staatlichen Museen zu Berlin.

Wissenshorizonte über Europa hinaus erweitern
Insofern betreibt das Kunstkammer-Projekt eine perspektivisch erweiterte Provenienzforschung, bei der es darum geht, die vollständige Geschichte des Sammelns abzubilden. Die derzeitige kritische Diskussion um Provenienzforschung übersehe, „dass es im Selbstverständnis eines „Kunsthistorikers” – dies sagt allein der Begriff an sich – schon immer selbstverständlich war zu erforschen, wo die Werke waren, bevor sie im Museum landeten, wer sie warum beauftragt hat, warum sie eventuell geraubt oder beschädigt wurden”, so Eissenhauer, aber auch, welch verbindendes Wissen und welch wechselseitige Anerkennung sie zu erzeugen vermochten. In der Geschichte der Berliner Sammlungen gibt es viele weitere unerforschte Aspekte, die mit dem neuen Projekt erschlossen werden sollen. „Wir wollen genauer wissen, wie und wann die Objekte nach Berlin kamen, durch welche Sammlungen sie gewandert sind und wie sie gedeutet wurden.”

Bredekamp erklärt, dass die damalige Sammelleidenschaft keinesfalls einem Gestus westlicher Dominanz entsprochen habe, sondern, was gegenwärtig bisweilen verfälscht und geradezu in sein Gegenteil gekehrt werde, einem Wunsch nach Selbsterkenntnis entsprach, sich an den Zeugnissen anderer Kulturen selbst zu relativieren. Bei der Kunstkammer ging es darum, die „Wissenshorizonte zu erweitern und eben deutlich über Europa hinaus einen Kulturvergleich möglich zu machen.” Deshalb hätten besonders verarbeitete Objekte wie das beschnitzte Straußenei oder das Porzellan aus China so viel Neugierde auf sich gezogen. Die von Menschenhand geschaffenen Objekte aus Europa in der Kunstkammer waren „Beispiele, anhand derer sich nicht zuletzt auch die Handwerker zu schulen lernten.” Mit dem Projekt soll in den Kunst- und Natursammlungen eine große Forschungslücke geschlossen werden. Über die Untersuchung der Objekte hinaus ist es ein Ziel, darzustellen, wie die Sammlungen Wissen durch räumliche Anordnungen von Objekten erzeugt haben. In der Zusammenarbeit von drei wichtigen Berliner Sammlungen soll die Brandenburgisch-Preußische Kunstkammer wieder als ein Ganzes wahrnehmbar werden.

Die Forschungsallianz wird von drei Institutionen getragen und von Michael Eissenhauer gemeinsam mit Horst Bredekamp von der Humboldt-Universität zu Berlin und Johannes Vogel vom Museum für Naturkunde geleitet. Das Forschungsteam besteht aus drei wissenschaftlichen Mitarbeitern/innen und einem/einer IT-Fachmann/-frau, die ab November 2018 jeweils an einer der drei Institutionen arbeiten werden.

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