Lieblingsstücke: Comics des Barock

Lange bevor es Facebook gab, stifteten die Menschen Votivbilder, um ihrer Community von bewegenden Ereignissen zu berichten und den Heiligen für Rettung aus der Not zu danken. Unsere Grafikerin Sabine Dettman erklärt, was sie an diesen Votivbildern fasziniert.

Errettet! Blitzschlag, Feuersbrunst, Raubüberfall, Fenstersturz, Verbrechen – von diesen Schicksalsschlägen erzählen naiv gemalte Votivbilder im Museum Europäischer Kulturen. Die stillen, unscheinbaren Zeugen menschlicher Unglücke lobpreisen Heilige für wunderhafte Rettung aus großer Not. Beliebte Schutzheilige waren der Hl. Leonhardt, die Hl. Notburga, der Hl. Wendelin und natürlich die Mutter Gottes. Die betroffenen Menschen blieben hingegen oft anonym. Weltliches und geistiges Geschehen vermischen sich auf den Bildtafeln zu einem bunten Bild des Lebens in vergangenen Zeiten. Selbstgemalt oder in Auftrag gegeben, waren die Tafeln in den Kirchen eine Art Zeitung und Andachtsbild zugleich und immer Ausdruck lebendiger Frömmigkeit. Sie füllten dicht an dicht gehängt die Wände ländlicher Kirchen in Süddeutschland. Es gibt sehr viele dieser Tafeln – das alltägliche Leid der Menschen sorgte für stetigen Nachschub.

Ein Blitz schlägt in ein Haus am Waldrand ein, Maria mit Kind wacht über der Szene
Votivbild, 1859, Salzburg
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarciglia

Mir gefallen die schlichten Bilder, weil sie unbekümmert in Szene setzen, was Menschen im Leben widerfahren kann. Kein öffentliches Jammern, sondern künstlerischer Dank für die himmlische Hilfe. Die dargestellten Dramen sind vielfältig: da ist beispielsweise ein kopfüber aus dem Fenster stürzendes Kind, ein unter das Pferdegespann geratener Kutscher oder das Haus am Waldrand, in das grell und unbarmherzig der Blitz einschlägt. Die Bildergeschichten wirken mystisch, rätselhaft und auch schauerlich. Trotzdem oder gerade deshalb sind sie von wundersamer Poesie, aber auch verblüffend heutig und immer demütig. Schön finde ich auch, dass diese einfachen, volkstümlichen Bilder ganz selbstverständlich im Kontext zu den sakralen Altartafeln großer Meister in den Kirchen ausgestellt wurden. Wer nicht lesen konnte, verstand die Wunderberichte trotzdem. Die Votivbilderwelten könnte man auch Comics des Barock nennen oder wie man heute sagen würde: Kreativprojekt Danksagung. Gewissermaßen das Motto des Aktionskünstlers Joseph Beuys vorwegnehmend: Jeder Mensch ist ein Künstler.

Ein Kutscher gerät unter die Räder seines Fuhrwerks, während die Hl Notburga und die Mutter Gottes ihn schützen
Votivbild, 1748, Kleinhöhenkirchen, Oberbayern
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarciglia
Ein Mann schießt auf eine Frau, die Heiligen wachen über die Szene
Votivbild, 1808, Oberbayern
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarciglia
Ein Feuer wütet in einem Bauernhof, die Maria mit Kind wacht über der Szene
Votivbild, 1858, Österreich
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarciglia
Ein Kind stürzt kopfüber aus dem Fenster, Maria mit Kind wacht über der Szene
Votivbild, 1748, Deggendorf, Niederbayern
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarciglia

1 Kommentar

  1. Elisabeth Tietmeyer - 2. Juni 2015, 14:43 UHR

    Ich war angenehm überrascht, als ich den Beitrag von Frau Dettmann mit Beispielen unserer Votivtafeln las. In unserem Magazin lagern so viele … Sie sind herzlich eingeladen, liebe Frau Dettmann, sich die Bilderflut anzusehen.

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