Lieblingsstücke: Mixed Signals in der Alten Nationalgalerie

Eine der Figuren in Leo von Königs “Am Frühstückstisch” in der Alten Nationalgalerie fasziniert den ehemaligen Praktikanten Patrick Horn ganz besonders. Er fühlt sich von ihr ins Bild gezogen und ist gleichzeitig verwirrt von ihrer scheinbaren Gleichgültigkeit.

Text: Patrick Horn

Wenn ich durch die Alte Nationalgalerie laufe, führt mich mein Weg immer an den berühmten Impressionisten vorbei, von denen so viele in der Sammlungspräsentation des Hauses vertreten sind. Neben Persönlichkeiten wie Cézanne, Renoir oder Liebermann, findet sich darunter auch Leo von König, dessen Meisterwerk „Am Frühstückstisch“ von 1907 im Raum der Berliner Secession präsentiert wird. Seit der Ausstellung „Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende“, in der das Werk zusammen mit Königs „Bohème-Café“ gezeigt wurde, fällt es mir immer wieder ins Auge – und das hat seinen Grund.

Distanzierte Figuren
Die Darstellung wirkt zunächst eher unscheinbar. Es ist eine Momentaufnahme mit Mutter und Tochter an einem dürftig gedeckten Esstisch; das morgendliche, schattige Interieur befindet sich bei den Eltern Königs. Im Hintergrund bringt eine Bedienstete eine Kanne, ein buntgemischter Blumenstrauß, Brot, Butter, ein Glas Milch und eine Schale voll mit grünen Äpfeln zieren die kleine Tafel.

Das Verhältnis der Personen zueinander wirkt distanziert, gar befremdlich. Nur ein wenig Licht lockert den Raum mit durchziehender Helligkeit auf. Dies, gepaart mit der Farbgebung und der Komposition des Ölgemäldes, zeugt von den Einflüssen französischer Impressionisten auf Leo von König, insbesondere Monet und Manet. Doch ist da noch etwas anderes. Etwas, das ganz unverkennbar für Königs Schaffen und vor allem für jedes einzelne seiner Bildnisse steht.

Leo von König: Am Frühstückstisch, 1907 (Detail) © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger
Leo von König: Am Frühstückstisch, 1907 (Detail) © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Stilvoller Gleichmut
Es gelingt dem Künstler nämlich nicht nur, den äußerst stilvollen Gleichmut seiner Modelle auf die Leinwand zu bannen, sondern auch, jene Körpersprachen in einer Art und Weise darzustellen, bei der ich mich direkt in das Geschehen hineinversetzt fühle. Ich habe das Gefühl, dem unscheinbaren und doch so gehaltvollen Ausdruck der Tochter etwas entgegensetzen zu müssen.

Das ist jedoch nicht so leicht, da ich durch ihn sofort der Bedrängnis dieser unnahbaren Intimität ausgesetzt werde, was meine Aufmerksamkeit erregt und gleichzeitig eine gewisse Verunsicherung in mir hervorruft. Während die Mutter und das Mädchen den Betrachter gänzlich ignorieren, wird er durch den hypnotischen Blick der Tochter ruhig zur Kenntnis genommen, ohne Verwunderung, ganz selbstverständlich. Ich finde mich auf einmal zwischen realer und künstlerischer Welt wieder und es entsteht eine imaginäre Assoziation zwischen dieser Figur, dem Maler und mir. Der auf den rechten Arm aufgestützte Kopf und die lustlos auf dem Tisch abgelegte Hand zeigen mir zudem eine wahre Gleichgültigkeit gegenüber Allem, was momentan in Ihrer und meiner Gegenwart passiert.

Leo von König: Am Frühstückstisch, 1907 (Detail) © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger
Leo von König: Am Frühstückstisch, 1907 (Detail) © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Kommunikative Ketten
Die Ölstudie des Gemäldes ähnelt kompositorisch und inhaltlich dem etwas später entstandenen Werk „Beim Lesen der Zeitung“ von 1909. Bei der finalen Umsetzung hat sich König jedoch dazu entschlossen, keinen objektiven Blick auf eine profane Alltagsszenerie zu werfen, sondern vielmehr den Inhalt in direkten Austausch mit dem Rezipienten zu setzen. Die Mutter im Bild betrachtet eine Illustration, die Tochter schaut aus dem Bild heraus. Ich sehe sie an und es entsteht eine kommunikative Kette, welche letztendlich die Frage bei mir aufwirft: Welche Rolle nehme ich da gerade ein? Welche Gedanken möchte sie mir entgegenbringen? Möchte sie mir überhaupt etwas mitteilen, außer, dass sie die Gesamtsituation sichtlich missbilligt?

Ich vermag es nicht sicher zu deuten, aber genau das macht diese Gemälde für mich so eindrücklich und spannend. Eine verworrene Darstellung mit einem starren Anziehungspunkt, der die nötigen Gedanken anstößt, um mich selbst in dem Bild wieder zu finden.

Leo von König: Am Frühstückstisch, 1907 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger
Leo von König: Am Frühstückstisch, 1907 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger
Willy Römer: Der Maler Leo von König in seinem Atelier bei der Arbeit (1931) © Staatliche Museen zu Berlin / Photothek Willy Römer / Willy Römer
Willy Römer: Der Maler Leo von König in seinem Atelier bei der Arbeit (1931)
© Staatliche Museen zu Berlin / Photothek Willy Römer / Willy Römer

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1 Kommentar

  1. Leo von König spricht mich auch sehr an. Danke für diese einfühlsame Bildbetrachtung.
    Wenn die Maler uns in Ihre Bilder hineinziehen, dann haben sie doch alles erreicht!

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