Mönche, Tiere, Sensationen – Philipp Demandt wechselt von der Alten Nationalgalerie zum Städel

Ein großer Museumsmacher verlässt die Insel Richtung Süden: Ab dem 1. Oktober 2016 ist Philipp Demandt der neue Direktor des Städelmuseums und der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main. Demandt hatte die Geschicke der Alten Nationalgalerie seit Januar 2012 mit überragendem Erfolg geleitet.

In Frankfurt freut man sich auf „einen der kreativsten Köpfe der deutschen Museumslandschaft“ (Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth). In Berlin hingegen fragt man sich, ob der Ausgang des Brexit-Referendums, der mit der Verlautbarung von Demandts Abgang  zusammenfiel, nicht als schlechte Nachricht für einen Tag gereicht hätte. Gelangte doch die Alte Nationalgalerie in seiner Amtszeit zu neuer Blüte. Zu Philipp Demandts kuratorischen Coups gehört ohne Zweifel „Impressionismus – Expressionismus“: die mit einer Viertelmillion Besuchern wohl erfolgreichste Ausstellung in der Alten Nationalgalerie. „ImEx“ haben Angelika Wesenberg und er auf noch nie dagewesene Weise den Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert und damit die Entstehung der Moderne betrachtet. Die Ausstellung wurde übrigens zu großen Teilen aus den Beständen der Nationalgalerie bestückt. Demandt selbst sagte dazu: „Der überwältigende Erfolg von ‚ImEx‘ zeigt, welche großen Kräfte die eigenen Sammlungsbestände der Nationalgalerie entfalten können, wenn man bereit ist, diese immer wieder neu zu befragen und neu zu denken.“

Expeditionen ins reiche Depot

Das reichhaltige Depot seines Hauses war für Philipp Demandt Ausgangspunkt seiner Arbeit. Nicht nur, um die Schausammlung neu zu konzipieren – auf seinen Expeditionen ins Depot fand der große Entdecker hier viele der unbekannten, aber dafür umso sensationelleren Kleinode, die das altehrwürdige Haus auf neue Art zum Leuchten brachten und zeitlos in der Gegenwart verorteten. Beispielsweise entdeckte Demandt dort das Gemälde „Der Wunderbrunnen“ des türkischen Meisters Osman Hamdi Bey, das lange an das deutsche Konsulat in Istanbul gehangen hatte, und hängte es 2014 ins Foyer der Alten Nationalgalerie. Die türkische Presse berichtete begeistert, die Hängung erschloss eine neue Besucherklientel und hat so vielleicht mehr ausgerichtet als mancher Integrationsbeauftragter.

Osman Hamdi Bey, Lesender Araber / Der Wunderbrunnen. © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger
Osman Hamdi Bey, Lesender Araber / Der Wunderbrunnen. © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Leuchten tun seit 2016 auch die Bilder selbst wieder wie seit 200 Jahren nicht mehr: Nach dreijähriger Restaurierungszeit kehrte Caspar David Friedrichs wohl bekanntestes Bilderpaar „Mönch am Meer“ und „Abtei im Eichwald“ zurück in die Alte Nationalgalerie. Und auch anlässlich der Erstpräsentation von Friedrichs Meisterwerken fand Demandt wieder eine Preziose im Bestand: Caroline Barduas Porträt von Caspar David Friedrich, das lange Jahre als Selbstbildnis galt, weil man einer Frau solch ein Kunstwerk nicht zutraute. Nicht so Philipp Demandt, der weitere Meisterwerke von Künstlerinnen wie Marie Ellenrieder, Sabine Lepsius, Vilma Parlaghy oder Elisabeth Jerichau-Baumann neu präsentierte.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz; Joachim Gauck, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland; Kristina Mösl, Leitende Restauratorin der Alten Nationalgalerie; Philipp Demandt, Leiter der Alten Nationalgalerie © Staatliche Museen zu Berlin / Foto: Achim Kleuker
Caspar David Friedrich, Mönch am Meer (vlnr: Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz; Joachim Gauck, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland; Kristina Mösl, Leitende Restauratorin der Alten Nationalgalerie; Philipp Demandt, Leiter der Alten Nationalgalerie). © Staatliche Museen zu Berlin / Achim Kleuker

Schreiben kann er auch

Der 1971 in Konstanz geborene Demandt hat Kunstgeschichte, Archäologie und Publizistik studiert. Nach seiner Zeit als Ausstellungsassistent im Berliner Bröhan-Museum wurde er  2004 Dezernent bei der Kulturstiftung der Länder. Dort hob er unter anderem die vielbeachtete Zeitschrift „Arsprototo“ aus der Taufe. Von Demandts publizistischen Fähigkeiten profitierte dann auch das SPK-Magazin, dessen gerngelesener, weil überaus schreibfähiger Autor der Leiter der Alten Nationalgalerie wurde. Demandt bekam mit „Das Tier im Blick“ seine eigene Kolumne – in der er die Leser mit in den Zoo der Kunst nahm. Dass ihn das Tier im Blickfeld der Moderne als Thema reizte ist, zeigte sich immer wieder.

Anton Puchegger, Schimpansin „Missie“  im Treppenhaus der Alten Nationalgalerie. © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger
Anton Puchegger, Schimpansin „Missie“ im Treppenhaus der Alten Nationalgalerie. © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Das Museum, der Zoo

Nicht nur, dass seit Dezember 2014 wieder Anton Pucheggers lange verschollene Schimpansenskulptur „Missie“ im Treppenhaus der Alten Nationalgalerie sitzt. Im Frühling desselben Jahres kuratierte Philipp Demandt die weltweit erste Museumsausstellung überhaupt zu Rembrandt Bugatti, den wohl zoophilsten unter den Bildhauern der Jahrhundertwende. Hier gesellten sich großartige Tierskulpturen zu den Gemälden des 19. Jahrhunderts. So hielten dann Bugattis ausdrucksvolle „Kuh“ oder die „Französische Bulldogge“ Zwiesprache mit den Gemälden Schinkels, Friedrichs oder Böcklins – wie im Bode-Museum die Donatellos mit den alten Meistern. Seitdem hat der „Bugatti-Virus“, von dem Demandt damals sprach und die fulminante Wiederentdeckung des Bildhauers meinte, die Museumsinsel vollends erwischt. Erst kürzlich erhielt die Alte Nationalgalerie die Bronzeskulpturen „Vier Kühe“ und „Zwei Geier“. Und auch 2015 gab es in der Alten Nationalgalerie eine Ausstellung mit Wilhelm Kuhnerts wunderbaren Zeichnungen wilder Tiere in der Alten Nationalgalerie.

In den letzten fünf Jahren ist in der Alten Nationalgalerie viel passiert. Kein Wunder also, dass Philipp Demandt anlässlich seines Ortswechsels äußert: „Ich blicke mit Dankbarkeit auf rund fünf erfüllte Jahre an der Alten Nationalgalerie“. Berlin gratuliert Frankfurt.

© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger
Rembrandt Bugatti, Vier Kühe, unbefristete Leihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung, erworben 2015. © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Text: Gesine Bahr-Reisinger
Titelfoto: © Oliver Mark

2 Kommentare

  1. Josef Röckenschuss - 30. Juni 2016, 9:52 UHR

    Vielen Dank für mehrere wunderschöne Ausstellungen: Der Mönch ist zurück (einfach wunderbar, diese Bilder in diesem Zustand zu sehen!), ImEx, die Maori-Ausstellung u.a.
    Schade, dass Sie gehen. Auch in Ffm viel Erfolg.

  2. Ralf Liebau - 10. Juli 2016, 11:58 UHR

    Vielen Dank für die Jahre in Berlin. Nicht nur die Ausstellungen haben mir gut gefallen, es gab bei jedem Besuch des Hauses Spannendes zu entdecken – wieder war eine Perle aus dem Depot geholt und ans Tageslicht befördert worden. Langweilig war es in der Nationalgalerie unter ihrer Leitung nie. Eine gute Zeit an der neuen Wirkungsstätte und nochmals Danke!

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