„Museen sind keine neutralen Orte!” Zum Wechsel von Léontine Meijer-van Mensch

Es geht nach außen, es ist im positiven Sinne aktivistisch, es bezieht Position, es scheut die Reibung nicht, es gibt sein Besitzdenken auf: Léontine Meijer-van Mensch, stellvertretende Direktorin des Museums Europäischer Kulturen, über das Museum des 21. Jahrhunderts.

Museen sind wunderbare Orte! Denn sie sind nicht nur Räume, in denen Objekte stehen. Es sind diskursive Räume, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart treffen. Sie fordern den Besucher auf, mit ihnen in Dialog zu treten. Solch ein Dialog ist eine unglaubliche Chance nicht nur für den Besucher, sondern auch für die Museen. Ich hoffe, dass sie künftig diese Chance noch viel mehr nutzen, damit sie zu Institutionen werden, in denen sich die Menschen wirklich willkommen fühlen, aber auch auf Herausforderungen treffen. Wenn sie das erreichen wollen, dürfen Museen nicht einfach weitermachen wie bisher. Sie müssen noch viel stärker Stellung beziehen zu den Dingen, die in der Gesellschaft geschehen und die unsere Gesellschaft bewegen. Dazu müssen sie sich gesellschaftlich und politisch klar positionieren. So eine Positionierung kann aufreibend sein, an ihr geht aber kein Weg vorbei: Denn Museen sind keine neutralen Orte! Der Mensch ist nicht neutral, wir sollten also auch nicht erwarten, dass ein Museum ein Raum der Objektivität ist. Nur dadurch wird das Museum zu einem Ort, der den Besucher berührt, der ihn bewegt.

Ich finde auch, dass man künftig noch viel mehr in Frage stellen muss, wo dieses Museum überhaupt beginnt. Denn das kann nicht erst hinter der Eingangstür des Hauses sein. Das Museum der Zukunft muss nach außen gehen – seine Objekte müssen nicht zwangsweise in der zugehörigen Sammlung zu sehen sein. Viel spannender ist doch ihr eigentlicher Kontext, vor allem, wenn man die Gegenwart sammelt. Wenn man die Idee der „shared heritage“, also des geteilten Erbes, ernst nimmt, dann sind die Objekte nicht mehr nur im Besitz des einen Museums. Denkt man so, dann ist es nicht mehr so wichtig, an welchem Ort ein Objekt zu finden ist, sondern vielmehr, in welchen Kontext man es stellt.

Wenn man das weiter denkt, dann wird auch deutlich, dass die Zukunft der Museen nicht mehr in einzelnen, isoliert existierenden Häusern mit ihren jeweiligen Depots und Sammlungen besteht. Die Zukunft wird den Netzwerken gehören, Netzwerken aus Museen, indigenen und anderen Communities, Sammlern und nichtmusealen Einrichtungen, die nicht mehr zueinander in Konkurrenz um Aufmerksamkeit stehen, sondern miteinander agieren. Objekte könnten dann zwischen Sammlungen hin- und herwandern, Kuratoren mehrerer Häuser gemeinsam über sinnvolle Ankäufe entscheiden. Ideen und Ausstellungen würden zusammen entwickelt, ohne dass jedes einzelne Haus sein jeweiliges Profil verliert. Was das angeht, wünsche ich mir noch viel mehr Offenheit und Mut, wünsche mir, dass Museen ihre Angst vor den anderen da draußen verlieren.

Die Zukunft bringt ohne Zweifel große Herausforderungen für Museen. Aber wir müssen uns ihnen stellen, denn in der Zukunft werden wir daran gemessen werden. Denn irgendwann wird hoffentlich nicht mehr nur die Besucherzahl Gradmesser für den Erfolg eines Museums sein, sondern die Frage: Was hat die Ausstellung bei dem einzelnen Besucher bewirkt, was hat sie mit ihm gemacht?

Vieles von dem, was ich beschrieben habe, hat das Museum Europäischer Kulturen schon umgesetzt. Das Museum hat Ausstellungen gemacht, die den Erwartungen nicht entsprochen haben und gerade deshalb ein großer Erfolg geworden sind, beispielsweise die noch laufende Ausstellung „daHEIM – Einsichten in flüchtige Leben“. Das Haus jetzt zu verlassen, fällt mir nicht leicht, weil mit den anstehenden Veränderungen in Dahlem eine Phase der Neuausrichtung beginnt. Das bringt natürlich auch eine Chance zur Neuerfindung mit sich. Dabei hätte ich natürlich gerne eine Rolle gespielt, mitgedacht und mitentwickelt. Aber: Da Museen in der Zukunft ohnehin weniger Objekte, sondern vielmehr Beziehungen sammeln, werde ich mit dem Museum Europäischer Kulturen immer in Verbindung sein!

Aufgezeichnet von Kristina Heizmann

Léontine Meijer-van Mensch ist seit Mai 2014 stellvertretende Direktorin des Museums Europäischer Kulturen. Sie hat das Haus mit ihrem Wissen um die Bedeutung von Partizipation, Inklusion und Vernetzung bereichert. Zum 1. Februar 2017 wird Léontine Meijer-van Mensch als Programmdirektorin an das Jüdische Museum Berlin wechseln.

Léontine Meijer-van Mensch
Léontine Meijer-van Mensch. Foto: Yves Sucksdorff

2 Kommentare

  1. Hallo!
    Davon unterschreibe ich viel und würde eine solch offene, vernetzende Entwicklung sehr begrüßen.
    Aber eine Frage stellt sich mir: wenn das Museum nicht mehr nur Versammlungsort verschiedenster künstlerischer Positionen ist (was es bisher doch ist und eine klare EIGENE Positionierung schwierig macht), werden die Kriterien für Künstler dann nicht noch enger, noch weniger zugunsten einer wünschenswerten Bandbreite angelegt? Kann eine eigene klare Position des Museums dieses nicht auch dahin bringen, sich zum Unterstützer einer bestimmten Richtung zu machen? Und inwiefern beeinflusst und verändert diese Haltung Künstler und Kunst?
    Viele Grüße,
    Sabine

  2. Léontine Meijer-van Mensch - 25. Oktober 2016, 17:05 UHR

    Liebe Sabine,

    erst einmal recht herzlichen Dank für den Kommentar. Ich freue mich, dass Sie vieles davon unterschreiben können und dass Sie sich für museologische Fragen interessieren.
    Ich sehe aber nicht die große Gefahr, dass es durch eine Artikulation der eignen Positionierung des Museums zu einer Einengung der Künstler und ihres Schaffens kommt. Meinen Sie, dass künstlerische Freiheit dadurch eingeschränkt wird? Ich denke eher, dass das Gegenteil der Fall ist. Es geht weniger um Bandbreite, sondern vielmehr um Netzwerke von Museen, Communities, Sammlern und nichtmusealen Einrichtungen. Und es geht um die Präsenz und damit auch gesellschaftliche Relevanz von Museen.

    Alles Gute aus Berlin Dahlem. Kommen Sie uns doch mal besuchen!
    Léontine Meijer-van Mensch

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