Neue Galerie für die Moderne im Hamburger Bahnhof

In der „Neuen Galerie“ im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin werden künftig bedeutende Werke der Moderne aus dem Bestand der Neuen Nationalgalerie präsentiert. Ein Gespräch mit Direktor Udo Kittelmann über den neuen Ausstellungsbereich und die Eröffnungsausstellung „Die schwarzen Jahre“.

Im November eröffnet mit der „Neuen Galerie“ ein neuer Ausstellungsbereich im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. Was erwartet die Besucher dort?
Die „Neue Galerie“ wird während der sanierungsbedingten Schließung des Mies-van-der-Rohe-Baus ein fester Ort für die Kunst der Moderne der Sammlung der Nationalgalerie sein. Unter wechselnden Perspektiven geben wir Einblicke in den Bestand zur Klassischen Moderne und zur Kunst nach 1945 und halten damit diese Werke bis zur Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie auch am Hamburger Bahnhof in Ausschnitten präsent. Man wird dort zukünftig berühmte Werke der Nationalgalerie wiedersehen, aber auch viele weniger bekannte Schätze entdecken können. Auch wollen wir hier unsere Kenntnis über die Sammlung weiterhin wissenschaftlich vertiefen.

Wie kam es zu der Idee, einen Bereich im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin den Werken der Neuen Nationalgalerie zu widmen und welche Schritte waren hierfür erforderlich?
Die erste Idee zur „Neuen Galerie“ liegt schon länger zurück. Wir haben diskutiert, wie wir weiterhin die Werke aus der Neuen Nationalgalerie unserem Publikum präsentieren können. Aber wir wollten nicht nur eine Aneinanderreihung von sogenannten „Meisterwerken“, vielmehr beabsichtigen wir, in neuen Konstellationen der Sammlung auch neue Perspektiven hinzuzufügen – auf dem Weg zum neuen „Museum des 20. Jahrhunderts“.

Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie vor dem Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin. Foto: Juliane Eirich
Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie vor dem Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. Foto: Juliane Eirich

Was wird die erste Ausstellung in der „Neuen Galerie“ sein?
Die erste Präsentation ab 21. November steht unter dem Titel „Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933-1945“ und widmet sich diesen schicksalhaften Jahren und der damit verbundenen Sammlungsgeschichte. Gezeigt werden Kunstwerke der Nationalgalerie, die entweder in diesem Zeitraum entstanden, damals in die Sammlung kamen oder durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden: Werke von Pablo Picasso, Lyonel Feininger, Otto Dix, aber auch Böcklins berühmte „Toteninsel“, die in Hitlers Reichskanzlerpalais hing, außerdem solche Werke, die erst in jüngster Zeit neu in die Sammlung gekommen sind sowie Arbeiten, die seit über 75 Jahren nicht mehr ausgestellt wurden. Ausgehend von den einzelnen Werken und deren Geschichten wird die Ausstellung die Kunst, Politik und Museumsgeschichte dieser Zeit thematisieren.

Können Sie Einzelheiten zur Ausstellung „Die Schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933–1945“ nennen?
Die Ausstellungsarchitektur ist inspiriert von der verwinkelten Raumsituation mit Wandscheiben und Durchblicken in Karl Hofers Gemälde „Die schwarzen Zimmer“. Zu Beginn der Ausstellung wird eine Gruppe von italienischen Gemälden vorgestellt, die Ende 1932 im Zuge eines Tausches mit dem faschistischen Italien in die Nationalgalerie kamen. Als diese Bilder im Februar 1933 in Berlin gezeigt wurden, war Hitler bereits an der Macht. Diese umfangreiche Erwerbung wird erstmals wieder in einer Ausstellung thematisiert werden. Andere Kapitel der Ausstellung beschäftigen sich mit der Diskussion, ob der
Expressionismus ein „nordischer“ Stil sei und daher angemessen für den neuen deutschen Staat oder ob er als „entartet“ gelten müsse. Hinter jedem Bild, jeder Skulptur in dieser Ausstellung verbirgt sich ein exemplarisches Schicksal, eine individuelle Geschichte, die eingebunden ist in eine Zeit- und Kunstgeschichte. Die Ausstellung formuliert somit erneut die Haltung der Nationalgalerie hinsichtlich einer musealen Sammlungspräsentation: Diese sollte sich nicht allein in der Darstellung einer Ästhetikgeschichte der Kunst erschöpfen, sondern eingebunden sein in ihre jeweilige Sozialgeschichte.

Wie häufig werden die Ausstellungen in der „Neuen Galerie“ wechseln? Können Sie bereits einen Ausblick auf Highlights der Zukunft geben?
Für jedes Jahr sind zwei Präsentationen geplant. So werden wir uns beispielsweise nach den „Schwarzen Jahren“ dem umfangreichen Werkkomplex von Ernst Ludwig Kirchner widmen. Eine weitere Ausstellung wird das vielgestaltige skulpturale Werk von Rudolf Belling, der 1924 seine erste museale Einzelausstellung in der Nationalgalerie hatte, einer aktuellen Rezeption unterziehen.

Werden die Ausstellungen in der „Neuen Galerie“ auf die zeitgenössische Kunst im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin Bezug nehmen?
Die Präsentation von Kunst unterschiedlicher Zeiten, Epochen sowie Stile oder kultureller Einflüsse in Dialogen kann durchaus sinnstiftend sein. Und es gilt natürlich auch, dass eine jüngere Kunst oft bewusst auf eine vormalige Kunst Bezug nimmt, sozusagen ihre Wurzeln offenlegt. So werden in der „Neuen Galerie“ auch solche Dialoge aufgezeigt werden, um eine meist noch übliche chronologische Sammlungspräsentation für die Zukunft kritisch zu hinterfragen. Warum sollte nicht ein Werk der „Klassischen Moderne“ durch die Gegenüberstellung mit einem Werk des 21. Jahrhunderts eine zusätzliche und gegenwärtigere Bedeutung erlangen können? Die „Neue Galerie“ soll auch ein Ort sein, um andere Formate auszuprobieren und um Diskussionen über zukünftige Sammlungspräsentationen anzuregen.

Gibt es neben der „Neuen Galerie“ noch andere Orte, an denen derzeit Werke aus der Neuen Nationalgalerie zu sehen sind?
In Charlottenburg sind momentan 30 bedeutende Werke – etwa von Max Ernst, Oskar Schlemmer und Hannah Höchs Jahrhundertwerk „Schnitt mit dem Küchenmesser“ – zum Thema des Surrealen in der Kunst in der Sammlung Scharf-Gerstenberg zu sehen. Auch im Museum Berggruen wird der dortige Sammlungsschwerpunkt zu Pablo Picasso mit Werken aus dem Bestand der Nationalgalerie ganz wunderbar ergänzt. Ich freue mich außerdem sehr, dass zahlreichen Werken, die bis vor kurzem noch in der Ausstellung „Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende“ in der Alten Nationalgalerie zu sehen waren, ab Oktober im Israel Museum in Jerusalem eine eigene große Ausstellung gewidmet wird. Unter dem Titel „Twilight over Berlin“ wird einerseits des 50jährigen Bestehens des dortigen Museums gedacht, anderseits wird hiermit auch das 50jährige Jubiläum der deutsch-israelischen Beziehungen begangen.

Worauf freuen Sie sich in Bezug auf die „Neue Galerie“ am meisten?
Auf das nicht planbare, auf die überraschenden Erkenntnisse, die immer bei Ausstellungen und der Arbeit an einem und mit einem Museum kreuzen. Und natürlich auf ein Publikum, das bislang aus der ganzen Welt in den Hamburger Bahnhof kam, um sich eine sogenannte „Gegenwartskunst“ anzuschauen und das nun mit den „schwarzen Jahren“ auf das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte treffen wird.

Dieser Text erschien in der Museumszeitung der Staatlichen Museen zu Berlin, Ausgabe IV / 2015

kommentieren

Beitrag kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *