Provenienzforschung: Nancy Karrels und die Rückseiten der Gemälde

Nancy Karrels nimmt am diesjährigen deutsch-amerikanischen Austauschprogramm zur Provenienzforschung (PREP) teil. Am 27. September wird sie in Berlin über ihre Ausstellung zu Methoden der Provenienzforschung im Krannert Art Museum in Illinois sprechen. Im Interview gibt sie bereits jetzt einen Einblick in ihre Arbeit.

Interview: Birgit Jöbstl (english version)

Nancy, Sie arbeiten beim Krannert Art Museum in Illinois. Bevor wir über Ihre Arbeit als Provenienzforscherin sprechen, könnten Sie mir etwas über das Museum erzählen?
Nancy Karrels: Das Krannert Art Museum wurde etwa Mitte des 20. Jahrhunderts gegründet. Es ist das Kunstmuseum des Zentralen Campus der Universität von Illinois in Urbana-Champaign. Entstanden ist es aufgrund einer Schenkung europäischer Kunst. Davon hat das Krannert Art Museum heute eine enzyklopädische Sammlung, weitere Schwerpunkte sind afrikanische Kunst, zeitgenössische Kunst und lateinamerikanische Kunst.

Wie kam es dazu, dass Sie dort als Provenienzforscherin arbeiten?
Ursprünglich begann ich meine Karriere als Anwältin in Kanada. Seit meinem Jura-Studium habe ich mich dafür interessiert, Kunst und Recht zusammenzubringen und ich dachte, Provenienzforschung könnte der Schlüssel dazu sein. Dann habe ich ein Masterstudium in Museologie gemacht und meine Diplomarbeit über aktuelle Ansätze zur Erforschung der Provenienzen aus der Nazi-Ära in amerikanischen Museen geschrieben. Während dieser Zeit machte ich Praktika bei mehreren Museen, hier ist vor allem das Museum of Fine Arts in Boston hervorzuheben, das einen Kustos für Provenienzforschung hat. Als es 2015 an meine Promotion in Kunstgeschichte ging, entschied ich mich für die die University of Illinois. Einer der Gründe dafür war die bereits erwähnte große europäische Kunstsammlung des Krannert Art Museums. Sofort nach meiner Ankunft ging ich dorthin, erzählte von meinen Erfahrungen in Sachen Provenienzforschung und fragte, ob ich dort bei der Provenienzforschung mitmachen könnte. Es gab bereits eine Liste mit Leerstellen für 27 europäische Gemälde, die nach 1933 geschaffen und vor 1945 gehandelt wurden und die auf die Einhaltung der Washingtoner Prinzipien geprüft werden mussten. Also war man hocherfreut, mich als wissenschaftliche Hilfskraft einzustellen und ich habe in den letzten beiden Jahren die Provenienz dieser besonderen Sammlung zwischen 1933 und 1945 erforscht.

Wann kamen Sie auf die Idee, eine Ausstellung zu diesem Thema zu machen? Hatten Sie das bereits im Hinterkopf, als sie angefangen haben?
Seitdem ich mich mit der Provenienzforschung beschäftige, also ungefähr seit 2012, hatte ich diesen Traum: eines Tages eine Ausstellung zu kuratieren, bei der ich statt der Vorderseiten die Rückseiten der Gemälde zeigen würde. Das war damals aber noch kein ausgereifter Gedanke, nur eine Idee. Als ich anfing im Krannert Art Museum zu arbeiten, hat mich meine Supervisorin Maureen Warren – die dortige Kuratorin für europäische und amerikanische Kunst und eine sehr warmherzige und hilfsbereite Person – zu einem Podiumsgespräch im Museum eingeladen. Dabei ging es auch um meine verschiedenen Forschungsarbeiten und wir stellten fest, dass ein ziemlich starkes öffentliches Interesse daran besteht. Nicht nur an den Ergebnissen der Provenienzforschung, sondern auch an den Methoden und den Problemen, mit denen wir konfrontiert sind. So entstand während meines ersten Jahres die Idee zu dieser Ausstellung und im zweiten Jahr begann ich, daran zu arbeiten.

Ausstellungsansicht (c) Krannert Art Museum
Ausstellungsansicht (c) Krannert Art Museum

War es einfach, die Museumskuratoren davon zu überzeugen, dass diese Ausstellung stattfinden sollte?
Ich bin immer noch voller Begeisterung, denn zu keiner Zeit hat mir jemand Hindernisse bei meinen Vorhaben in den Weg gelegt, noch mir den Zugang zu Informationen verwehrt oder mich daran gehindert, Informationen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Das Krannert Museum hat mitgemacht, wir waren uns einig, und es hat mich immer unterstützt. Maureen ist eine junge Kuratorin und kennt sich bestens mit den Provenienzproblematiken aus. Aber auch alle anderen waren sehr begeistert. Ich denke nicht zuletzt, weil sie erkannt haben, dass das Thema von öffentlichem Interesse ist.

Können Sie kurz erzählen, was man in der Ausstellung sehen kann?
Es geht um die Praxis der Provenienzforschung und die Probleme, auf die wir dabei stoßen, sowie um einige Methoden, damit umzugehen. Die Ausstellung umfasst einen Raum, in dem sich sieben Exponate befinden. Jedes Exponat behandelt einen anderen Aspekt. Wenn man den Ausstellungsraum betritt, sieht man als erstes die Rückseite eines Gemäldes. Es handelt sich um ein italienisches Renaissance-Gemälde, aber das weiß man nicht sofort. Es hat einen österreichischen Zollstempel auf der Rückseite, was bedeutet, dass es von dort exportiert wurde. Allerdings wird nicht klar, ob vor oder nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland 1938, da dieser Stempel sowohl in den Monaten nach dem Anschluss verwendet wurde, als auch davor. Selbst nach diversen Rücksprachen mit Österreich war es nicht möglich, eine Aufzeichnung zu finden, die genau beweist, wann dieses Gemälde exportiert wurde. Obwohl eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass das vor dem Anschluss geschehen ist, haben wir keine hundertprozentige Gewissheit. Der Stempel beantwortet also eine Frage und stellt gleichzeitig eine andere, die aber letzten Endes unbeantwortet bleibt. So wollten wir den Besuchern klarmachen, dass nicht jedes Kunstwerk eine klare Provenienz haben kann; dass manchmal Informationen fehlen.

Welche anderen Aspekte haben Sie beleuchtet?
Ein Problem, das wir behandeln, sind Kopien. Es gab ein Bild, das wir für ein Original hielten, aber als wir die Provenienz prüften, haben wir festgestellt, dass es tatsächlich eine Kopie ist! Und die Provenienz der Kopie und des Originals wurde in den vergangenen 100 Jahren in Auktionskatalogen und im Werkverzeichnis durcheinandergebracht. Als wir also die Dokumentationen lasen, wussten wir nicht mehr: Geht es um das Original oder eine der drei Kopien, von deren Existenz wir wissen?
Ein weiterer Aspekt ist die persönliche Dimension: Die Objekte, die wir sehr systematisch und forensisch beforschen, haben alle zu irgendeinem Zeitpunkt irgendjemandem gehört. Bevor sie ins Museum kamen, haben Menschen sie als Teil ihres Lebens geschätzt, sie in ihren Häusern aufgehängt, sie bewundert und manchmal an ihre Familien vererbt, bevor sie ins Museum kamen. Wenn die Erforschung der Provenienz eines Kunstwerks uns dabei hilft, dessen juristische Biografie zu verstehen, sollten wir dabei nicht übersehen, dass auf diese Weise auch die Leben der ehemaligen Besitzer verknüpft werden.

Ausstellungsansicht (c) Krannert Art Museum
Ausstellungsansicht (c) Krannert Art Museum

Kennen Sie bereits Reaktionen der Besucher auf die Ausstellung?
Nicht wirklich, aber das Medieninteresse war hoch. Wir bekommen viele Anfragen von Interessierten aus Übersee, die nicht persönlich vorbeikommen können.

Sind Ihnen andere vergleichbare Ausstellungen bekannt?
Ich persönlich habe von keiner anderen Ausstellung gehört, die sich auf Methodik und Praxis konzentriert; ich glaube, dass das wahrscheinlich etwas Neues ist. Provenienz als Ausstellungsthema ist hier äußerst selten. Vor mehr als zehn Jahren hat Victoria Reed, die Provenienzkustodin beim Museum of Fine Arts in Boston und meine Mentorin, eine Ausstellung zu ihrer Provenienzforschung in der Princeton-Galerie kuratiert. Und es gab 2012 eine wunderbare Ausstellung im Getty Institute über das Leben der Objekte, die Provenienz mit einem größeren Konzept darüber verknüpfte, wie ornamentale Kunstwerke damals und heute angewendet wurden.

Das Krannert Art Museum hat ja auch eine Sammlung außereuropäischer Kunst. Wurden deren Provenienzen auch schon erforscht?
Soweit ich weiß, führen die Kuratoren eine laufende Provenienzforschung durch. Sie würden gern mehr tun, haben dafür aber keine Mittel. Die Kuratorin für afrikanische Kunst hat mich bereits mehrfach eingeladen, ihr nach Abschluss meines Projektes mit der Provenienzforschung der afrikanischen Sammlung zu helfen. In Sachen Provenienzforschung sind sie noch nicht so weit, wie das Museum gern wäre. Aber sie sind sehr motiviert und interessiert, diese Art von Forschung durchzuführen.

Wie finanziert das Museum die Provenienzforschung?
Das passiert entweder durch eine Förderung oder aus einer privaten Spende. In meinem Fall konnte man mir aufgrund meines Doktorandinnenstatus Leistungspunkte geben, anstatt mich zu bezahlen. Insofern hat das Museum Glück gehabt.

Letzte Frage: Was haben Sie gefühlt, als Sie sich in New York mit den PREP Teilnehmern trafen und was erhoffen Sie sich, wenn Sie nach Berlin kommen?
Ich kannte fast alle Teilnehmer auf der amerikanischen Seite, aber noch keine deutschen Teilnehmer. Ich war erstaunt und so beeindruckt von ihrem kollektiven Reichtum an Wissen und auch davon, wie jeder einzelne eine große Expertise hinsichtlich eines speziellen Aspekts der Provenienzforschung hat. Wenn bei der Arbeit bisher Fragen aufkamen, wusste man nicht immer, wem man sie stellen kann. Jetzt habe ich auf einmal dieses Netzwerk von Menschen mit diesen Fachgebieten, an die ich mich wenden kann. Was die Reise nach Berlin betrifft, bin ich sehr daran interessiert, die verfügbaren Ressourcen – die archivarischen Ressourcen, die Museumressourcen und die Bibliotheksressourcen, besser kennen zu lernen und mehr über die Provenienzforschungspraktiken in Deutschland zu lernen, um zu sehen, ob sie sich von unseren in den USA unterscheiden.

Das deutsch-amerikanische Austauschprogramm PREP wurde von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Smithsonian Institution eingerichtet. Ziel ist die systematische Vernetzung der Provenienzforscher in Museen beider Länder. Weitere Informationen

Im Rahmen des PREP findet am Mittwoch, den 27. September 2017 die Veranstaltung „Warum dauert das so lange? Einblicke in die Praxis der Provenienzforschung zur NS-Raubkunst“ statt. Beginn der Veranstaltung ist 19 Uhr in der Wandelhalle der Gemäldegalerie.

Live-Mitschnitte der Talks im Rahmen von PREP finden sich auf der Plattform Voice Republic.

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