Qin Yufen – Meisterin des Stacheldrahts im Hamburger Bahnhof

Der Aufbau der Ausstellung „moving is in every direction. Environments – Installationen – Narrative Räume“ im Hamburger Bahnhof war in den letzten Praktikumstagen von Ella Falldorf in vollem Gange. Bei der Einrichtung der beliebten Klanginstallation “Making Paradise” der Künstlerin Qin Yufen warf sie einen Blick hinter die Kulissen.

Installationen werden in der Regel für bestimmte Räume konzipiert – doch wie verändern sie sich, wenn sie an anderen Orten gezeigt werden? Diese und weitere Fragen, die der Umgang mit Installationen aufwirft, wurden auch in der Forschung noch nicht abschließend diskutiert. Welche Formen von Raumbezogenheit lassen sich unterscheiden? Was passiert, wenn die KünstlerInnen schon verstorben oder nicht vor Ort sind, um die veränderte Form zu autorisieren? Der Hamburger Bahnhof leistet mit der Ausstellung „moving is in every direction. Environments – Installationen – Narrative Räume“ wichtige Pionierarbeit auf einem bisher noch unterrepräsentierten Feld der Kunstgeschichte.

Beinahe spirituelle Assoziationsräume
Einige der Fragen konkretisierten sich für mich, während ich den Aufbau der Klanginstallation „Making Paradise“ von Qin Yufen beobachtete. Was macht den Kern des Werks aus und welche technischen Hürden müssen überwunden werden, damit dieser erkennbar wird?

Qin Yufen: Making Paradise, 1996 – 2002  © Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, SMB, Eigentum des Landes Berlin / Jan Windszus VG Bild-Kunst Bonn, 2017
Qin Yufen: Making Paradise, 1996 – 2002
© Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, SMB, Eigentum des Landes Berlin / Jan Windszus
VG Bild-Kunst Bonn, 2017

Making Paradise ist eine skulpturale Installation: einzelne Objekte werden in einem bestehenden Raum angeordnet und zueinander in Bezug gesetzt. Qin Yufen kombiniert in ihren Arbeiten Elemente aus westlichen und östlichen Kulturräumen und lädt sie mit metaphorischer Bedeutung auf. Mit den Gegensätzen von Haptik und Farbigkeit der Materialien (wie hier Seide und Stacheldraht) spielend, entwickelt sie symbolische, beinahe spirituelle Assoziationsräume, die als subtile Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen gelesen werden können.

Vor einer Wand hängt ein Vorhang aus mit chinesischen Heilpflanzen eingefärbtem Seidenstoff; unter einer scheinbar in der Luft schwebenden „Wolke“ aus Stacheldraht liegen ca. 40 dicke Bambusrohre. Auf der anderen Seite des Raumes liegen zwölf weitere Bambusrohre, die von zwei Bambusdämpfern, einem Messbecher mit Rührstäbchen und chinesischen Kräutern auf einer ausgebreiteten Zeitungsseite in einem Nudelsieb gerahmt werden. Dahinter steht eine Schubkarre, an deren Räder große silberne Autofelgen gebunden wurden. Mit der Rückseite der Schubkarre, in der eine Plane, Arbeitshandschuhe und ein Schutzhelm Platz finden, ist ein Thonetstuhl verflochten. Auf Karre und Stuhl liegen Mädchenkleider. Eine 6-Kanal-Soundinstallation und der Geruch chinesischer Heilkräuter machen den Prozess der Betrachtung zu einer multisensuellen Erfahrung.

Materialien der Installation. Foto: Ella Falldorf
Materialien der Installation. Foto: Ella Falldorf

Stacheldrahtwolken und Sichtachsen
Die größte Herausforderung des Aufbaus war die Installation der etwa drei mal fünf Meter großen Stacheldrahtwolke am zweiten Aufbautag. 20 Rollen Stacheldraht von insgesamt 10 km Länge und 500 kg Gewicht mussten in der Mitte des Raumes von der Decke gehängt werden. Zu diesem Zweck bestimmte die Künstlerin im Dialog mit den Kuratorinnen der Ausstellung, Anna-Catharina Gebbers und Gabriele Knapstein, den genauen Umfang und die Platzierung der „Wolke“ im Raum.

Die Künstlerin Qin Yufen im Gespräch mit Kuratorinnen des Hamburger Bahnhofs - Museum für Gegenwart - Berlin. Foto: Ella Falldorf
Die Künstlerin Qin Yufen im Gespräch mit Kuratorinnen des Hamburger Bahnhofs – Museum für Gegenwart – Berlin. Foto: Ella Falldorf

Qin Yufen war wichtig, dass die BesucherInnen zur Durchquerung des Raumes um den Stacheldraht herumgehen müssen und dass eine Sichtachse durch das Zentrum der Wolke verläuft. Für die Kuratorinnen war darüber hinaus das Verhältnis zu den angrenzenden Räumen wichtig: Etwa in Form der Rhythmisierung durch eine Verlagerung des Schwerpunkts von der einen auf die andere Raumseite oder einer Kombination von Material und Farbe. Zudem musste auf einen 1,20 Meter breiten Fluchtweg Acht gegeben werden.

Hier zeigt sich eine erste verallgemeinerbare Herausforderung beim Ausstellen von Installationen: Während Kunstwerke wie Gemälde oder Skulpturen von KuratorInnen einzeln im Raum positioniert werden, ist bei Installationen die Anordnung zumindest partiell Teil des Werks. Die Fragestellung wird bei den benachbarten Arbeiten von Joseph Beuys im Westflügel noch deutlicher. Beuys hatte für die Präsentation des Werks Richtkräfte einer neuen Gesellschaft noch selbst eine exakte Rekonstruktion des Galerieraums in London angefertigt, wo die Installation 1977 erstmals gezeigt wurde. Die Bestandteile vom Ende des 20. Jahrhunderts hingegen sind von dem damaligen Kurator in ihrer jetzigen Form angeordnet worden.

Überdimensionale Weihnachtsbaumkugeln
Die Installation des Stacheldrahts war langwieriger als gedacht. Große Platten wurden über die Länge des gesamten Raumes ausgelegt, damit der Boden aus Muschelkalk nicht zerkratzt wird. Nacheinander wurde jede Rolle auf eine Eisenstange geschoben, die auf zwei Böcken befestigt wurde – die Konstruktion findet sich als Teil der Installation in einer Ecke des Raumes wieder.

Die Abwickelstation für den Stacheldraht. Foto: Ella Falldorf
Die Abwickelstation für den Stacheldraht. Foto: Ella Falldorf

Mit dicken, schützenden Bauarbeiterhandschuhen rollten die MitarbeiterInnen den Stacheldraht über die Länge des Raumes ab und formten ihn anschließend unter großem physischem Aufwand und konstruktivem Vorstellungsvermögen zu etwa einem Meter großen Bällen. Diese Bälle sollten möglichst asymmetrisch aussehen und in Größe und Form variieren. Während einige eher flach sind und eine große Fläche bilden, erinnern andere an überdimensionale Weihnachtsbaumkugeln. Zudem musste sichergestellt werden, dass der Draht über die Dauer der Ausstellung zusammenhält und die Gebilde trotzdemso locker sind, dass die BetrachterInnen gut hindurchschauen können und so wenig Gewicht wie möglich entsteht.

Die Stacheldrahtwolken vor dem Aufhängen. Foto: Ella Falldorf
Die Stacheldrahtwolken vor dem Aufhängen. Foto: Ella Falldorf

Die nächste Herausforderung: die Befestigung des Stacheldrahts an der Decke – diese ist abgehängt und mit Rigips verkleidet – unmöglich, eine halbe Tonne Stacheldraht daran zu hängen. Glücklicherweise befindet sich drei Zentimeter über dem Rigips ein Trockenbaustahlgerüst. Mit Magneten wurde sein genauer Verlauf nachvollzogen und auf dem Boden markiert, sodass die Künstlerin dort die 22 Haken für die Aufhängung positionieren konnte. Ein Laser projizierte diese Positionierung zurück an die Decke. An jedem Haken hängt jetzt ein Seil, in das in regelmäßigen Abständen Schlaufen zur Befestigung des Stacheldrahts geknotet wurden.

Eine Skizze hilft bei der Planung. Foto: Ella Falldorf
Eine Skizze hilft bei der Planung. Foto: Ella Falldorf

Dosenarbeit oder frisch gekocht?
Der Künstlerin Qin Yufen war vor allem wichtig, dass die Haken versetzt zueinander angeordnet sind, damit die Wolke möglichst unsymmetrisch aussieht. Sie habe die Anordnung bereits zu Hause an einem Modell ausprobiert, erzählt sie, doch die eigentliche Entscheidung könne sie erst nach Gefühl vor Ort treffen.

Ich fragte sie, ob sie sich vorstellen könne, dass ihre Arbeiten auch ohne ihre Anwesenheit aufgebaut werden. Bei installativen Arbeiten stellt sich diese Frage immer wieder und Qin Yufen ist der Ansicht, dass eine Installation ohne KünstlerIn zwar prinzipiell möglich sei, dass aber das besondere Spannungsverhältnis erst vor Ort entsteht.

Daher bezeichnet sie jene Installationen, die ohne das Beisein der KünstlerInnen aufgebaut werden, als „Dosenarbeit“: Es geht schnell, aber schmeckt nicht so gut wie eine frisch zu bereitete Mahlzeit. Denn wenn die KünstlerInnen nicht vor Ort sind, wird der Tatsache keine Rechnung getragen, dass jeder Raum die Arbeit verändert und KünstlerInnen entsprechend darauf reagieren müssen. In früheren Installationen von Making Paradise hing der gelbe Seidenvorhang beispielsweise vor einem Durchgang. Da der Raum im Beuysflügel des Hamburger Bahnhofs länglich ist und sich die Durchgänge einander gegenüber an den langen Seiten befinden, war es der Künstlerin wichtig, den Vorhang in einer Ecke zu platzieren und so den gesamten Raum einzubeziehen. Des Weiteren betont diese Anordnung die Sichtachse durch den Stacheldraht auf die Fettblöcke von Beuys’ “Unschlitt / Tallow”.

Kleine Unterschiede machen den Unterschied
Während die beiden Ausstellungstechniker die Haken befestigten, entwirrte ich mit Qin Yufen die Kabel der 6-Kanal-Soundinstallation. Für diesen Teil der Arbeit war es besonders wichtig, dass die Künstlerin anwesend war. Denn in der Fotodokumentation der vorherigen Präsentation wurden von ihr alle als störend empfundenen Elemente entfernt – so dass nicht mehr nachzuvollziehen ist, wo sich welche Lautsprecher befanden.

Die Stacheldrahtwolken hängen. Foto: Ella Falldorf
Die Stacheldrahtwolken hängen. Foto: Ella Falldorf

Den Aufbauprozess zumindest in Teilen zu begleiten, gab mir einen spannenden Einblick in die Arbeitsweise der Künstlerin. Zwei Aspekte in Bezug auf die Herausforderungen beim Aufbau von Installationen waren dabei besonders beeindruckend: Viele der zu treffenden Entscheidungen sind so kleinschrittig, dass sie kaum von Relevanz für die Gesamtheit des Werkes zu sein scheinen. Am Ende ist aber gerade der Unterschied entscheidend, wie viele Zentimeter der Stacheldraht über dem Bambus schwebt, wie dicht, groß oder symmetrisch er ist, ob er als riesiger Ball wahrgenommen wird, der den Bambus bedrohlich zu Boden drückt, oder als leichte Wolke, die auf übernatürliche Weise in der Luft schwebt und einen Kontrast zur Schwere und Brutalität des Materials bildet.

Außerdem war es höchst interessant, die unterschiedlichen Zugangsweisen von Künstlerin und Kuratorinnen zu beobachten und ihren Entscheidungsprozessen beizuwohnen. Indem die Kuratorinnen ihren Teil zum Entstehungsprozess der Arbeit beitragen, ergänzen sie das Werk im Kontext der Ausstellung.

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