Spondylusmuscheln als Appetitanreger: Neue Schau zum Humboldt Forum

Ab dem 2. November folgt die Ausstellung „Extreme! Natur und Kultur am Humboldtstrom“ Alexander von Humboldts Reise nach Peru. Die Schau in der Humboldt Box gibt einen Vorgeschmack auf das Humboldt Forum. Gesine Bahr-Reisinger sprach mit Manuela Fischer, Kustodin der Sammlung Archäologie Südamerikas im Ethnologischen Museum.

Die Ausstellung „Extreme!“ in der Humboldt Box geht zurück auf das von Ihnen für das Humboldt Forum kuratierte Modul „Am Humboldtstrom“. Was sind die Unterschiede?
Manuela Fischer: Richtig, die Idee zur Ausstellung ist aus dem Interesse von Neil MacGregor an dem Modul für das Humboldt Forum entstanden. Trotzdem sind es zwei unterschiedliche Konzepte. Bei „Extreme!“ steht der ökologische Aspekt stärker im Vordergrund. Es ist eine Weiterentwicklung in eine andere Richtung, bei der die Forschungslandschaft in Berlin stärker berücksichtigt wird, das ist im Humboldt Forum allein wegen der hier beteiligten Institutionen so nicht vorgesehen. Im Humboldt Forum stellt das Ethnologische Museum aus, während es bei „Extreme!“ die Möglichkeit gab, mit anderen Institutionen zusammenzuarbeiten.

Friedrich Georg Weitsch: Alexander von Humboldt (c)  bpk / Nationalgalerie, SMB / Jürgen Liepe
Friedrich Georg Weitsch:
Alexander von Humboldt (c)m bpk / Nationalgalerie, SMB / Jürgen Liepe

Was war denn die Ursprungsidee des Moduls und wie wurde sie für die Ausstellung weiterentwickelt?
Mir ging es mit dem Modul darum, zu zeigen, welche Impulse von Alexander von Humboldt für die Wissenschaftslandschaft in Berlin und speziell für das Ethnologische Museum ausgegangen sind – ohne die Person Humboldt besonders in Szene zu setzen. Außerdem wollte ich einen stärkeren Fokus auf das Sammeln und die Hintergründe des Sammelns legen. 80 Prozent der südamerikanischen archäologischen Sammlungen des Ethnologischen Museums sind während der Amtszeit von dessen erstem Direktor Adolf Bastian (1826 – 1905) gesammelt worden. Das ist beeindruckend viel. Das hat mich darauf gebracht, im Humboldt Forum-Modul die Hintergründe, warum so viel gesammelt wurde, zu betrachten. Tatsächlich stammen viele der Objekte von der peruanischen Küste, also aus der Region, die vom Humboldtstrom beeinflusst ist. Das ist insofern für die Archäologie interessant, als sich dort – ähnlich wie in Ägypten auch – sehr viel an organischen Materialien erhalten hat, was man sonst in anderen Weltgegenden so nicht findet. Die Idee, anhand des Humboldtstroms einerseits einen Bezug zu Alexander von Humboldt und seiner Reise nach Amerika herzustellen und andererseits das Sammeln im 19. und frühen 20. Jahrhundert zum Thema zu machen, war also der Ausgangspunkt. Daran wurde nun die „Extreme!“-Ausstellung in der Box weiterentwickelt. Das bedeutete auch, die Berliner Forschungslandschaft einzubeziehen und mit dem Museum für Naturkunde, dem Botanischen Museum und der Humboldt Universität ins Gespräch zu kommen. Alle haben Ideen eingebracht und nun wird es in der „Extreme!“-Ausstellung eine sehr große Eingangsvitrine geben in der die Exponate aus den verschiedenen Häusern präsentiert werden, die alle aus der Region „Vom Humboldtstrom“ stammen: Guano-Tölpel und Kormorane aus dem Museum für Naturkunde, aber auch Kakteen aus dem Botanischen Museum und Objekte aus dem Ethnologischen Museum.

Was erzählen die Objekte aus dem Ethnologischen Museum zum Humboldtstrom?
Das Totenbündel in der Ausstellung beispielsweise ist ein Konzentrat dessen, was man mit dem Thema Humboldtstrom verbinden kann. Zunächst ist es eine komplett erhaltene Bestattung. Der Tote ist also noch in jener „Verpackung“, in der er seinerzeit bestattet worden ist. Er hat alles Mögliche an Beigaben wie Lebensmittel und Textilien, die von der Trockenheit der Küste am Humboldtstrom zeugen – vor allem aber eine ganze Menge Spondylus-Muschelschalen. Letztere wurden an der peruanischen Küste und im Landesinneren seit mehreren Jahrtausenden als Opfergaben benutzt, vermutlich um ein ökologisches Gleichgewicht herzustellen. Schließlich hat es schon in vorspanischer Zeit heftige El Niños gegeben, die dazu geführt haben, dass ganze Epochen zu Ende gegangen sind. El Niño bringt nicht nur Regen, sondern löst Schlammlawinen und anderes aus. Das führt wiederum in einem ausgeklügelten System von Bewässerungsfeldbau und Fischerei zu schwerwiegenden Einschnitten. Archäologen vermuten einen direkten Zusammenhang zwischen diesen plötzlichen Veränderungen im Wetter, der Umwelt und dieser Muschelschale – weil die Spondylusmuschel prominent in Bestattungen vorkommt und auch als Schmuck von Fürsten weiterverarbeitet wurde. Vor Ort am Humboldtstrom gibt es die Muschel nämlich nicht. Sie wurde aus warmen Gewässern, also aus Ecuador importiert.

Louis Bouquet: "Le Chimborazo, vu depuis le Plateau de Tapia" - Tafel XXV, aus: Alexander v. Humboldt, "Vues des Cordillères et monuments des peuples indigènes de l'Amérique", Paris 1810 (c)  bpk / Kunstbibliothek, SMB
Louis Bouquet: “Le Chimborazo, vu depuis le Plateau de Tapia” – Tafel XXV, aus: Alexander v. Humboldt, “Vues des Cordillères et monuments des peuples indigènes de l’Amérique”, Paris 1810 (c) bpk / Kunstbibliothek, SMB

Was ist der Unterschied der Präsentation der Objekte zu Dahlem? Wie wurde zum Beispiel das Totenbündel dort ausgestellt?
Es gab vor ein paar Jahren eine Ausstellung mit Totenbündeln in Dahlem, „Gabe und Gegengabe“. Das Herstellen von Totenbündeln ist ein „Rite de passage“, ein Übergangsritus. Der Tote wird durch die Verpackung in einer „menschlichen“ Form ins Jenseits überwiesen, weil er aus der anderen Welt für die Lebenden wirken soll. Die Vorstellung ist, dass die Beziehung nicht abbricht, da gibt es einen ständigen Austausch. Das ist etwas, das in den Anden überall zu finden ist, in vorspanischer Zeit, aber auch heute noch. Zum Totenfest beispielsweise – das heute Teil der christlichen Liturgie ist – bekommen die Toten ihre Lieblingsspeisen offeriert. Andersherum wird dann aber auch erwartet, dass der Tote für die Lebenden wirkt. Das haben wir in der Ausstellung seinerzeit in Dahlem ausgestellt. Da ging es aber eher um die Frage, wie das System von Gabe und Gegengabe funktioniert. Im Humboldtstrom-Modul verwenden wir zwar ähnliche Exponate, aber es ist ein anderer Schwerpunkt: Er liegt bei der Region, die durch Alexander von Humboldt und die Forschung zum Peru-Strom, wie er damals noch hieß, geprägt ist, und andererseits bei der Forschung an den Objekten.

Extreme! Natur und Kultur am Humboldtstrom“: ab dem 2. November 2016 in der Humboldt Box. Eine Ausstellung der Humboldt Forum Kultur GmbH.

Titelbild: © SMB, Ethnologisches Museum / Martin Franken

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