Studentisches Vermittlungsprojekt: “Wir wollen das Auge schulen”

Im Langzeitprojekt “Über kurz, mittel oder lang” erproben Studierende gemeinsam mit den Staatlichen Museen zu Berlin neue Vermittlungskonzepte in den Sammlungen. Jetzt geht das Projekt mit “Team Dialog” in die nächste Phase. Im Interview sprechen die Teilnehmerinnen Leonie Cujé, Jennifer Heidtke, Beatrice Miersch und Katharina Steegmans über ihre bisherigen Erfahrungen.

Mit welchen Erwartungen seid ihr in das Projekt gestartet?
Jennifer: Ich war etwas aufgeregt, weil ich zum ersten Mal an einem Projekt teilgenommen habe, das sich intensiv mit dem Museum auseinandersetzt und bei dem außerdem die Studierenden im Mittelpunkt stehen. Ich wollte aber ganz offen in das Projekt starten und hatte daher keine speziellen Erwartungen.
Leonie: Ich war vor allem neugierig. Ich gehe gern ins Museum und ein solcher Blick hinter die Kulissen ist eine gute Gelegenheit, Methoden der Vermittlung kennen zu lernen.
Beatrice: Ich fand die Parcours-Idee super, also die gesamte Museumsinsel zu bespielen und in eine gemeinsame Mitmach-Veranstaltung einzubeziehen. Außerdem hörte ich von einer Performance-Gruppe, das fand ich sehr ungewöhnlich und war daher neugierig.
Katharina: Mir gefiel vor allem die Vorstellung, dass alle Fachrichtungen zusammenkommen und sich austauschen. So dass man nicht immer nur unter Restauratoren ist, sondern auch Kontakt zu anderen bekommt, die ihr Wissen und ihre Perspektiven einbringen.

Worin genau besteht euer Projekt innerhalb der Reihe „Über kurz, mittel oder lang“?
Jennifer: Wir gehören zu der Gruppe „Dialogische Vermittlung“. Wir haben zunächst mit unserer „Teamkoordinatorin“ Anne Fäser einige Übungen gemacht, um uns selbst dem Thema „Dialog“ nähern zu können. Nach einer grundlegenden Einführung in relevante Theorien haben wir in kleineren Gruppen verschiedene Ideen ausgearbeitet und schließlich gemeinsam umgesetzt. Wir haben dazu das gesamte Bode-Museum genutzt und in verschiedenen Räumen unterschiedliche Ansätze ausprobiert. So haben wir beispielsweise in Gedankenspielen die Räume komplett umgestaltet, Objekte bewegt und Wände bemalt.

Die Studierenden im Interview, v.l.n.r.: Leonie Cujé, Jennifer Heidtke, Beatrice Miersch, Katharina Steegmans. Foto: Juliane Eirich
Die Studierenden im Interview, v.l.n.r.: Leonie Cujé, Jennifer Heidtke, Beatrice Miersch, Katharina Steegmans. Foto: Juliane Eirich
Jennifer Heidtke und Beatrice Miersch im Interview. Foto: Juliane Eirich
Jennifer Heidtke und Beatrice Miersch im Interview. Foto: Juliane Eirich

Könnt ihr ein konkretes Konzept beschreiben, das ihr hier entwickelt habt?
Beatrice: Bei der Arbeit unserer Gruppe „Dialogische Vermittlung“ ging es darum, neue Konzepte von Kunstvermittlung zu entwerfen, die eben nicht eine hierarchische Weitergabe von festgeklopftem Wissen zum Ziel haben sollte. Wir wollten, dass jeder/jede sich zutraut, sich selbst der Kunst zu nähern – durch genaues Hinschauen und den Austausch mit den anderen Teilnehmer*innen.
Leonie: In den vier Untergruppen hat jede Gruppe einen anderen, selbst erarbeiteten Ansatz verfolgt, um Kunstwerke gemeinsam mit den Besuchern zu erforschen. Hierbei spielt besonders der Einstieg eine große Rolle. Wir haben versucht, Einstiege zu schaffen, mit denen jeder etwas anfangen kann, Themen, zu denen jeder sich äußern kann, um dann näher auf das wahrgenommene in Bezug auf das Objekt einzugehen. Im Grunde ging es bei allen Gruppen primär darum, sich mit den Objekten auf eine persönliche Art und Weise auseinanderzusetzen, sie auf eine persönliche Weise eventuell neu zu verstehen. Konkret ist es schwierig, zu beschreiben, was wir genau erarbeitet haben, da jede Untergruppe verschiedenen Ansätzen gefolgt ist.

Habt ihr von den Konzepten bei der Parcours-Veranstaltung auch welche umgesetzt?
Leonie: Es sind sogar alle Konzepte umgesetzt worden!
Beatrice: Wir haben kleine Untergruppen gebildet, die sich gut koordinieren ließen, und haben in diesen Gruppen Einzelkonzepte erarbeitet, die dann in den großen Gruppentreffen besprochen und wieder zusammengeführt wurden.

Beatrice Miersch und Katharina Steegmans im Interview. Foto: Juliane Eirich
Beatrice Miersch und Katharina Steegmans im Interview. Foto: Juliane Eirich
Leonie Cujé im Interview. Foto: Juliane Eirich
Leonie Cujé im Interview. Foto: Juliane Eirich

Wie ist das Verhältnis zwischen der Theorie, die ihr kennengelernt habt, und dem, was ihr selber daraus gemacht habt? Habt ihr den bestehenden Ansätzen der Kulturvermittlung Neues hinzugefügt?
Leonie: Zuvor dachte ich immer, man müsse Vorwissen mitbringen und die Hintergründe zu den Objekten bereits kennen. Heute gehe ich mit dem Ansatz ins Museum, dass man so ein Wissen gar nicht zwingend braucht, um sich zunächst mit dem Werk auseinanderzusetzen. Man kann als Besucher in einem Raum wie diesem hier so eine Figur betrachten, beschreiben was man sieht und allein daraus schon etwas gewinnen. Man muss nicht als absolute Grundlage wissen, wer der Künstler war, um sich mit dem Objekt auseinandersetzen zu können.
Beatrice: Die Idee und die Theorien der dialogischen Vermittlung fanden wir gut und haben sie als Ausgangspunkt benutzt. Wir sind damit von dem klassischen Vermittlungskonzept, der kunsthistorischen Führung durch das Museum, abgewichen. Es ging also nicht darum, dass ein bestimmtes Wissen weitergegeben werden sollte, sondern um den dialogischen Austausch unter Studierenden, der durch genaues Hinsehen und Beschreibungen entstand.

Wie waren eure Erfahrungen mit dem Dialog innerhalb der Gruppe?
Katharina: Das hat super funktioniert. Jeder hatte eigene Vorstellungen, die immer wieder auf konstruktive Kritik und Verbesserungsvorschläge trafen. So hatten wir die Chance, unsere Vorstellungen von der ganzen Gruppe prüfen zu lassen und Anregungen zu bekommen.
Jennifer: Wir haben uns zusätzlich neben den festen Terminen sehr oft getroffen, sind gemeinsam durchs Museum gegangen, haben Ideen und mögliche Ansätze diskutiert und diese auch schließlich ausprobiert. Dabei konnte jeder immer auf die ehrliche Meinung der anderen zählen.
Leonie: Wir konnten innerhalb der Gruppe Kritik gut annehmen, weil Feedback von außen sehr wichtig ist, wenn man so stark in den eigenen Prozessen und Gedanken steckt.

Auf Tuchfühlung mit der Sammlung beim Projekt "Über kurz, mittel oder lang" im Bode-Museum. Foto: Juliane Eirich
Auf Tuchfühlung mit der Sammlung beim Projekt “Über kurz, mittel oder lang” im Bode-Museum. Foto: Juliane Eirich
Auf Tuchfühlung mit der Sammlung beim Projekt "Über kurz, mittel oder lang" im Bode-Museum. Foto: Juliane Eirich
Auf Tuchfühlung mit der Sammlung beim Projekt “Über kurz, mittel oder lang” im Bode-Museum. Foto: Juliane Eirich

Waren die verschiedenen Perspektiven, die dabei ins Spiel kamen, eng mit unterschiedlichen fachlichen Hintergründen verknüpft?
Beatrice: Am Anfang hat man sehr stark gemerkt, aus welcher Argumentationsrichtung bestimmte Anmerkungen kamen. Aber je mehr wir uns alle auf die Thematik eingelassen haben, umso größeren Spaß hatten wir daran, uns von unseren fachlichen Hintergründen zu lösen.

Habt ihr eure eigenen Erfahrungen, wie das Wissen sich durch den Dialog verändert und wächst, auch in eure Projekte einfließen lassen?
Leonie: Das geschieht automatisch dadurch, dass man die Impulse weitergibt, die man sich selbst angeeignet hat. Wenn man sich ein Kunstwerk mal auf ganz andere Weise anschaut, hinterlässt das einen bleibenden Eindruck.

Wie wichtig findet ihr klassische Vermittlungskonzepte im Vergleich zu neueren, dialogischen Ansätzen – kann man darauf komplett verzichten oder sind sie auch wichtig?
Beatrice: Da gehen die Meinungen auseinander …
Jennifer: Ich finde es sehr wichtig, dass man endlich von den klassischen Konzepten wegkommt. Wir haben hier auch eine konventionelle Führung bekommen, um etwas über die Objekte des Hauses zu lernen – dabei habe ich gemerkt, wie wichtig es ist neue Ideen zu entwickeln und mit diesen ganz andere Wege auszuprobieren. In unserer kleinen Dreiergruppe ging es nicht primär darum, Wissen zu vermitteln, sondern vielmehr darum das Auge „zu schulen“, neue Perspektiven und Ansichten auszuprobieren. Wir wollten einfach zeigen, dass ein Museumsbesuch nicht zwangsläufig an ein Studium der Kunstgeschichte oder ähnliches gebunden sein muss. Interdisziplinarität ist dabei ein besonders interessantes und wichtiges Stichwort.
Leonie: Ein gewisser Input an Wissen und Hintergrundinformationen ist natürlich niemals schlecht; aber es kommt darauf an, wie man diesen vermittelt. Ein einseitiger Monolog, dem man passiv lauscht, ist nicht mehr attraktiv – vor allem, wenn man einmal alternative, partizipative Vermittlungsmethoden kennen gelernt hat. Man will eben nicht nur zuhören, sondern auch selber etwas sagen!
Beatrice: Es gibt natürlich immer Menschen, die sich ein Museumsbesuch ohne Führung nicht zutrauen und denken, sie bräuchten jemanden, der ihnen erklärt was sie sehen; aber das liegt eben vor allem an den Museen. Wir hoffen, dass die Tendenz der Vermittlung eher in die Richtung geht, die wir in unserem Projekt ausprobiert haben.

Auf Tuchfühlung mit der Sammlung beim Projekt "Über kurz, mittel oder lang" im Bode-Museum. Foto: Juliane Eirich
Auf Tuchfühlung mit der Sammlung beim Projekt “Über kurz, mittel oder lang” im Bode-Museum. Foto: Juliane Eirich
Auf Tuchfühlung mit der Sammlung beim Projekt "Über kurz, mittel oder lang" im Bode-Museum. Foto: Juliane Eirich
Auf Tuchfühlung mit der Sammlung beim Projekt “Über kurz, mittel oder lang” im Bode-Museum. Foto: Juliane Eirich

Welche Möglichkeiten hat das Bode-Museum euch geboten und wie habt ihr diese genutzt?
Katharina: Da wäre zunächst die Parcours-Veranstaltung zu nennen. Es war toll, dass wir uns in den Gruppen genau die Räume und Objekte aussuchen konnten, die wir spannend fanden, um dann darüber etwas zu lernen. Dieser Wissensinput hat mir viel gebracht, auch wenn er nicht dialogisch ist. Er hat mich neugierig auf die Geschichte und die Hintergründe des Museums gemacht. Das Bode-Museum ist ja vordergründig ein merkwürdiges Museum, in dem Bilder und Skulptur scheinbar wild gemischt sind. Aber wir haben gelernt, warum das so ist und das weckt auch Lust, hinzugehen und sich weiteres Wissen anzueignen.
Leonie: Ich fand das Bode-Museum als Plattform für unser Projekt sehr geeignet. Es eignet sich sehr gut, um hier einen neuen Blick auf alte Werke zu werfen – einen Blick, der im Heute verankert ist und für uns einen Kontext schafft.
Jennifer: Das Bode-Museum hat uns viele Möglichkeiten eröffnet, vermutlich mehr als ein anderes Museum es gekonnt hätte. Zum Beispiel in diesem Raum hier, in dem wir sehr gut mit der Mehransichtigkeit der Skulpturen arbeiten konnten.
Beatrice: Es war auch eine Herausforderung für die Aufsichten im Museum. Aber nachdem sie sich an uns und unsere tausend Zettelchen auf dem Boden gewöhnt hatten, konnten wir uns hier frei bewegen und stundenlang diskutieren. Wir haben hier gern sehr viel Zeit verbracht.

Die heutige Generation wächst mit Social Media und dem Web 2.0 auf, in dem Austausch und Partizipation ganz grundlegende Bestandteile sind. Denkt ihr, dass die Unzufriedenheit mit der klassischen, gerichteten Vermittlung und die Affinität zu dialogischen Konzepten auch damit zusammenhängen?
Jennifer: Man hat jedenfalls immer öfter das Bedürfnis, sich zu äußern. Man möchte die Dinge nicht einfach so hinnehmen, sondern stattdessen Neues ausprobieren. Dazu kommt noch, dass man viele Zusammenhänge besser versteht, wenn man sie sich selber erarbeitet.
Beatrice: Ich denke ja. Die sozialen Medien sind eine Konsequenz aus dem Grundbedürfnis, mitzumachen und sich einzumischen. In unserem Fall ist es auch eine gemeinsame Begeisterung für Kunst und Museum und der Wunsch, dass alle mitmachen können.

Was könnt ihr euren KommilitonInnen über dieses Projekt sagen und wie soll es in der Zukunft weitergehen?
Beatrice: Wir wollen auf jeden Fall weitermachen und würden das Format gern als Führungskonzept etablieren. Herr Chapuis, der Leiter des Hauses, ist auch offen für neue Vermittlungsformate, es gibt also gute Perspektiven für unser Projekt. Jetzt steht aber erst mal die nächste Phase von „Über kurz, mittel oder lang“ an und wir entwickeln unseren Ansatz bei „Meeting Botticelli“ weiter.
Leonie: Meinen Kommilitonen würde ich sagen: Es war toll, kommt beim nächsten Mal vorbei! Man kann natürlich viel darüber erzählen, aber eigentlich muss man es erleben.

Leonie Cujé und Jennifer Heidtke studieren Kunstgeschichte an der FU Berlin, Beatrice Miersch ist Doktorandin der Kunstgeschichte an der Uni Potsdam und Katharina Steegmans studiert Konservierung und Restaurierung an der HTW Berlin.

TEAM DIALOG – Studierende reden über Botticelli
Im Wintersemester 2015/16 steht die Ausstellung „The Botticelli Renaissance“ im Mittelpunkt des studentischen Engagements. In der neuen Arbeitsgemeinschaft TEAM DIALOG erproben Studierende Methoden der Kunstvermittlung und Gesprächsführung. Weitere Infos gibt es hier.

Das Projekt „Über kurz, mittel oder lang“ wird gefördert durch die Sparkassen-Finanzgruppe.

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