Unter dem Mikroskop: Maltechnische Untersuchungen des Diptychons von Melun

Erstmals seit 80 Jahren führt eine Ausstellung in der Gemäldegalerie Jean Fouquets Diptychon aus der Stiftskirche von Melun zusammen. Im Vorfeld der Sonderausstellung fanden maltechnische Untersuchungen des linken Flügels mit Etienne Chevalier und dem Heiligen Stephanus statt.

Text: Sandra Stelzig

Das in der Ausstellung gezeigte Bilderpaar ist eines der Hauptwerke der französischen Malerei des 15. Jahrhunderts und wurde zuletzt auf der Weltausstellung von 1937 in Paris zusammen gezeigt. Der ehemals linke Flügel, der ein Porträt des Stifters Etienne Chevalier enthält, befindet sich seit 1896 im Besitz der Gemäldegalerie. Der rechte Flügel, auf dem eine Madonna dargestellt ist, gehört seit dem frühen 19. Jahrhundert dem Museum für Schöne Künste in Antwerpen.

Diptychon des Etienne Chevalier, linker Flügel: Etienne Chevalier und hl. Stephanus © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Chr. Schmidt
Diptychon des Etienne Chevalier, linker Flügel: Etienne Chevalier und hl. Stephanus © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Chr. Schmidt
Jean Fouquet. Das Diptychon von Melun © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Jean Fouquet. Das Diptychon von Melun © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Maltechnische Forschung
Die Vorbereitung der von Stephan Kemperdick kuratierten Ausstellung bot uns eine einmalige Gelegenheit, die linke Tafel des Diptychons mit Etienne Chevalier und dem Heiligen Stephanus kunsttechnologisch zu untersuchen. Die Arbeit fand im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Ernst von Siemens Kunststiftung geförderten Forschungsprojektes statt.
Es gelang uns, Fragen zur Entstehung und zum maltechnischen Aufbau des Bildes zu klären und mit Hilfe von Mikroskopie und der parallelen Auswertung technischer Aufnahmen, wie Röntgen, Infrarotreflektographie und UV-Fluoreszenz neue Erkenntnisse zu gewinnen. Zerstörungsfreie naturwissenschaftliche Analysen wurden in Zusammenarbeit mit dem Rathgen-Forschungslabor durchgeführt.

Infrarotreflektographie
In der Infrarotreflektographie (IRR) zeichnen sich Materialien, die Infrarotstrahlen absorbieren, dunkel ab. Dazu gehören vor allem kohlenstoffhaltige Materialien wie Zeichenkohle. So werden unter dem IRR Zeichenstriche sichtbar, auch wenn sie durch Farbschichten übergedeckt sind. Durch dieses bildgebende Verfahren erhalten wir Informationen über die Unterzeichnung und können nachvollziehen, welche Schritte und Änderungen ein Künstler bei der Entwicklung eines Werkes gemacht hat. Im Fall von Fouquets Werk ist das Portrait Etienne Chevaliers in der IRR doppelt gezeichnet zu sehen. Der Künstler hat den Kopf zuerst weiter links angelegt und später nach rechts verschoben. Beide Versionen sind exakt gleich, die Konturen nur parallel verschoben. Bei genauem Hinsehen erkennt man, dass die Striche der Unterzeichnung aus kleinen Punkten bestehen. Dadurch konnten wir darauf schließen, dass hier eine Porträtvorlage mittels Lochpause übertragen wurde. Dazu werden die Umrisse einer auf Papier vorliegenden Zeichnung perforiert, anschließend auf den Bildträger gelegt und mit feinem Pulver aus Kohle oder Pigmenten bestäubt, welches durch die Löcher dringt und sich darunter als kleine Punkte ablagern. Das von Fouquet genutzte schwarze Pulver lässt sich mikroskopisch in der Malschicht nachweisen.

Infrarotreflektographie  © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt
Infrarotreflektographie © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

Röntgenaufnahme
Im Zuge der Untersuchungen machten wir auch eine Röntgenaufnahme (XR). Ähnlich wie bei der Infrarotreflektographie zeichnen sich dabei bestimmte Materialien ab – in diesem Falle solche, die Röntgenstrahlen absorbieren. Das sind vor allem bleihaltige Farben wie Bleiweiß, Blei-Zinn-Gelb oder Mennige, die auf der Aufnahme hell zu sehen sind. Die Aufnahme gibt auf diese Weise Informationen über Farbaufträge, Pinselführung und während des Malens vorgenommene Korrekturen, so genannte Pentimenti (ital. Für „Reuestriche“). Sie müssen in Abgleich mit mikroskopischen Befunden ausgewertet werden, um sinnvolle Rückschlüsse zu ermöglichen. In diesem Beispiel ist erkennbar, dass Fouquet den Porträtkopf von Chevalier bereits mit Farbaufträgen ausgeführt hatte, bevor er korrigiert und verschoben wurde. Auch das Gewand des Heiligen Stephanus war zu diesem Zeitpunkt bereits ausgearbeitet wie rechts an Wange und Kinn zu sehen ist. Entlang seiner Kopfkontur ist an Stirn und Haaransatz eine feine dunkle Linie erkennbar, die durch Einritzen in die weiche Farbe entstand.

Röntgenaufnahme  © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt
Röntgenaufnahme © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

UV-Fluoreszenz-Untersuchung
Unter UV-Licht beginnen einige Materialien in Abhängigkeit ihres Alters zu fluoreszieren. Gealterte Naturharzfirnisse erscheinen grünlich, einzelne Pigmente zeigen individuelle Fluoreszenzen. Aufliegende jüngere Retuschen zeichnen sich meist dunkel ab, und lassen sich dadurch gut erkennen, wie hier entlang der senkrechten Fuge zwischen zwei Brettern des Bildträgers. Das in der Retusche zusätzlich verwendete Zinkweiß erscheint dagegen heller.

In dem Kopf des Heiligen Stephanus zeichnet sich eine Linie ab, die der Kontur von Kopf und Stirn folgt, aber etwas weiter rechts liegt. Mikroskopisch ist sie als leicht plastisch erhaben zu sehen und in der UV-Fluoreszenz ist sie sichtbar. Auch in dieser Figur wurde also die Position des Kopfes während der Entstehung des Bildes verschoben. Ein Abgleich mit der Röntgenaufnahme derselben Partie zeigte uns, dass es hier keine korrigierten Farbaufträge gibt. Daraus können wir ableiten, dass diese Veränderung vergleichsweise früh im Entstehungsprozess des Gemäldes stattfand. Obwohl die Fluoreszenzuntersuchung eine Oberflächenuntersuchung ist und anders als IRR oder XR nicht in die Tiefe dringt, erhalten wir durch sie dennoch wesentliche Informationen über den Bildaufbau.

UV-Fluoreszenz-Untersuchung  © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt
UV-Fluoreszenz-Untersuchung © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

Erkenntnisse über den Farbschichtaufbau
Die bereits beschriebenen Untersuchungsmethoden erfordern stets einen zusätzlichen, sehr genauen Blick – dafür eignet sich die mikroskopische Untersuchung mittels Stereoskop am besten. So zeigt die dabei entstandene Mikroskopaufnahme des Malschichtrandes von Fouquets Werk deutlich die helle Grundierung, eine weiße Zwischenschicht sowie die lokale rotbraune Untermalung unter dem Blau des Gewandes. Mit der weißen Zwischenschicht deckte der Künstler seine erste Unterzeichnung ab, die dann nur noch schwach zu sehen war. Die ungewöhnliche rotbraune Untermalung im blauen Gewand hat Fouquet auch im Antwerpener Gegenstück verwendet. Sie ist ein zusätzlicher Beleg für die enge Zusammengehörigkeit beider Tafeln. Das mikroskopische Bild der Farbveränderungen im Blau hin zu weiß ist ein Hinweis darauf, dass Fouquet natürlichen Lapislazuli als Blaupigment verwendete.

Erkenntnisse über den Farbschichtaufbau  © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Sandra Stelzig
Erkenntnisse über den Farbschichtaufbau © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Sandra Stelzig

Im Stereomikroskop wird die Pinselführung sichtbar
In der mikroskopischen Untersuchung wurde auch deutlich, mit welchen Mitteln und Techniken Fouquet die Malerei ausführte. So lässt sich die Strichführung seiner Hand direkt nachverfolgen. Die Wimpern am oberen Augenlid des Stephanus setzte er sorgfältig in parallelen Strichen mit spitzem Pinsel und nivellierte sie anschließend. Die Striche der Wimpern wurden dabei durch quer dazu in die noch nasse Farbe gesetzte Striche abgeschwächt und Farbe wieder abgetragen oder verwischt.

Im Stereomikroskop wird die Pinselführung sichtbar © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Sandra Stelzig
© Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Sandra Stelzig
© Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Sandra Stelzig
© Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Sandra Stelzig

Die Gemälderückseite verrät Details über die Geschichte des Gemäldes
Zu der kunsttechnologischen Untersuchung gehört auch eine eingehende Betrachtung des Bildträgers und seiner Materialien. Die Tafel aus vier Brettern westeuropäischer Eiche wurde auf der Rückseite in großem Umfang gedünnt, so dass sie heute nur zwischen drei und fünf Millimeter stark und äußerst fragil ist. Das Dünnen von Bildträgern ist eine historische Maßnahme; man nahm an, bei gedünnter Tafel und aufgeleimtem Parkett würde sich das Holz weniger bewegen. Tatsächlich führten diese Maßnahme jedoch nicht selten zu großen Schäden und stärkeren Rissen in den Bildträgern, da die Bildtafeln häufig extrem unter Spannung stehen. Die historischen Dübel, mit denen die Bretter verbunden sind, wurden bei der Dünnung aufgesägt und halbiert. Seitlich und in der oberen Ecke wurde anschließend ein dünnes Nadelholzfurnier auf die Rückseite aufgeleimt und dessen Übergang zum Original sorgfältig geglättet, offenbar um die hier besonders drastisch gedünnte Tafel zu stabilisieren. Ebenfalls stabilisierend sollte das aufgeleimte Gitter aus stabilen Leisten wirken, eine so genannte Parkettierung, wie sie uns als historische Restaurierungsmaßnahme bei zahlreichen Tafelbildern begegnet.
Die Grenzkontur zwischen Furnier und Tafelrückseite zeigt einen auffälligen, gezackten Verlauf – das deutet auf einen stattgefundenen rückseitigen Sägeschnitt parallel zur Bildfläche hin. Aus diesem lässt sich eine mögliche Tafelspaltung ableiten. Dabei wurden beidseitig bemalte Tafeln durch einen senkrechten Sägeschnitt parallel zur Bildfläche zerteilt, um zwei getrennte, eigenständige Gemälde zu erhalten. Wir können also davon ausgehen, dass die Rückseite dieser Tafel von Fouquets Diptychon einst so aufwendig gestaltet war, dass eine derartig aufwendige und riskante Prozedur gerechtfertigt erschien.

Die Gemälderückseite © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Sandra Stelzig
Die Gemälderückseite © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Sandra Stelzig

Die beschriebenen Beispiele zeigen, wie durch kunsttechnologische Forschung wichtige Erkenntnisse gewonnen werden, die gemeinsam mit der kunsthistorischen Forschung sogar die völlige Neubewertung eines Kunstwerks zur Folge haben können. Etwas ganz Besonderes ist es natürlich, ein so bedeutendes Werk wie Fouquets „Diptychon von Melun“ untersuchen zu können. Wer sich das Werk im Original ansehen möchte, hat dazu noch bis 7. Januar 2018 in der Gemäldegalerie Gelegenheit.

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