Vis à Vis: Der Kimono und die europäische Mode

„Vis à vis. Asien trifft Europa“ beleuchtet den Austausch von Ideen, Materialien und Techniken zwischen Asien und Europa. Hier sprechen Christine Waidenschlager (Kunstgewerbemuseum) und Alexander Hofmann (Museum für Asiatische Kunst) über ihre Studioausstellung zum Einfluss des Kimono auf die Mode West-Europas.

Interview: Wibke Schrape

Was ist in diesem Teil der Reihe „Vis à Vis“ zu sehen?
Alexander Hofmann (Museum für Asiatische Kunst): Es geht um die Wirkung des traditionellen Kimono auf die europäische Mode-Avantgarde im frühen 20. Jahrhundert.
Christine Waidenschlager (Kunstgewerbemuseum): Wir zeigen, dass der Kimono – das japanische Gewand schlechthin – als Impulsgeber zweimal in der Europäischen Mode auftaucht. Da ist zunächst das 17. und 18. Jahrhundert, als sich Männer im Haus gerne in einen in Kimonoform gearbeiteten Hausmantel hüllten. Später, nach 1900, regt der Kimono moderne Designer an.

Worum geht es in der Intervention genau?
AH: Im Zentrum steht ein Kleid des französischen Designers Paul Poiret von 1910, das in Form, Farben und der Verwendung eines textilen Gürtels Anregungen des Kimono aufgreift und zu höchster europäischer Couture umformt. Es trifft hier auf einen Kimono derselben Zeit.
CW: Der Kimono ist ein gerades Gewand, er wird nicht geknöpft sondern um den Körper gewickelt und ergibt eine röhrenförmige Silhouette. In Europa war man aber seit dem frühen 14. Jahrhundert dazu übergegangen, Kleidung zuzuschneiden und eine körpernahe Silhouette zu erzeugen, bis hin zu ziemlich extremen Formen, wie der Stundenglassilhouette oder der Sans-Ventre Linie in späteren Jahrhunderten. Diesen Extremen setzte der französische Modeschöpfer Paul Poiret nach 1900 eine neue Linie entgegen, die ihre Inspiration unter anderem aus der geraden Form des Kimono bezog. Und dies kann man an seinem Gegenüber, dem wunderbaren Kimono aus der Taisho-Zeit (1912–1926) sehr gut sehen.

Christine Waidenschlager (Kunstgewerbemuseum) und Alexander Hofmann (Museum für Asiatische Kunst) in der Modegalerie des Kunstgewerbemuseums. Foto: Wibke Schrape
Christine Waidenschlager (Kunstgewerbemuseum) und Alexander Hofmann (Museum für Asiatische Kunst) in der Modegalerie des Kunstgewerbemuseums. Foto: Wibke Schrape

Welches ist Ihr Lieblingsstück?
CW: Mein Lieblingsstück ist natürlich unser Poiret-Modell, denn je mehr ich mich damit beschäftigt habe, umso mehr erkannte ich, bis zu welchen Details Poiret sich mit dem Kimono auseinandergesetzt hat. Angefangen vom Schnitt, über das Zitat der Obi-Form, die uns hier mit dem strahlend roten Gürtel mit vertikal gestellter Schleife im Rücken entgegentritt. Aber auch die Farbwahl, die kühne Kombination eben dieses strahlenden Rots mit einem kräftigen Violett, begeistert mich immer wieder.
AH: Mich begeistern die japanischen Haarnadeln, die meine Kollegin Christine Waidenschlager aus den japanischen Beständen des Kunstgewerbemuseums ausgegraben hat und die nun in der Accessoire-Vitrine zu sehen sind. Sie wurden 1882 von dem Mediziner Hans Paul Bernhard Gierke gestiftet, der eine der frühesten, historisch-systematischen Sammlungen japanischer Malerei in Deutschland zusammengetragen hat. Diese Sammlung wurde 1882 als zweite Sonderausstellung des Kunstgewerbemuseums präsentiert, anschließend durch die Berliner Museen erworben und ist heute weitestgehend vergessen, da sie mit Ausnahme weniger Werke im Ethnologischen Museum und Museum für Asiatische Kunst nach Ende des Zweiten Weltkriegs verlagert wurde.

Womit beschäftigen Sie sich gerade jenseits von „Vis à Vis“ ?
CW: Ich beschäftige mich eigentlich immer noch mit dem Kultur-Transfer von Ost nach West, doch in einer viel früheren Epoche, indem ich unsere mittelalterlichen Gewebe bearbeite, da ich endlich mehr davon ins Netz stellen möchte. Bei fast allen Stücken stellt sich hier die Frage, was chinesisch, was zentralasiatisch, was persisch ist und was davon in welcher Form in die europäische Webkunst eingeflossen ist.
AH: Mich beschäftigt die Realisierung der neuen Galerien für Kunst aus Japan im Humboldt Forum und hierbei insbesondere der Teeraum, der durch einen japanischen Designer gestaltet werden soll.

In der ständigen Ausstellung des Kunstgewerbemuseums trifft nun Asien auf Europa. Objekte aus beiden Häusern treten in fünf thematischen, materiellen und motivischen Interventionen in einen assoziativen Dialog. Die Sonderausstellung „Vis à vis. Asien trifft Europa“ wird etappenweise eingerichtet und verändert jeweils bis zur Eröffnung am 14. Dezember 2017 den Rundgang durch das Haus.

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