Vis à Vis: Elfenbein als DNA der Kunstgeschichte

„Vis à vis. Asien trifft Europa“ beleuchtet den Austausch von Ideen, Materialien und Techniken zwischen Asien und Europa. Hier sprechen Lothar Lambacher (Kunstgewerbemuseum) und Raffael Gadebusch (Museum für Asiatische Kunst) über ihre Studioausstellung mit Kunstwerken aus Horn, Bein und Elfenbein.

Interview: Wibke Schrape

Was ist in diesem Teil der „Vis à Vis“-Reihe zu sehen?
Lothar Lambacher (Kunstgewerbemuseum): Im Herzen der Mittelalterabteilung des Kunstgewerbemuseums sind vier Sondervitrinen mit Werken aus Horn, Bein, zumeist aber aus Elfenbein bestückt. Von diesen stammen 23 aus dem Sammlungsbestand des Museums für Asiatische Kunst und 13 aus dem des Kunstgewerbemuseums.
Raffel Gadebusch (Museum für Asiatische Kunst): Zu sehen sind sehr interessante Objekte aus Elfenbein, von denen einige zu den Spitzenstücken der Sammlung des Museums für Asiatische Kunst gehören, darunter auch Objekte, die sich bereits in der Churfürstlich Brandenburgischen Kunstkammer befanden.

Worum geht es genau?
LL: Wichtig ist mir der assoziative Diskurs dieser Werke aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Die sozial geprägten Konnotationen des kostbaren Materials, die verschiedenen praktischen Funktionen der daraus gefertigten Objekte sowie die jeweiligen stilistischen Traditionen der ausführenden Kunsthandwerker haben zu faszinierend vielseitigen Ausprägungen geführt. In der unmittelbaren Gegenüberstellung jedoch zeigen sich überraschend oft subtile Verbindungen, gelegentlich auch ganz unmittelbare Parallelen und Einflüsse zwischen den Werken aus Asien und aus Europa. Hier zeigt sich gewissermaßen das ‚subkutane‘ Beziehungsgeflecht der Werke eurasischer Elfenbeinkunst.
RG: Es war mir wichtig, den universalen Charakter dieses außergewöhnlichen Materials der Kunst zu zeigen. Mit Elfenbein beginnt die Kunstgeschichte. Elfenbein ist gewissermaßen ihre DNA. Formale Parallelen, aber auch Interpretationen und Eigenschaften, die dem Material von jeher zugeschrieben wurden, sind universal. Sowohl europäische als auch asiatische Künstler haben mit der Form des Stoßzahns gespielt, und der Elefant als Herrschaftssymbol hat hier wie dort interessiert. Auch die aristokratische Konnotation des Materials ist zeit- und kulturübergreifend.

Welches ist Ihr Lieblingsstück in der Ausstellung?
LL: Die beiden indischen Pulverhörner und die süddeutsche Pulverflasche aus Elfenbein. Ihre grazil anmutenden Formen und die köstliche Art der Bearbeitung des edlen Materials heben die Erinnerung an ihre einstige martialische Funktion auf wunderbare Weise geradezu spielerisch leicht auf.
RG: Ein moghulzeitliches Pulverhorn in Form einer im Sprung befindlichen Gazelle, das noch Reste von farblicher Fassung trägt. Dieses kleine Meisterwerk indo-islamischer Kunst ist von außergewöhnlicher Finesse. Der Künstler hat auf wunderbare Art mit der natürlichen Krümmung des Stoßzahns gespielt

Und was beschäftigt Sie sonst gerade?
LL: Ich bereite eine Sonderausstellung zu unserem so genannten Giselaschmuck aus dem 11. Jahrhundert vor, die vom 8. Dezember 2017 bis 11. März 2018 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt unter dem Titel „Der Mainzer Goldschmuck – Ein Kunstkrimi aus der deutschen Kaiserzeit“ zu sehen sein wird.
RG: Ich habe viele Baustellen, da ich kürzlich zum Koordinator der Asiatischen Kunstsammlungen im Humboldt Forum ernannt wurde. Das Thema Elfenbein scheint prädestiniert für den neuen, multiperspektivischen Ansatz des Humboldt Forums. Ansonsten forsche ich zur indischen Malerei und zur historischen Fotografie Asiens.

Die Sonderausstellung “Vis à vis – Asien trifft Europa” wird etappenweise eingerichtet und verändert jeweils bis zur Eröffnung am 14. Dezember 2017 den Rundgang durch das Haus. Wir begleiten den Aufbau der Ausstellung in dieser Reihe mit regelmäßigen Interviews.

Ähnliche Beiträge

1 Kommentar

Beitrag kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *