Vis à Vis: Ostasien und Art Nouveau

„Vis à vis. Asien trifft Europa“ beleuchtet den Austausch von Ideen, Materialien und Techniken zwischen Asien und Europa. Hier sprechen Claudia Kanowski (Kunstgewerbemuseum) und Uta Rahman-Steinert (Museum für Asiatische Kunst) über ihre Studioausstellung zu Ostasien und Art Nouveau.

Interview: Wibke Schrape

Was ist in diesem Teil der „Vis à vis“-Reihe zu sehen?
Claudia Kanowski (Kunstgewerbemuseum): In diesem Teil der Reihe treffen europäische Keramiken des Jugendstils oder Art Nouveau auf Gefäße aus China, Japan und Korea.
Uta Rahman-Steinert (Museum für Asiatische Kunst): Aus der reichen Keramiksammlung im Museum für Asiatische Kunst haben wir Gefäße ausgewählt, deren Formen die Keramikkünstler des Jugendstils inspiriert haben könnten.

Worum geht es genau?
CK: Obwohl teilweise Jahrhunderte zwischen den Exponaten liegen, gibt es überraschende gestalterische Parallelen. So haben wir ein schönes Ensemble aus Vasen in Flaschenkürbisform gebildet. Oder Vasen mit blutroten Laufglasuren, den sogenannten Ochsenblutglasuren. Auf den ersten Blick fällt es schwer zu sagen, welche Keramik nun die westliche und welche die ostasiatische ist. Zu sehen gibt es auch wunderbare Impressionen aus Flora und Fauna, mit denen die Vasen, Teller und Kannen bemalt wurden. Im Jugendstil ließ man sich von ostasiatischen Vorbildern zu neuen Formen und Dekoren inspirieren. Eine Keramik wurde genauso als freies Kunstobjekt eingestuft wie ein Gemälde oder eine Skulptur. Auch hierin werden ostasiatische Kunstvorstellungen reflektiert. Von dieser Wertschätzung der angewandten Kunst erzählen die Gefäße, die wir in der Vitrine zum Thema „Nobilitierung“ zusammengestellt haben. Generell wirken die zum Teil sehr alten chinesischen Keramiken – die ältesten datieren aus dem 4. Jahrhundert – im Nebeneinander mit den westlichen Arbeiten bis heute modern und zeitlos.
URS: So wichtig die Inspiration war, die Künstler des Art Nouveau aus der ostasiatischen Kunst bezogen, so wenig spiegelt sich der Japonismus, die Mode des späten 19. Jahrhunderts, in der Sammlung unseres Museums. Japanische, aber auch chinesische Werkstätten jener Zeit produzierten für die Bedürfnisse des westlichen Marktes; in Ostasien selbst wurden diese Erzeugnisse des Kunstgewerbes hingegen nicht besonders geschätzt. Daher gelangten sie auch nicht in die damalige Ostasiatische Kunstsammlung, weil diese die hohe Kunst Ostasien und die dortigen Sammeltraditionen spiegeln sollte. Die Herausforderung für uns war es, Objekte auszuwählen, die zeigen, was die Jugendstilkünstler faszinierte. Letztendlich sind bestimmte Gestaltungsprinzipien ja seit Jahrhunderten charakteristisch.

Welches ist Ihr Lieblingsstück in der Ausstellung?
CK: Sehr schön finde ich ein Dialogpaar in der Vitrine, die sich der plastischen Gestaltung widmet. Den westlichen Dialogpartner bildet eine Vase mit Putto und Meereswellen, die 1898 in der französischen Manufaktur von Edmond de Lachenal entstanden ist und von der in Paris lebenden Schwedin Agnès Kjellberg de Frumerie entworfen wurde. Der Putto blickt sehr verträumt und zärtlich auf sein chinesisches Pendant: ein Räuchergefäß aus dem 11. Jahrhundert mit fünf muskulösen Ringern. Beide Arbeiten wirken wie keramische Skulpturen und sind mit reizvollen jadefarbenen Seladonglasuren versehen. Sie scheinen selbst von ihren neuen Nachbarn überrascht zu sein und nehmen nun den Dialog auf …
URS: Ich habe kein Lieblingsstück, sondern ein Lieblings-Vis à vis. Einige der Arrangements erzählen geradezu kleine Geschichten. Der plastisch gearbeitete Salamander auf einem Zierteller von Alexandre Bigot interagiert mit einer Kröte, die einem chinesischen Wassergefäß aus dem 4. Jahrhundert seine Gestalt verleiht. Ich kann mir vorstellen, dass es die Besucher überrascht, dass dieses Gefäß nahezu 1700 Jahre alt ist.

Und was beschäftigt Sie sonst gerade?
CK: Ich bin mit vielen Dingen gleichzeitig beschäftigt, unter anderem mit einer Neuerwerbung: dem Tafelensemble „Bestiarium“, einer zeitgenössischen Arbeit der Porzellankünstlerin Maria Volokhova und des Designbüros SHAPES iN PLAY von Johanna Spath und Johannes Tsopanides. Seit längerem stehe ich in Kontakt mit den beiden Künstlerinnen, die auch bei der Langen Nacht der Museen am 19. August einen Programmpunkt im Kunstgewerbemuseum bestreiten werden. Auch zwischen „Bestiarium“ und den reichen musealen Beständen ergeben sich viele assoziative Dialoge über die Jahrhunderte hinweg, zum Beispiel bei der Tradition der Schaugefäße und des skulpturalen Tafelschmucks. Wenn sich solche Bezüge in die Gegenwart fortsetzen, finde ich das besonders spannend.
URS: Mich beschäftigen die Beschriftungen für die Objekte, die wir in der Erstpräsentation im Humboldt Forum zeigen werden. In diesem Zusammenhang denke ich auch darüber nach, wie Inhalte, die wir vermitteln wollen, dem Publikum auf interessante Weise aufbereitet werden können. Mein eigentliches Fachgebiet ist allerdings die moderne chinesische Malerei und sehr gern möchte ich mich viel intensiver diesem Sammlungsbestand widmen. Momentan konzipiere ich außerdem eine kleine Ausstellung, die im kommenden Jahr in der Hegenbarth Sammlung Berlin gezeigt wird und die zum ersten Mal beleuchtet, dass auch Josef Hegenbarth Anregungen aus Ostasien bezog.

Die Sonderausstellung “Vis à vis – Asien trifft Europa” wird etappenweise eingerichtet und verändert jeweils bis zur Eröffnung am 14. Dezember 2017 den Rundgang durch das Haus. Wir begleiten den Aufbau der Ausstellung in dieser Reihe mit regelmäßigen Interviews.

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