Was macht eigentlich … Babette Hartwieg, Chefrestauratorin der Gemäldegalerie

Zwischen Alltagsstress und großen Projekten muss Restauratorin Babette Hartwieg in der Gemäldegalerie stets den Blick für Feinheiten bewahren. Im Interview erzählt sie, wie sie auf den Spuren der italienischen Meister Mantegna und Bellini wandelte und in welchen Momenten der Trubel plötzlich stillzustehen scheint.

Interview: Sven Stienen

Woran arbeiten Sie gerade?
Ich bereite die Studioausstellung „Bellini plus vor, in der wir ab dem 14. Oktober Werke zeigen, die wir in jüngster Zeit untersucht und restauriert haben. Wir wollen den Besuchern damit einen Einblick in Vorgehensweisen und Ergebnisse unserer Arbeit geben, die ja in der Regel im Verborgenen stattfindet. Es sind Gemälde von Giovanni Bellini und Zeitgenossen um 1500, die bisher wegen ihres schlechten Zustands meist im Depot lagerten. Die Schau „Bellini plus“ weist bereits auf die große Ausstellung der Gemäldegalerie zu Mantegna und Bellini ab März 2019 hin.

Welche Veränderungen bringt eine solch große Schau für Ihre täglichen Aufgaben?
Solche großen Ausstellungen haben einen langen Vorlauf und sind meist nur noch mit einem großen Museum als Partner zu stemmen. In diesem Fall erarbeiten wir die Ausstellung gemeinsam mit der National Gallery in London. Bereits 2014 habe ich mit den technologischen Untersuchungen an unserer besonders fragilen „Darbringung Christi im Tempel“ von Andrea Mantegna begonnen. Es war klar, dass eine Ausleihe nach London nur bei ausreichender Stabilität und bei hohem wissenschaftlichen Gewinn durch die Ausstellung vertretbar wäre. Eine nah verwandte Komposition zum gleichen Thema von Giovanni Bellini befindet sich in Venedig. Für vergleichende Untersuchungen bin ich, mit unserem Stereomikroskop im Gepäck, dorthin gereist und konnte sehr spannende neue Erkenntnisse über die unterschiedliche Malweise der verschwägerten Maler gewinnen. Inzwischen stehen aber konservatorische Fragen im Vordergrund, die mit den Kuratoren, Leihgebern, Speditionen und Ausstellungsarchitekten zu klären sind, etwa wie sich die Klima- und Lichtbedingungen für die unterschiedlichen Exponate erfüllen lassen oder wie Vitrinen ausgestattet sein müssen.

Welchen Aspekt der Mantegna/Bellini-Ausstellung finden Sie am spannendsten und worauf sollten Besucher achten?
Durch die Untersuchungen und den bereichernden Austausch mit der Restauratorin der National Gallery ist mir immer klarer geworden, wie unterschiedlich die Techniken der beiden Maler waren. Weil Bellini die damals neue Ölmalerei für sich entdeckte, helfen die Analysen auch bei der Datierung der Werke. Wir haben dies in unserem gemeinsamen Katalogbeitrag behandelt und ich bin gespannt, wie gut dieser Aspekt in der Ausstellung wahrnehmbar sein wird.

Wie sieht Ihr Berufsalltag jenseits solcher besonderen Projekte aus?
Sehr vielseitig! Ich arbeite an technologischen Untersuchungen und Zustandsbeurteilungen unserer Gemälde, etwa bei Ausleihwünschen, für unsere Bestandskataloge oder hinsichtlich zukünftiger Restaurierungen. Dafür sind detaillierte Restaurierungskonzepte zu erstellen. Teilweise vergeben wir Aufträge an externe Kollegen, die vorbereitet und betreut sein wollen. Aber auch konservatorische Fragen zum optimalen Klima und Licht, zu Transport und Verpackung stellen sich. Gemeinsam mit meinen Kolleginnen und unserem Holz- und Rahmenrestaurator decken wir das ganze Aufgabenspektrum in einem großen Museum ab. Manchmal fehlt die nötige Ruhe, um anspruchsvolle Restaurierungen selbst durchzuführen.

Was mögen Sie am meisten an Ihrem Beruf?
Die Nähe zu den Objekten empfinde ich als besonderes Privileg – und das Kriminalistische unseres Berufes. Mit unserem auf die Details und auf das Technische gerichteten Blick haben wir schon viele spannende Entdeckungen zur Arbeitsweise der Künstler, zu historischen Veränderungen und zu Schadensursachen machen können. Mantegnas „Darbringung im Tempel“ beispielsweise wurde als dreifigurige Komposition begonnen und um drei weitere Personen ergänzt.

Und was am wenigsten?
Trotz unserer anspruchsvollen Aufgaben und akademischer Ausbildung fehlt es oft an der angemessenen Anerkennung unseres Berufes. Dass sich das Berufsbild des Restaurators aus dem Handwerk zu einer wissenschaftlichen Disziplin mit manueller Tätigkeit fortentwickelt hat, ist noch nicht in allen Köpfen verankert. Was ist das aufregendste Erlebnis, das Sie mit Ihrem Job verbinden? Vor kurzem habe ich unseren Mantegna auf dem Lastkahn durch die Kanäle Venedigs begleitet – da zittert man mit der Kunst.

Letzte Frage: Was würden Sie nachts allein im Museum tun?
Es gibt in meinem stressigen Museumsalltag immer wieder Momente, die sich anfühlen wie „nachts allein im Museum“. Nicht nur montags, wenn das Museum für das Publikum geschlossen ist, sondern auch, wenn ich ein Gemälde untersuche und die Arbeitsweise des Künstlers auf einmal ganz lebendig nachvollziehbar wird.

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