Zwischen Sein und Design: Fishbowl-Diskussion zu „Food Design“ im Kunstgewerbemuseum

Was bedeutet Design in unserem Ernährungsalltag und welche Lösungen liefert es für die Zukunft unseres Nahrungssystems? Und was versteht man überhaupt unter Food Design? Ein Design Talk im Rahmen der Ausstellung Food Revolution 5.0 näherte sich dem Thema aus verschiedenen Perspektiven.

Text: Neila Kemmer

Die Runde in der Fishbowl-Diskussion zu „Food Design“ im Kunstgewerbemuseum kam immer wieder auf das Thema Fleisch zurück. Es ist bekannt, dass der weltweite Fleischkonsum immense Auswirkungen auf Umwelt, Klima und Biosphäre hat. Aber wie können wir dieser Problematik begegnen, wenn die Nachfrage und der Proteinbedarf parallel zur wachsenden Weltbevölkerung ansteigen? Sind Insekten, Algen oder In-Vitro-Fleisch die Nahrungsmittel der Zukunft?

Sarah Lucas spricht über die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit von In-vitro-Fleisch. Sie arbeitet bei der niederländischen Firma, die den ersten Burger aus dem Reagenzglas verkosten ließen. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Kai von Kotze
Sarah Lucas spricht über die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit von In-vitro-Fleisch. Sie arbeitet bei der niederländischen Firma, die den ersten Burger aus dem Reagenzglas verkosten ließen. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Kai von Kotze

Nachdem die vorangegangenen Vorträge vom Moderator Jörg Scheller als Performance geoutet, die Wissenschaftler*innen als Schauspieler*innen und das soeben verkostete In-vitro-Fleisch als Veggie-Tartar entlarvt wurden, konnte endlich eine Expertin zu Wort kommen: Sarah Lucas arbeitet für die niederländische Firma Mosa Meat, die an der Produktion von künstlichem Fleisch arbeitet, seit 2013 der erste im Labor hergestellte Burger verkostet wurde.

Andrea Staudacher nahm nach ihrer Performance zu Vor- und Nachteilen von In-vitro-Fleisch am Talk teil. Ihr Anliegen: Eine Veränderung unserer Ernährung, ohne auf Genuss zu verzichten. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Kai von Kotze
Andrea Staudacher nahm nach ihrer Performance zu Vor- und Nachteilen von In-vitro-Fleisch am Talk teil. Ihr Anliegen: Eine Veränderung unserer Ernährung, ohne auf Genuss zu verzichten. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Kai von Kotze

„Mir geht es in erster Linie um das Tierwohl,“ erklärt Lucas. „Deshalb arbeite ich für eine Firma, die dazu forscht, Tierleid zu vermeiden. Die industrielle Landwirtschaft ist die Hauptursache dafür – und auch für viele andere Umweltschäden. Wir müssten unser Essverhalten ändern. Wenn wir aber weiterhin Fleisch essen wollen, brauchen wir andere Möglichkeiten. Notwendigerweise“, fährt sie fort, „wird In-Vitro-Fleisch zunächst teurer sein als konventionelles und damit eigentlich ein Luxusprodukt. Der Plan ist allerdings, 2121 das erste Hamburger-Produkt, einen Quarterpounder für 8,50 € in den Handel zu bringen. Denn abgesehen vom Neuheitsfaktor wird es dann um den Preis und eine bequeme Verfügbarkeit gehen. Wenn wir wollen, dass sich In-Vitro-Fleisch wirklich durchsetzt, brauchen wir einen wettbewerbsfähigen Preis. Innerhalb der nächsten Dekade soll der Burger dann gleich viel oder sogar weniger kosten wie ein herkömmlicher.“

Andrea Staudacher, die die oben genannte Performance entwickelte, hat für die Food Revolution 5.0 ein Schwein geschlachtet, zerteilt und in Silikon gegossen. „Ich wollte lange Vegetarierin sein, aber ich habe es nicht geschafft, ich war nicht kreativ genug. Und ich esse sehr gerne Fleisch. Deshalb wollte ich zumindest bewusst sehen, wie ein Tier getötet wird“, sagt die Designerin. „Es ist immer ein Gewaltakt, weil du ein Leben nimmst. Aber ich empfinde es viel problematischer, im Laden ein Leben mit einem Stück Papier zu kaufen, als dieses Leben für meinen eigenen Konsum zu nehmen.“ Außerdem ist Staudacher eine vehemente Verfechterin der Insektenküche: „Ich liebe es, zu essen und mich fasziniert wie schön Insekten aussehen. Aber mich hat immer geekelt, Insekten zu essen. Gerade das interessiert mich: es gibt so viele Ebenen, die mit Essen einhergehen, seien es kulturelle, soziale oder ökologische.“

Experten im Bereich des Food Designs: Andrew Forkes, Stefan Hermsen und Johanna Schmeer beim Design Talk im Kunstgewerbemuseum © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Kai von Kotze
Experten im Bereich des Food Designs: Andrew Forkes, Stefan Hermsen und Johanna Schmeer beim Design Talk im Kunstgewerbemuseum © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Kai von Kotze

Insekten sind ein großes Thema in der Ausstellung. Andrew Forkes‘ und Susana Soares‘ Arbeit Insects au gratin setzt sich damit auseinander, was man aus Insekten machen kann und wie man es den Menschen näherbringt. Man kann sie zum Beispiel pürieren, abschmecken und mit dem 3D-Drucker in eine attraktive Form bringen. Andrew Forkes: „Wir machen viele Verkostungen und nutzen den 3D-Drucker als Köder, um das Publikum anzulocken. Es ist spannend, wenn direkt vor den eigenen Augen produziert wird. Wir untersuchen den Effekt neuer Technologien auf unsere Rituale in Bezug auf Essen und Lebensmittel. Wir beobachten die Entwicklungen in Bezug auf Risikobewertung und die EU-Zulassungen. Außerdem werden Insekten momentan verstärkt als Futtermittel in der Nahrungskette diskutiert, weniger für den menschlichen Konsum. Das kann viel voranbringen, aber auch eine Barriere sein, wenn es dann heißt: ‚Ich will doch nicht essen, was ein Huhn isst.‘“

Der Londoner Designer Andrew Forkes stellt sein Projekt Insects au gratin vor, an dem er mit Susana Soares arbeitet. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Kai von Kotze
Der Londoner Designer Andrew Forkes stellt sein Projekt Insects au gratin vor, an dem er mit Susana Soares arbeitet. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Kai von Kotze

Mit dem 3D-Drucker arbeitet auch der spanische Designer Martí Guixe. Er beschäftigt sich in seiner gestalterischen Praxis seit 1995 mit Essen. „In dieser Zeit waren Produktdesigner, wie ich auch einer bin, an Massenproduktion interessiert. Ich habe realisiert, dass Lebensmittel ebenfalls massenproduziert werden. Aber niemand sieht Essen als Produkt. Aus dieser Perspektive heraus fing ich an, Design auf Essen anzuwenden, d. h. auch Kriterien wie Wirtschaftlichkeit oder Benutzerfreundlichkeit. So kam ich in das Feld, in dem ich jetzt arbeite: Ich beschäftige mich mit essbaren Objekten, mit Lebensmitteln, die unabhängig von der Natur, der Landwirtschaft, dem Kochen oder der Gastronomie sind.“ In der Ausstellung wird Guixes Arbeit Digital Food gezeigt.

„Essen soll gesund für dich sein, aber ich habe noch drei weitere Bereiche definiert. Zum einen die Aktivität: Man isst unterschiedlich, je nachdem, ob man sich entspannen oder konzentrieren möchte. Dann geht es um Textur und Form, um das Essen handelbar zu machen, je nachdem ob man gerade im Flugzeug oder zuhause ist. Das vierte Feld hängt mit der Gastronomie zusammen und umfasst den Geschmack und Geruch etc. Wenn das Projekt gut umgesetzt wird, ist das digitale Essen viel besser als gekochtes. Bislang ist es ein Konzept für perfektes Essen. Das einzige Problem mag sein, dass es zu perfekt ist und langweilig wird.“

Produktdesigner Martí Guixe spricht von den unerschöpflichen Möglichkeiten des 3D-Drucks im Berich des Food Designs. Er plädiert für Nahrungsmittel, die ohne Landwirtschaft produzierbar sind. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Kai von Kotze
Produktdesigner Martí Guixe spricht von den unerschöpflichen Möglichkeiten des 3D-Drucks im Berich des Food Designs. Er plädiert für Nahrungsmittel, die ohne Landwirtschaft produzierbar sind. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Kai von Kotze

Widersprechen künstlich hergestellte Nahrungsmittel nicht jedem Wunsch nach natürlichem Essen, das wir mit Schlagworten wie regional und ökologisch verbinden? „Wenn wir Essen designen, sind wir dann nicht in einem viel höheren Grad verantwortlich?“ fragt Jörg Scheller in die Runde. „Essen ist doch schon lange nicht mehr natürlich!“ Die Berliner Designerin und Künstlerin Johanna Schmeer hat eine klare Meinung dazu: „Zu dem Zeitpunkt, an dem Menschen angefangen haben Pflanzen zu züchten, haben sie sie designt. Landwirtschaft, auch die ökologische, ist nicht so naturbelassen, wie wir uns vorstellen“, und fügt hinzu: „Der Schritt zu Biotechnologie ist interessanterweise gar nicht so groß.“

Stefan Hermsen, der Food Packaging, also Verpackungsdesign, an der HAS in s’Hertogenbosch in den Niederlanden lehrt, betont: „Verpackungen machen sich gerade diesen Effekt häufig zu Nutze: Die Produkte sollen handwerklich hergestellt aussehen, traditionell und ursprünglich. Das Produkt ist okay, es ist lebensmittelsicher in einer Fabrik hergestellt, aber es weder natürlich oder handgemacht.“ Er erklärt, in seiner Arbeit gehe es ihm sehr um Nachhaltigkeit: „Wie können wir die Welt in dieser Hinsicht verändern? Indem wir die Konsumentinnen und Konsumenten adressieren oder die großen Firmen, die Unilevers und Heinzes? Auf jeden Fall sollten wir die Entscheiderinnen und Entscheider der Zukunft – wie meine Studierenden – mit Wissen ausstatten. Essen hat eine Menge mit Nachhaltigkeit zu tun, in Bezug auf Fleisch, Energie oder Wasserverbrauch.“

Johanna Schmeer unterscheidet in ihrer gestalterischen Praxis nicht zwischen Kunst und Design. Im konzeptuellen Design geht es vor allem um diskursive, visionäre Lösungen. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Kai von Kotze
Johanna Schmeer unterscheidet in ihrer gestalterischen Praxis nicht zwischen Kunst und Design. Im konzeptuellen Design geht es vor allem um diskursive, visionäre Lösungen. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum/Kai von Kotze

Martí Guixe äußert Bedenken: „Glaubt ihr, die Unternehmen ernähren euch richtig? Ich habe das Gefühl, ich esse schlecht, seit ich geboren bin. Es ist überhaupt nicht möglich, gut zu essen. Woher soll man dafür die Zutaten bekommen?“ „Die Schuld liegt auch bei uns Konsumenten“, sagt Sarah Lucas. „Es werden Lebensmittel entsprechend unserer Nachfrage produziert und wir essen eben gerne Dinge, die zuckerhaltig, industriell verarbeitet und billig sind.“

„Wir brauchen große Lösungen für die großen Probleme unserer Nahrungssystems“, ertönt Kritik aus dem Publikum. Andrea Staudacher meldet sich zu Wort: „Wir können immer nur in unserem Umfeld arbeiten. Ich war Teil des Teams, das ermöglichte, dass Insekten in der Schweiz ins Lebensmittelgesetz aufgenommen wurden. Darauf bin ich stolz. Vor allem, weil Insekten –mehr als künstliches Fleisch – ein wirksames Mittel gegen den Hunger in den Subsahara-Staaten sein können.“ Food Design berührt das individuelle Essverhalten ebenso wie die globale Wirtschaft, die körperliche Gesundheit wie den Genuss von Geschmack und Ästhetik. Wenn gilt: „Du bist, was du isst“, können wir mit Food Design, verändern, was wir sind. In diesem Sinne das Schlusswort des Moderators: „Thumbs up for a post-meat society!“

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