Der Kolonnadenhof aus Hollywood-Pappe

Alfred Hitchcock ließ für den Spionagethriller „Der zerrissene Vorhang“ die Museumsinsel mit der Alten Nationalgalerie nachbauen, doch schleicht Paul Newman wirklich durch den richtigen Kunsttempel?

Text: Ingolf Kern

Alfred Hitchcock hatte Angst. Er konnte sich plötzlich hereinbrechende Grusel in einem Treppenhaus vorstellen, auch harmlos albtraumhafte Häuser oder Plätze. Wie es aber in einer Halbstadt aussieht, in welcher der Kommunismus um jede Ecke schaut, wusste der Regisseur nicht. Vier Jahre nach dem Mauerbau brütete Hitchcock über seinem Spionagethriller „Der zerrissene Vorhang“, der vor allem in Leipzig und Ost-Berlin spielen sollte. Für die Motivsuche beschäftigte er verdeckte Ermittler. Plastisch sollte Ostdeutschland in Hollywood entstehen. An den westdeutschen Bühnenbildner Hein Heckroth in Frankfurt am Main schrieb er auf Deutsch: „Ich moechte auch wissen, ob jemand Farbe Bilder machen kann von ziemlich viele Oerte in Ost Deutschland so dass wir diese brauchen koennen für Nachforschung Zweck.“

Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures

Inzwischen wissen wir, wie sich die Superfilmmacht die DDR vorstellte. Dort überfielen die russischen Besatzer gern Linienbusse, um „nur Geld, kein Schmuck, keine Uhren“ zu erbeuten, Leipziger Universitätsprofessoren beliebten unter dem Blick von Karl Marx zu tanzen, Stasi-Schergen waren schwer um die Ecke zu bringen, und natürlich kreuzten gelbe Straßenbahnen den Weg des Sozialismus. Vor allem aber wissen wir auch, wie sich Hitchcock die Museuminsel und die Alte Nationalgalerie vorstellte.

Ausgerechnet hierher flieht der amerikanische Kernphysiker Michael Armstrong (Paul Newman), der seit Jahren über einer Formel für das neue Raketenabwehrsystem GAMMA 5 grübelt und sie ausgerechnet in Leipzig erbeutet hat, vor Stasi-Mann Gromek. Wolfgang Kieling spielt ihn im schwarzen Ledermantel und mit dem ganzen Reich des Bösen im Gesicht. Die minutenkurzen Szenen in der Alten Nationalgalerie kommen ohne Dialoge aus. Es sind nur Schritte zu hören – die von Paul Newman und die seines Verfolgers.

Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures

Aber ist Hitchcocks Alte Nationalgalerie wirklich die, die wir heute kennen? Ist das der Kolonnadenhof, wie wir ihn heute vor Augen haben? Innen sieht die Hollywood-ANG ganz anders aus als die reale. Zitiert Hitchcock in seiner Filmarchitektur gar andere Museen der „Insel“? Könnte für den Fussboden nicht das Alte Museum Pate gestanden haben? Erinnern die Säulen im filmischen Ausstellungsraum nicht irgendwie auch an das Bode-Museum? Und was sind das überhaupt für Kunstwerke, an denen Paul Newman vorbeiläuft? Auf keinen Fall nur 19. Jahrhundert. Ralph Gleis, der Leiter der Alten Nationalgalerie, mag nicht spekulieren, aber er hat sich Hitchcocks Sequenz mit dem Eingangsbereich des Museums einmal genauer angesehen: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hitchcock bei der Gestaltung der Kolonnaden vor dem Museum auf reale Pläne zurückgegriffen hat, denn den gestalterischen Höhepunkt des Gartens bildet damals ein achsial zur Treppenanlage der Nationalgalerie disponierter Brunnen mit einem vierpassförmigen Sandsteinbecken..“ Bei Hitchcock fehlt jedoch diese Brunnenanlage.

Der Film, es lässt sich nicht anders sagen, gehört trotz erstklassiger Besetzung sicherlich nicht zu Hitchcocks Meisterwerken. Im Kino lief er mit mäßigem Erfolg. Und doch gibt es Szenen wie die auf der Museumsinsel, die es lohnen, den „Zerrissenen Vorhang“ wieder anzuschauen. Denn Hitchcock hatte tatsächlich die ganze „Insel“ im Blick: Paul Newman betritt zwar die Alte Nationalgalerie, verlässt das Museum aber durch einen Ausgang auf einen Hinterhof, der nur zum Pergamonmuseum gehören kann. Heute, über fünfzig Jahre später, träumen wir von der Archäologischen Promenade, die die Häuser der Museumsinsel eines Tages verbinden wird. Alfred Hitchcock hatte schon alles verknüpft und sogar die Alte Nationalgalerie mit angeschlossen. Wie er das gemacht hat, bleibt natürlich sein Geheimnis. Wie immer.

Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures
Still aus dem Film „Torn Curtain“, 1966, © Universal Pictures

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