Inspiration und Ermutigung. Die kollaborative Medien-Plattform MiA in Zeiten von Corona

Die in New York und Beijing ansässige Plattform MiA („Make it Active“) Collective Art hat sich der medialen Vernetzung von Künstler*innen verschrieben. In der Corona-Pandemie entwickelte sich das Netzwerk zu einer besonderen Form der Krisenbewältigung. Uta Rahman-Steinert vom Museum für Asiatische Kunst sprach mit den Initiatorinnen des Projekts, Grace Noh und Yichen Zhou.

Text und Interview: Uta Rahman-Steinert

(to the english version)

Bevor das Museum für Asiatische Kunst wegen der Vorbereitungen für den Umzug ins Humboldt Forum seine Ausstellungen temporär schließen musste, spielte zeitgenössische Kunst im Ausstellungsbetrieb eine wichtige Rolle. Zwar umfasst die Sammlung überwiegend Artefakte aus vergangenen Jahrhunderten, doch wurden diese in wechselnden Ausstellungen oft im Dialog mit Gegenwartskunst präsentiert, um derart den Blick auf die Sammlung durch neue Perspektiven zu bereichern. Besucher*innen sollten auch erleben können, dass die Kulturen, aus denen die Museumsobjekte stammen, in veränderter Weise Wirkungen bis in das Heute entfalten. In diesem Zusammenhang wurden viele Kontakte zu Künstler*innen geknüpft, die ihre Wurzeln in den Kulturen Asiens haben.
In Zeiten von Corona hat sich die Pflege dieser Kontakte nicht gravierend verändert. Über die ganze Welt verstreut, kommunizierten wir auch in der Vergangenheit per E-Mail, (Video-)Telefon oder soziale Medien. Was uns in den letzten Jahrzehnten zur Selbstverständlichkeit geworden ist, entpuppt sich aber nun in dieser Situation, da wir gehalten sind, an unseren angestammten Orten zu bleiben, als Segen. Kaum vorstellbar, wie es wäre, wenn wir diese Netzwerke nicht nutzen könnten!
Viele Künstler*innen und Kurator*innen zeigen sich erfinderisch und nutzen das Internet in kreativer Weise, um ihre Inhalte in die Öffentlichkeit zu bringen, obwohl Ausstellungsräume geschlossen sind oder zumindest (noch) nicht im gewohnten Umfang zur Verfügung stehen. Gut möglich, dass sie auf diese Weise ein breiteres Publikum erreichen, als es in herkömmlichen Ausstellungsräumen der Fall gewesen wäre!

The COVID-19 Diaries Series Part I Isolation Online Exhibition © MiA Collective Art
The COVID-19 Diaries Series Part I Isolation Online Exhibition © MiA Collective Art

MiA („Make it Active“) Collective Art ist eine in New York basierte Plattform, die sich explizit der Nutzung von Medien verschrieben hat, um Protagonist*innen aus unterschiedlichen künstlerischen Genres zu vernetzen und ihnen Möglichkeiten zum öffentlichkeitswirksamen Austausch zu bieten. Unmittelbar auf die gegenwärtige Situation reagierend, hat MiA Collective Art eine dreiteilige Ausstellungsserie zum Thema initiiert: „The COVID-19 Diaries Series“. Teil 1: Isolation und Teil 2: New Normal sind bereits online unter miacollectiveart.com.

Alison Chen, Preserving Tenderness, 2020, included in MiA Collective Art's The COVID-19 Diaries Series Part I Isolation Online Exhibition _© Alison Chen
Alison Chen, Preserving Tenderness, 2020, included in MiA Collective Art’s The COVID-19 Diaries Series Part I Isolation Online Exhibition _© Alison Chen

Uta Rahman-Steinert vom Museum für Asiatische Kunst unterhielt sich mit den Initiatorinnen des Projekts, Grace Noh (GN) und Yichen Zhou (YZ).

Stellt Ihr Euch bitte kurz vor? Womit beschäftigt Ihr Euch und was hat Euch bewegt, die Plattform zu gründen?

GN: Ich bin in New York als Kuratorin tätig.

YZ: Ich arbeite als Videokünstlerin und Fotografin, früher in New York, jetzt in Beijing.

GN: Wir haben uns 2014 kennengelernt, kurz nachdem ich mein Studium am Institute of Fine Arts an der New York University mit einem MA in Kunstgeschichte abgeschlossen hatte. Yichen war eine von drei Künstler*innen in der ersten Ausstellung, die ich kuratiert habe. Bei meiner Suche nach jungen Künstler*innen mit einem experimentellen Ansatz fiel mir Yichens Arbeit auf. Sie hatte gerade ihr Studium an der Parsons School of Design (MFA in Fotografie und verwandten Medien) beendet, wir waren also beide Neueinsteiger in der Kunstwelt. Wir wurden schnell gute Kolleginnen und teilten eine Menge gemeinsamer Ideen. Wir wollten eine Plattform etablieren – einen digitalen Projektraum – wo Künstler*innen mit inspirierenden Ideen Teil unserer gemeinsamen Projekte werden konnten. So entstand MiA Collective Art. Unsere Mission ist es, künstlerische Schaffensprozesse zu befördern und wir hoffen, dieses kreative Unterfangen an die kommende Generation weitergeben zu können.

Silvia Li, 2330-0530, 2020, included in MiA Collective Art's The COVID-19 Diaries Series Part I Isolation Online Exhibition © Silvia Li
Silvia Li, 2330-0530, 2020, included in MiA Collective Art’s The COVID-19 Diaries Series Part I Isolation Online Exhibition © Silvia Li

Viele der Protagonist*innen auf der Website kommen aus (Ost-)Asien. Ist das eine bewusste Entscheidung oder ergab sich das aus Euren eigenen Arbeitszusammenhängen? Andererseits habe ich den Eindruck, dass Ihr eine regionale Eingrenzung vermeiden wollt.

YZ: Wir suchen nicht ausdrücklich nach Künstler*innen aus Asien, aber es hat sich ergeben, dass wir viele Kolleg*innen von dort kennen. Ich lebe zurzeit in Beijing, also treffe ich automatisch viele Künstler*innen und Kurator*innen aus China oder solche, die hier Studien- oder Arbeitsaufenthalte absolvieren. Es ergibt sich einfach, dass wir eine Menge Künstler*innen aus Asien kennenlernen.

GN: In New York haben wir mit Künstler*innen aus unterschiedlichen Ländern zusammengearbeitet. Es ist faszinierend, wie viele hier kommen und gehen. Weil Yichen in Beijing lebt und ich häufig meine Familie in Seoul besuche, ergeben sich mehr Gelegenheiten, diverse Städte in Asien zu besuchen und dort Projekte zu machen. Es ist nicht beabsichtigt, aber es ergeben sich mehr Möglichkeiten, Künstler*innen von dort zu treffen. Im Moment widmen wir unsere Website der aktuellen Ausstellungsserie, an der mehr als 20 Kreative teilnehmen. Als Yichen und ich die Online-Ausstellungsserie im Februar diskutierten, war es unsere Intention, mit Künstler*innen aus Ländern zusammenzuarbeiten, die stark von der Pandemie betroffen sind. Daher kommen viele der Teilnehmenden in Teil I: Isolation aus China, einfach weil Corona zu jener Zeit in anderen Ländern noch nicht als Pandemie angesehen wurde. Dagegen hatten wir, als wir Teil II: New Normal vorbereiteten, der Anfang Mai online ging, die Möglichkeit, mit mehr Künstler*innen aus anderen Ländern zu kooperieren, weil Corona da schon zur globalen Pandemie geworden war.

Woo Ram Jung, Untitled, D+62, 2020, included in MiA Collective Art's The COVID-19 Diaries Series Part I Isolation Online Exhibition © Woo Ram Jung
Woo Ram Jung, Untitled, D+62, 2020, included in MiA Collective Art’s The COVID-19 Diaries Series Part I Isolation Online Exhibition © Woo Ram Jung

Warum kuratiert Ihr jetzt eine Ausstellungsserie zu diesem Thema? Hören, sehen und lesen wir nicht ohnehin den ganzen Tag genug über Corona und die Auswirkungen?

GN: Yichen hat diese Ausstellungsidee im Februar vorgeschlagen. Sie lebt momentan die meiste Zeit in Beijing, war da schon in der Isolation und verbrachte ihre Zeit zu Hause.

YZ: Ja, die Verbreitung von Corona hatte das Leben der Menschen in China schon im Februar beeinträchtigt. Ich saß zu Hause fest und konnte weder in mein Atelier gehen noch andere Künstler*innen treffen. Ich dachte, dass wir, also MiA, online etwas tun könnten, und Grace und ich führten ein langes Telefonat zu dieser Idee.

GN: Wir wussten schnell, dass wir ein gemeinsames Projekt mit Künstler*innen machen wollten, die, wie Yichen sagte, drinnen festsaßen. Wir wollten diese Künstler*innen unterstützen, und wenn es nur in marginaler Weise war, damit sie in dieser schwierigen Zeit positiv und in Verbindung bleiben konnten. Wir dachten vor allem an Künstler*innen in China und Korea, weil diese beiden Länder zu jener Zeit am heftigsten von der Pandemie betroffen waren. Anfang März propagierten dann sehr viele Länder rund um den Globus, Abstand zu halten, und alle Kunst- und Kultureinrichtungen hatten auf unbestimmte Zeit ihre Türen geschlossen. Da war klar, dass wir unser Projekt ausdehnen wollten: Es wurde zu einer dreiteiligen Serie von Online-Ausstellungen mit Künstler*innen aus Europa, Asien und den Vereinigten Staaten.

YZ: Wir hören zwar täglich schon in den Nachrichten und den sozialen Medien von Corona, aber unser Projekt beschäftigt sich ja nicht mit der Verbreitung von Informationen und Statistiken, wie sie uns die Nachrichten liefern. Diese Ausstellungsserie ist eine unmittelbare Reaktion auf die gegenwärtige Situation. Auf diese Weise dokumentieren wir, wie wir sie durchleben. Es geht darum, in Verbindung zu bleiben, indem wir die Momente miteinander teilen und uns bemühen, uns gegenseitig zu inspirieren, während wir isoliert bleiben müssen.

kate-hers RHEE, Still Images from Wish You Weren’t Here (And I Feel Fine), 2020, included in MiA Collective Art's The COVID-19 Diaries Series Part II New Normal Online Exhibition © kate-hers RHEE
kate-hers RHEE, Still Images from Wish You Weren’t Here (And I Feel Fine), 2020, included in MiA Collective Art’s The COVID-19 Diaries Series Part II New Normal Online Exhibition © kate-hers RHEE

Beschreibt bitte Euer kuratorisches Profil. Was muss man mitbringen, um Teil Eurer Online-Ausstellungen zu werden?

GN & YZ: Was man mitbringen muss, sind Enthusiasmus und Offenheit für die Zusammenarbeit, außerdem wirkliches Interesse an dem, was gegenwärtig in der Welt passiert. Wir haben eine lange Liste von Künstler*innen, mit denen wir zusammengearbeitet haben und mit denen wir in Zukunft noch zusammenarbeiten wollen. Es sollte erwähnt werden, dass wir unter Künstler*innen nicht nur solche mit Professionen im Bereich der visuellen Künste verstehen, sondern auch Autor*innen, Musiker*innen und Filmemacher*innen einschließen, die in der heutigen KreativIndustrie interdisziplinäre und experimentelle Ansätze entwickeln. Wir sind offen für alle und jede/n, die für die Kunst brennen und wir erwarten von allen, mit denen wir zusammenarbeiten, einander zu respektieren und darüber nachzudenken, was Zusammenarbeit bedeutet, bevor sie sich uns anschließen.

Martin Ebner and Ariane Müller, Arms Will Get Longer, 2020, Included in MiA Collective Art's The COVID-19 Diaries Series Part II New Normal Online Exhibition ©Martin Ebner and Ariane Müller
Martin Ebner and Ariane Müller, Arms Will Get Longer, 2020, Included in MiA Collective Art’s The COVID-19 Diaries Series Part II New Normal Online Exhibition ©Martin Ebner and Ariane Müller

Ihr habt bereits mehrere Ausstellungen veröffentlicht, dazu gehören Projekte im Bereich Film bzw. Video, Foto und Design. Auf Eurer Website gibt es aber außerdem Artikel zu so verschiedenen Themen wie Zeit, Klangkunst oder Hannah Arendt, eine Interviewserie mit ganz unterschiedlichen Künstler*innen sowie einen Salon zu Kunst und Musik. Was ist die Klammer für dieses vielschichtige Programm?

GN & YZ: Wie gesagt, wir sind ein Kunst-Kollektiv inspirierter Geister und unsere Definition von Künstler*innen schließt visuelle Künstler*innen, Schriftsteller*innen, Dichter*innen, Filmemacher*innen, Musiker*innen, Komponist*innen ein – im Grunde alle Kreativen. Natürlich begrüßen wir interdisziplinäre Kooperationen, wie sie auch unsere Website reflektiert. Wir glauben nicht, dass Inspiration nur aus einer Disziplin kommen muss. Es ist eher wie bei einem Orchester. Zum Entstehen eines Werks tragen Erfahrungen, Erinnerungen, Gedanken und Ideen bei, die aus verschiedenen kreativen Quellen schöpfen. In einem Meeting sprechen wir nicht nur über Kunst. Vielleicht diskutieren wir über einen Film oder über Konzerte, die uns inspiriert haben – wie bestechend das Licht in einem Konzertsaal war oder wie brillant die Kameraeinstellung in einem Film. Wir lernen von den Sparten, mit denen wir nicht direkt zu tun haben und überlegen, wie wir einige dieser Ideen in das integrieren können, was wir tun. Deshalb schätzen wir so ein breites Spektrum an Aktivitäten sehr und vielleicht ist genau das unsere spezielle Art der Zusammenarbeit.

Koji Ueda, AMBIENT, 2020, Included in MiA Collective Art's The COVID-19 Diaries Series Part II New Normal Online Exhibition ©Koji Ueda
Koji Ueda, AMBIENT, 2020, Included in MiA Collective Art’s The COVID-19 Diaries Series Part II New Normal Online Exhibition ©Koji Ueda

Welche Rolle spielen Museen für Eure Arbeit? Inspirieren sie Euch, bieten sie Euch vielleicht sogar ein Forum, Eure Inhalte zu präsentieren?

GN & YZ: Ohne Museen würde unser Kunst-Kollektiv den Glanz seines künstlerischen Schaffens einbüßen. Museen bereichern den Alltag der Menschen ganz erheblich. Nicht nur, dass sie Menschen inspirieren, kreativ zu sein und zu denken, sie stellen auch die Probleme kritisch auf den Prüfstand, mit denen Gesellschaften konfrontiert sind und vernetzen alle auf einer menschlichen Ebene. Viele dieser für uns entscheidenden Orte sind wegen der Pandemie auf unbestimmte Zeit geschlossen. Jetzt, da viele von uns die meiste Zeit zu Hause verbringen und mit der Kunstwelt durch die sozialen Medien in Verbindung bleiben, schätzen wir die digitalen Inhalte der Museen ganz besonders. Das Tolle an den großen Institutionen ist, dass sehr viele Menschen ihre Angebote nutzen und online mit ihnen verbunden sein möchten. Ihre Sichtbarkeit in der digitalen Welt ist enorm, anders als die von kleinen Kunst-Organisationen und -Vereinen. Wir meinen, dass es für diese großen Player entscheidend ist, mit vielfältigen Online-Programmen für ihr Publikum aktiv zu sein. Auch wenn ein Online-Besuch nicht an das heranreicht, was es bedeutet, Kunst im Original zu sehen, denken wir doch, dass es für Museen eine Rolle spielt, mit ihrem Publikum über Online-Angebote in Kontakt zu bleiben. Schließlich versucht sogar ein kleines Kunst-Kollektiv wie wir sein Bestes, um in diesen wirren Zeiten für gute Laune zu sorgen!

The COVID-19 Diaries Series Part II New Normal Online Exhibition © MiA Collective Art
The COVID-19 Diaries Series Part II New Normal Online Exhibition © MiA Collective Art

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