Virtuell reisen: Tunesien und Ägypten durch die Augen von Paul Klee

Die Ausstellung „Klee in Nordafrika“ im Museum Berggruen begibt sich auf die Spuren der zwei Reisen, die den Maler Klee nachhaltig prägten. Während der Corona-bedingten Schließung des Museums gibt es die Ausstellung als #virtualtour zu sehen.

Text: Anna Wegenschimmel

„Darum, Mensch, sei zeitig weise! Höchste Zeit ist’s! Reise, reise!“ lautet ein berühmt gewordenes Sprichwort, das Wilhelm Busch zugeschrieben wird. Aktuell ist der Gedanke ans Reisen schon das höchste der Gefühle – schließlich bringen es die Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung mit sich, dass die meisten Menschen schon den täglichen Weg ins Büro durch das Aufklappen eines Laptops ersetzen müssen. Gezwungenermaßen muss sich auch jegliches Fernweh und jede Lust am Neuartigen in den digitalen Raum verlagern – so auch die Ausstellung „Klee in Nordafrika“, die derzeit über virtuelle Umwege im Museum Berggruen zu sehen ist.

Postkarte aus Kairo, verschickt am 25. Dezember 1928 an seinen Sohn Felix Klee: „Mein lieber Felix, wie du siehst, bin ich am ersten Ziel. Cairo ist eine riesengrosse Stadt. Ich spazierte heute nach Kilometern, auch am Strom war ich, sehr grosser Eindruck! Morgen bin ich da, wo Rückseite besagt (Giza ist ganz nah). Gesehn habe ich die Dinger heut in der Ferne von der Citadelle aus, die eine grandiose Gesamtansicht der Stadt bietet. Die Seefahrt war ganz glatt, o so glatt! Herzlichst, Dein Vater“ © Zentrum Paul Klee, Bern, Schenkung Familie Klee
Postkarte aus Kairo, verschickt am 25. Dezember 1928 an seinen Sohn Felix Klee:
„Mein lieber Felix, wie du siehst, bin ich am ersten Ziel. Cairo ist eine riesengrosse Stadt. Ich spazierte heute nach Kilometern, auch am Strom war ich, sehr grosser Eindruck! Morgen bin ich da, wo Rückseite besagt (Giza ist ganz nah). Gesehn habe ich die Dinger heut in der Ferne von der Citadelle aus, die eine grandiose Gesamtansicht der Stadt bietet. Die Seefahrt war ganz glatt, o so glatt! Herzlichst, Dein Vater“ © Zentrum Paul Klee, Bern, Schenkung Familie Klee

Es ist bekannt, dass das Reisen nicht erst eine Erfindung von Fluggesellschaften und Reisebüros ist: Mit jeweils unterschiedlichen Zielen und Beweggründen machten sich etwa Wallfahrer und Händler schon seit der Antike auf den Weg. Seit dem Spätmittelalter gehen Handwerker auf die Walz, der Adel seit dem 16. Jahrhundert auf humanistische Bildungsreisen, die Grand Tours, und im Zeitalter der Romantik entdeckte das Bürgertum Erholungsreisen in die Natur für sich. Marco Polo berichtete von China, Kolumbus holte Amerika auf die europäischen Landkarten, Humboldt erforschte die halbe Welt, Goethe bereiste Italien, Lord Byron führte seine Grand Tour nach Griechenland, Le Corbusier studierte die Architektur Istanbuls.

Bildende Künstlerinnen und Künstler wiederum erhofften sich in der Moderne von Reisen in die Ferne neue Inspirationen – berühmtestes Beispiel ist wohl Paul Gauguin mit seinen Südsee-Gemälden. Aber auch weniger weit entfernte Regionen übten große Anziehungskraft aus: Seit Napoleons Ägyptenfeldzug 1798, an dem auch eine ganze Armee von Wissenschaftlern, Gelehrten und Künstlern teilnahm, wurde Nordafrika und der Nahe Osten als vermeintlich fremdartiger „Orient“ zu einem beliebten Ziel.

Paul Klee, Erinnerung an einen Garten, 1914, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf © Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Paul Klee, Erinnerung an einen Garten, 1914, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
© Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Paul Klee, Rote u. weisse Kuppeln, 1914, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf © Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Paul Klee, Rote u. weisse Kuppeln, 1914, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
© Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Neue stilistische Anregungen

Dies gilt besonders für die Kolonialzeit im 19. und 20. Jahrhundert, als zahlreiche Künstler (weniger Künstlerinnen) die Regionen bereisten – getragen von der Intention, etwas Fremdes, Ursprüngliches, Geheimnisvolles zu ergründen. Ergebnis waren eindrucksvolle Malereien, die vor Farbe förmlich sprühten. In einer Welt ohne massenhaft verfügbare Fotografie sollten diese Bilder vom Leben in Ländern wie Ägypten, Tunesien, Algerien oder Marokko berichten und schließlich auch die Vorstellung prägen, die man sich in Europa davon machte – man denke etwa an Wilhelm Gentz’s „Gebet in der Wüste“ (1869) oder Adolf Seels „Sklavenmarkt in Kairo“ (1895), die sich in der Alten Nationalgalerie befinden.

Etwas anders waren die Interessen bei Künstlern gelagert, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Nahen Osten reisten – Henri Matisse etwa oder Wassily Kandinsky, Max Slevogt und Jean Dubuffet. Viel weniger als um die ethnographische Repräsentation anderer Lebensformen (das hatte nun die Fotografie übernommen) ging es um das Finden von neuen stilistischen Anregungen, um die Weiterentwicklung der eigenen Kunst. So auch im Fall von Paul Klee (1879–1940), den es Zeit seines Lebens zwei Mal zu Studienzwecken nach Nordafrika zog: Am Beginn seiner künstlerischen Karriere fuhr er nach Tunesien, als etablierter Künstler und Lehrer am Bauhaus nach Ägypten.

Paul Klee, Strassenkaffee in Tunis, 1914, Sammlung Scharf-Gerstenberg, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jörg P. Anders
Paul Klee, Strassenkaffee in Tunis, 1914, Sammlung Scharf-Gerstenberg, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jörg P. Anders
Paul Klee, vermessene Felder, 1929, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf © Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Paul Klee, vermessene Felder, 1929, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf © Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Vor allem die knapp zweiwöchige Studienfahrt nach Tunesien mit August Macke und Louis Moilliet im Jahr 1914 ist in die Kunstgeschichte eingegangen. Die sogenannte „Tunisreise“ war zweifelsohne wegweisend für Klees Schaffen. In über vierzig Aquarellen und Zeichnungen intensiviert er die Farbigkeit und löst seine Motive weitgehend von gegenständlichen Bezügen. Dabei übersetzt er Architektur und Landschaft in stark abstrahierte, rasterförmige Farbfelder wie bei dem Aquarell „Rote u. weisse Kuppeln“. Diese neue Bildsprache ist zwar in dem wenige Wochen vor der Reise entstandenen Aquarell „Erinnerung an einen Garten“ schon angelegt – Klee selbst legt aber Wert auf die Erzählung, erst die Tunisreise habe diese Farb- und Formentwicklung mit sich gebracht. In seinem einige Jahre nach der Reise überarbeiteten Tagebuch findet sich die berühmt gewordene Passage: „Es dringt so tief und mild in mich hinein, ich fühle das und werde so sicher, ohne Fleiss. Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“ Auch in den folgenden Jahren greift er immer wieder auf die im mediterranen Klima perfektionierten bildnerischen Ansätze zurück, nun auch bei der Darstellung von mitteleuropäischer Natur wie in „Landschaft in Blau“ von 1917 oder in „Landschaft in Grün“ von 1922.

Paul Klee, Nekropolis, 1929, Museum Berggruen, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jens Ziehe
Paul Klee, Nekropolis, 1929, Museum Berggruen, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin
© Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jens Ziehe
Paul Klee, Felsenkammer, 1929, Museum Berggruen, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jens Ziehe
Paul Klee, Felsenkammer, 1929, Museum Berggruen, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Jens Ziehe

„Menschenhölle im Pflanzenparadies“

Während der Winterferien am Bauhaus 1928/29 treibt es Klee erneut nach Nordafrika, alleine bereist er Ägypten. Während er in seinen Briefen und Postkarten Enttäuschung über die dort vorgefundene Architektur und Lebensbedingungen äußert, begeistert ihn die Natur. Auf einer dieser zahlreichen Postkarten, die er gen Heimat schickt, bezeichnet er das Land als eine „Menschenhölle im Pflanzenparadies“. Vor Ort arbeitet er wenig, seine Eindrücke finden vor allem nach der Reise ihren Widerhall, wie im kurz nach der Rückkehr entstandenen Gemälde „Nekropolis“. Mit der Ägyptenreise wird das von Klee selbst als „Cardinalprogression“ bezeichnete Prinzip in Verbindung gebracht: Seine modular aufgebauten Streifenbilder, wie in „vermessene Felder“, werden auf die Aufteilung der Felder zurückgeführt, die Klee entlang des Nils gesehen hat.

Kurz vor der Pandemie-bedingten Schließung eröffneten wir im Museum Berggruen die Ausstellung „Klee in Nordafrika“, die dem künstlerischen Einfluss dieser beiden Reisen auf Klees Oeuvre nachspürt. Solange sie nicht besucht werden kann, nehmen Gabriel Montua und ich euch mit auf eine virtuelle Reise: Tunesien und Ägypten durch die Augen von Paul Klee. In regelmäßigen Abständen veröffentlichen wir Videos und Texte zu ausgestellten Werken auf den Instagram– und Facebook-Kanälen des Museums, einige Folgen dieser #virtualtour sind schon online.

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