Was machen eigentlich … Jonathan Fine und Julia Binter, Wissenschaftler*innen im Ethnologischen Museum?

Jonathan Fine und Julia Binter arbeiten mit namibischen Partner*innen zusammen, um die Sammlung des Ethnologischen Museums besser zu verstehen und gemeinsame Perspektiven für den Umgang mit ihr zu entwickeln.

Interview: Sven Stienen

Woran arbeiten Sie gerade?
Jonathan Fine: Gemeinsam mit Partner*innen aus Namibia arbeiten wir im Projekt „Confronting Colonial Pasts, Envisioning Creative Futures“ zu den namibischen Beständen am Ethnologischen Museum. Unsere afrikanischen Gäste waren fünf Monate hier und wir haben eine intensive Auseinandersetzung mit unseren Sammlungen erlebt. Dazu muss man wissen, dass die deutsche Kolonialgeschichte in Namibia besonders gewalttätig war. Es ist daher wichtig zu verstehen, wie sich diese Geschichte in den Sammlungen hier widerspiegelt. Nicht nur in dieser Hinsicht haben unsere Kolleg*innen aus Namibia ein reiches Wissen, das sie in diesen Prozess einbringen und von dem wir viel über unsere Sammlungen lernen können.

Was ist das Ziel des Projektes?
Julia Binter: Es geht darum, gemeinsam die Geschichte der Sammlung zu erforschen und ihr Zukunftspotenzial zu erkennen – zum Beispiel in Bezug auf neue Ausstellungen, etwa für das Humboldt Forum.
Fine: Es geht aber auch um die Frage, ob Objekte zurück nach Namibia gehen sollten. In den vergangenen Monaten wurden von unseren namibischen Kolleg*innen 23 Objekte aus der Sammlung des Ethnologischen Museums ausgewählt, die nach Namibia reisen und dort zunächst bis 2022 exemplarisch beforscht werden.

Es geht also auch um eine langfristige Entwicklung?
Fine: Dank der großzügigen Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung können wir das Projekt gemeinsam mit der Museum Association of Namibia, dem National Museum Namibia und der Universität von Namibia sowie mit Menschen aus unterschiedlichen Communities in Namibia realisieren. Mit diesen Partnern arbeiten wir an großen Fragen und langfristigen Entwicklungen. Wenn ethnologische Museen eine Zukunft haben sollen, müssen wir Wege finden, die Welt und ihre Menschen in all ihrer Komplexität zu verstehen – auf dem Fundament der Gleichheit. Das muss unsere Vision sein, mit der wir voranschreiten.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Fine: Er war bis vor Kurzem sehr von unseren namibischen Partner*innen geprägt. Wir haben hier mit ihnen gearbeitet, gebrainstormt und Ideen diskutiert. Das Schöne an diesem Projekt ist auch, wie verschiedene Netzwerke mobilisiert werden und dabei helfen, die Objekte in unserer Sammlung zu interpretieren und in neue Kontexte zu setzen.
Binter: Es war auch toll, mit unseren Gästen mit den 1400 Objekten unserer Namibia-Sammlung im Depot zu arbeiten. Außerdem hatten wir das große Glück, mit Cynthia Schimming eine Modekünstlerin und -historikerin aus Namibia zu Gast zu haben, die mit uns ein Kunstwerk zum Genozid an den Herero und Nama entwickelt hat, das im Humboldt Forum zu sehen sein wird.

Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Fine: Für mich war das der Moment, in dem eine unserer Kooperationspartner*innen eine Puppe aus unserer Sammlung sah und sofort fragte, wie diese Puppe wohl hierher gelangt sein mag. Wem wurde sie genommen und zu welchem Zweck? Lief das gewaltvoll ab? Die Kollegin konnte sich nicht vorstellen, dass es friedlich geschehen war. Die intimen Verhältnisse dieser Sammlung kommen sofort zum Vorschein, wenn man sie gemeinsam mit Menschen untersucht, die einen persönlichen und damit auch emotionalen Bezug zu den Objekten haben.
Binter: Für mich war es sehr bereichernd, an diesem Tisch zu sitzen und unser Wissen zusammenzubringen. Man konnte fast dabei zusehen, wie etwas Neues daraus entstand. Es gibt zum Beispiel eine andere Puppe in unserer Sammlung, deren kulturelle Bedeutung wir nicht entschlüsseln konnten. Eine der Gastwissenschaftlerinnen bemerkte aber sofort, dass die verwendeten Materialien von königlicher Qualität sind und die Puppe etwas ganz Besonderes sein muss. Eine Recherche ergab dann, dass sie um 1900 von der Königin von Odonga gefertigt wurde.
Fine: Das Beispiel dieser Puppe zeigt, dass es durchaus friedvolle zwischenmenschliche Begegnungen in der ansonsten sehr gewaltsamen deutsch-namibischen Geschichte gegeben hat: Sie fand ihren Weg in unsere Sammlung, weil die Königin von Odonga seit ihrer Kindheit eine feste Freundschaft zu einer deutschen Missionarin gepflegt hatte und ihr die Puppe als Zeichen der Verbundenheit schenkte. Diese menschlichen Funken darf man nicht vergessen.

Was würden Sie nachts allein im Museum oder im Depot tun?
Fine: Wir sind sehr oft nachts allein im Museum …
Binter: Vielleicht würde ich ein elektrisches Lagerfeuer aus Taschenlampen machen und unsere Objekte einladen, sich zu mir zu setzen und ihre Geschichten und Träume zu erzählen.

Dieses Interview erschien zuerst in MUSEUM, dem Programmheft der Staatlichen Museen zu Berlin, Ausgabe I 2020.

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