„Wie haben die das gemacht?“ – Mit dem Comiczeichner Reinhard Kleist im Museum

Es kann viele Gründe geben, ins Museum zu gehen: Zerstreuung, Bildungshunger, ästhetischer Genuss. Und manchmal auch, um dort zu zeichnen. Wir haben den Berliner Künstler Reinhard Kleist gefragt, was ihn zu den Alten Meistern zieht, und zeigen einige seiner Skizzen.

Interview: Fabian Fröhlich

Reinhard Kleist ist einer der bekanntesten Comiczeichner Deutschlands. Geboren 1970 in Hürth bei Köln, studierte er Grafik und Design in Münster. Seit 1996 lebt und arbeitet er in Berlin. Bekannt und vielfach ausgezeichnet wurde er vor allem für seine biografischen Graphic Novels wie zum Beispiel Cash – I See a Darkness (2006), Der Boxer – Die wahre Geschichte des Hertzko Haft (2011) oder Nick Cave – Mercy on me (2017). Zur Zeit arbeitet er an einer grafischen Biografie David Bowies, deren erster Teil 2022 erscheinen soll.

Porträt reinhard Kleist
Reinhard Kleist © Carlsen Verlag by Wolf-Dieter Tabbert

Bist du als Kind ins Museum gegangen?

Reinhard Kleist: Ab und zu. In Köln war ich mit meinen Eltern ein paarmal in den klassischen Museen, dem Römisch-Germanischen zu Beispiel. Und dann hat mich mein Vater, weil er dachte, ich interessiere mich ja für Kunst, ins Museum Ludwig mitgenommen, und da standen wir dann alle ziemlich ratlos vor den Kunstwerken. Mein Vater konnte mir das auch nicht so richtig erklären. Bei der modernen Kunst hat es lange gedauert, bis ich damit klar kam.

Haben dich solche Museumsbesuche irgendwie geprägt? Hat das einen Einfluss darauf gehabt, dass du dann selber Künstler geworden bist, oder war der Weg ganz anders?

Nein, der Weg war ganz anders. Als ich sehr jung war, war ich schon mit Comics beschäftigt, auch über Schulfreunde. Und davon ausgehend habe ich mich dann auch „ernsthafter“ Kunst zugewandt, Eine Zeitlang hatte ich tatsächlich eine Käthe-Kollwitz-Phase, und dann habe ich auch mit Ölmalerei angefangen, das waren so Sachen, die sich stilistisch an den Expressionisten orientiert haben, vor allem an deren Darstellungen des Nachtlebens. Während des Studiums bin ich wieder auf den Comic gestoßen, weil ich Künstler entdeckt habe, die Malerei, Comic und experimentelle Arbeiten mit dem Erzählen von Geschichten kombiniert haben. David McKean zum Beispiel oder amerikanische Zeichner wie Kent Williams, der ganz stark von Egon Schiele beeinflusst war. Schiele habe ich dann auch während des Studiums entdeckt, und er ist seitdem mein großer Gott.

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Skizzen nach Gemälden von Jacopino del Conte, Peter Paul Rubens und Francesco Solimena in der Gemäldegalerie © Reinhard Kleist
Skizzen nach Gemälden von  Pieter Codde, Peter Paul Rubens und Eustache Le Sueur in der Gemäldegalerie © Reinhard Kleist
Skizzen nach Gemälden von Pieter Codde, Peter Paul Rubens und Eustache Le Sueur in der Gemäldegalerie © Reinhard Kleist
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Skizzen nach Gemälden von Charles Mellin, Rembrandt (Umkreis) und Bronzino in der Gemäldegalerie © Reinhard Kleist

Und nachdem du nach Berlin gezogen warst, haben die Museen hier eine Rolle gespielt? Man hört ja oft, dass Leute, die hier leben, vielleicht einmal – zum Beispiel –  im Pergamonmuseum waren, aber dann 20 Jahre nicht mehr. Weil: Man kennt’s ja.

Das macht man eben meistens mit Besuch. Wenn meine Eltern hier waren, dann bin ich mit denen auch in die klassischen Museen gegangen, Pergamonmuseum, Neues Museum natürlich. Aber früher hatte ich ehrlich gesagt auch mehr Lust am Feiern, und jetzt habe ich dann auch schon mehr Lust, mir Museen anzugucken. Nicht nur in Berlin. Ich reise ja ziemlich viel, vor allem für das Goethe-Institut, und wenn ich irgendwo in einer Stadt in ein Museum gehen kann, dann nehme ich immer einen Zeichenblock mit.

Ich war mal in Kairo im Ägyptischen Museum und stand vor der Maske von Tutanchamun und habe sie abgezeichnet. Die Zeichnung ist scheiße geworden, aber den Moment, da zu stehen, den anzugucken und zu zeichnen, den werde ich nie vergessen. Da war auch sonst niemand.

Bei Tutanchamun? Niemand?

Das war kurz nach den Protesten, es gab keine Touristen, und das Museum war total leer, und ich war da wirklich fast der Einzige im Raum. Und die Aufsicht ließ mich auch gewähren. Aber wenn da jemand reinkam und die Kamera auspackte, wurde er sehr unfreundlich aufgefordert, sie wieder wegzustecken.

Und vor Kurzem war ich in Leipzig, da hängt eine von Böcklins Toteninseln, die ist jetzt nicht so einfach zu kopieren, aber ich finde es einfach großartig, da zu stehen und sich vorzustellen: Ich zeichne jetzt die Toteninsel. Das ist doch der Hammer! Dass man das kann.

Du kopierst ja auch nicht wirklich, das Medium ist ja meistens ein ganz anderes.

Ja, ich muss mich reduzieren, ich male ja in dem Sinne nicht,  ich muss das Malerische umwandeln in eine Schwarz-Weiß-Zeichnung, manchmal mit ein bisschen Farben dabei. Was mich zum Beispiel sehr interessiert, ist das Nachzeichnen von Gesichtern, von Physiognomien und Gesichtsausdrücken. Gerade die Berliner Gemäldegalerie ist so ein gigantischer Fundus von Bildern, das kann man an einem Tag gar nicht alles erfassen. Im Alten Museum habe ich auch schon gezeichnet, die römisch-griechischen Skulpturen. Oder in Sonderausstellungen. Ich mache beides: Ich gehe auch in Ausstellungen und Museen und schaue mir Sachen nur an. Und manchmal möchte ich aber auch selber etwas machen.

Wenn ich keine Lust habe oder wenn mich da gar nichts anspricht, dann kann ich auch nichts zu Papier bringen. Aber wenn ich ein Gemälde total toll finde und davon etwas in meinem Stil kopiere, dann ist dann schon auch eine andere Art, ein Bild anzuschauen. Man entdeckt dann auch viele Sachen, auf die man sonst nicht so geachtet hätte. Und man guckt auch: Wie haben die das gemacht? Bei anatomischen Studien zum Beispiel oder wenn es darum geht, wie man einen bestimmten Moment festhält.

Gibt’s das auch, dass das wie eine Flucht ist, eine Flucht vor David Bowie zum Beispiel? Im Sinne von: Ich komme nicht weiter, ich gehe jetzt erst mal ins Museum.

Ja. Eindeutig. Das habe ich auch in der Lockdown-Zeit gemerkt. Da konnte man eben nicht ins Museum gehen. Und mir hat das total gefehlt. Als ich dann wieder in der Gemäldegalerie zum Zeichnen war, war ich danach richtig aufgewühlt. Die ganze Zeit vorher hatte ich mich nur mit diesem Bowie beschäftigt und irgendwann gemerkt:  Ich kann nicht mehr, ich bin total leer, da muss wieder was reinkommen. Man kann nicht die ganze Zeit nur was rauslassen, man braucht irgendwann auch wieder Input.

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Skizzen nach Skulpturen von Anton Puchegger und Johann Gottfried Schadow in der Alten Nationalgalerie © Reinhard Kleist
Skizzen nach Werken der Alten Nationalgalerie (Adolph von Menzel, Ansprache Friedrichs des Großen an seine Generale vor der Schlacht bei Leuthen 1757; Arnold Böcklin, Der fiedelnde Tod; Arthur Kampf, Der Artist) © Reinhard Kleist
Skizzen nach Gemälden von Adolph von Menzel, Arnold Böcklin und Arthur Kampf in der Alten Nationalgalerie © Reinhard Kleist
Reinhard Kleist in der Alten Nationalgalerie
Reinhard Kleist in der Alten Nationalgalerie © Staatliche Museen zu Berlin / Fabian Fröhlich

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