Wiedergeburt in der Neuen Nationalgalerie: Die Restaurierung von David Blacks „Sky Piece“

Im Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie stand in den 1970er Jahren eine Skulptur des Künstlers David Black. Sie lag ab 1998 im Depot und soll bei der Wiedereröffnung des Hauses an ihren ursprünglichen Platz zurückkehren – doch die Arbeit stellt Restauratorin Hana Streicher und ihr Team vor besondere Herausforderungen.

Text: Sven Stienen

Die Eigenschaft vieler Kunststoffe, niemals zu vergehen, beschäftigt heute Wissenschaftler*innen weltweit. Dass es aber auch Situationen gibt, in denen gerade die Vergänglichkeit von Kunststoff zum Problem wird, beschäftigt Hana Streicher, die Restauratorin der Neuen Nationalgalerie, seit dem Sommer 2015.

Streichers Kollege Dieter Scholz, Kurator der Neuen Nationalgalerie, stolperte damals – im wahrsten Sinne des Wortes – in einem Außendepot der Staatlichen Museen zu Berlin über Elemente der Skulptur „Sky Piece“ des Künstlers David Black. „Ich fand die Arbeit sofort interessant, als ich sie zum ersten Mal in Einzelteile zerlegt sah“, sagt der Kunsthistoriker Scholz. Es entstand die Idee, das Werk zur Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie, die derzeit umfassend saniert und modernisiert wird, an seinem ursprünglichen Standort im Skulpturengarten zu zeigen.

David Blacks "Sky Piece" (1972) im Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
David Blacks “Sky Piece” (1972) im Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Eine transparente Maschine

David Black ist ein amerikanischer Künstler, der international für seine monumentalen Skulpturen bekannt ist. Seine Arbeiten greifen Elemente aus der Architektur auf, wie Säulen, Bögen und Lichtnutzung, und entfalten eine starke Wirkung auf ihre Umgebung und ihre Betrachter*innen. Anfang der 1970er Jahre lebte der Künstler im Rahmen eines DAAD-Stipendiums für zwei Jahre in Berlin und vollendete hier 1972 die Auftragsarbeit „Sky Piece“ für die vier Jahre zuvor eröffnete Neue Nationalgalerie. Die Skulptur misst 3,60 mal 6,21 Meter und besteht aus zwei Teilbereichen. Als Stützkonstruktion dienen zwei breite Stelen aus Edelstahl, auf denen zwei schmale Edelstahlträger aufliegen. Über diesen scheinen die transparenten Plexiglaselemente zu schweben: Zwölf Räder mit aufgesetzten, nach außen hin immer kleiner werdenden konzentrischen Ringen. Jeweils zwei dieser Räder sind über eine Plexiglasverbindung zu der geschlossenen Form eines Doppelrades vereint. Je drei dieser Doppelräder finden sich in zwei parallelen Reihen hintereinander angeordnet. Die Skulptur wirkt durch die verwendeten Materialien und Formen sehr technisch, fast wie eine Maschine – die sich wiederholenden runden Formen erwecken den Eindruck von Bewegung.

Das „Sky Piece“ stand von 1972 bis 1979 im Wasserbecken des Skulpturengartens, danach ging es bis 1998 als Dauerleihgabe an die Bundesanstalt für Materialprüfung in Berlin-Dahlem. Nach diesem Gastspiel wurde die Skulptur nicht wieder aufgebaut, sondern befand sich im Depot – bis Dieter Scholz sie auf seinem Streifzug 2015 „wiederentdeckte“.

Zur selben Zeit kontaktierte, in einem fast unheimlich anmutenden Zufall, der Berliner Regisseur Eric Black, Sohn des Künstlers David Black, die Nationalgalerie. „Eric Black kam auf uns zu, weil er mehr über die Arbeit seines Vaters erfahren wollte“, erinnert sich Dieter Scholz. Der Kurator stellte den Kontakt zwischen Eric Black und Hana Streicher her. Als die beiden kurze Zeit später zum Depot fuhren, um das dort lagernde „Sky Piece“ zu begutachten, erlebten sie eine unangenehme Überraschung. „Die Skulptur besteht zu großen Teilen aus Acrylglas und durchsichtigem Polycarbonat. Diese Stoffe sind über die Jahre, die sie der Witterung ausgesetzt waren, völlig opak, also undurchsichtig geworden“, erklärt die Fachfrau. „Außerdem sind einige der Metallteile inzwischen stark korrodiert.“ Black und Streicher machten eine erste Bestandsaufnahme, bei der der Restauratorin sofort klar wurde: Die Skulptur befand sich insgesamt in einem so schlechten Zustand, dass bestimmte Teile nicht mehr restaurierbar sind und komplett neu hergestellt werden müssen.

David Blacks "Sky Piece" (1972) im Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
David Blacks “Sky Piece” (1972) im Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Alte Produktionstechniken

„Das ist eine Situation, die man als Restauratorin so gut wie nie erlebt“, erklärt Streicher. Glücklicherweise lebt in diesem Fall der Künstler noch – der inzwischen über 90-jährige lebt in den USA. Über seinen Sohn Eric konnte das Team der Nationalgalerie den Kontakt herstellen und die Erlaubnis des Künstlers einholen, um ans Werk zu gehen. Dank einer großzügigen Zuwendung der Wüstenrot Stiftung wurde die freie Restauratorin Anke Klusmeier an Bord geholt, die mithalf, den gesamten Entstehungsprozess der Arbeit 1972 zu rekonstruieren, Materialeigenschaften zu recherchieren und mit dem neuesten Stand der Fertigungstechnik heute zu vergleichen. „Auf Basis unserer umfassenden Recherchen konnten wir ein Konzept für die Restaurierung entwickeln und festlegen, welche Teile aufgearbeitet werden sollen und welche hergestellt werden müssen“, erklärt Hana Streicher. Dabei war neben der materialtechnischen auch die historische Recherche wichtig, wie Streicher sagt: “Es ging vor allem darum, herauszufinden, welche Produktionstechniken 1972 angewendet wurden und ob es heute noch Firmen gibt, die diese Techniken oder ähnliche, modernere Verfahren beherrschen.” Viele Informationen bezüglich der in den 1970er Jahren konkret verwendeten Materialien, sowie die Firmen, die damals mit der Herstellung in den USA und in Deutschland betraut waren, sind glücklicherweise bekannt und in der Werkakte der Neuen Nationalgalerie enthalten.

Alle sichtbaren Elemente sollen dem Restaurierungskonzept zufolge nach Möglichkeit restauriert werden, die übrigen Elemente sollen möglichst baugleich neuproduziert werden. Die Restaurierung und teilweise Neuproduktion sollen von ausgewählten Firmen mit entsprechender Expertise durchgeführt werden.

Teile von "Sky Piece" im Depot vor der Restaurierung © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
Teile von “Sky Piece” im Depot vor der Restaurierung © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Hana Streicher und Anke Klusmeier nahmen die Skulptur genau unter die Lupe und erstellten eine minutiöse Bestandsaufnahme. Alle Elemente, die ursprünglich aus Polycarbonat hergestellt wurden und einige der Elemente aus Acrylglas müssen aufgrund ihres schlechten Erhaltungszustandes neu produziert werden. Sie sollen künftig aus dem wesentlich beständigeren Acrylglas hergestellt werden. Die sechs massiven Blöcke aus Acrylglas, über die die Hohlkörper mit dem Trägergerüst verbunden waren, werden mit einer speziellen Polierfräse überarbeitet, so dass sie wieder transparent erscheinen.
Da es sich bei vielen Teilen der Skulptur um Hohlkörper handelt, müssen auch Probleme wie Verschmutzung von Innen und Materialspannungen durch Luftdruckschwankungen berücksichtigt werden – die Hohlkörper erhalten künftig austauschbare Druckventile, die an versteckten Stellen angebracht werden.

“Ein spannender Prozess”

Die Recherche der beiden Restauratorinnen hat auch ergeben, dass die Herstellung der großen runden Formteile aus Acrylglas eine besondere Herausforderung darstellt und spezielle Maschinen und Fachwissen erfordert. „Wir haben bisher bundesweit nur eine einzige Firma gefunden, die die Produktion der Elemente wie gewünscht anbieten kann“, sagt Hana Streicher.

Teile von "Sky Piece" im Depot vor der Restaurierung © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
Teile von “Sky Piece” im Depot vor der Restaurierung © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Auch bei den Metallteilen gibt es Unterschiede im Erhaltungszustand. Alle Bauteile aus Edelstahl sollen wiederverwendet werden, ihre Oberflächen werden durch Schleifen und Polieren aufgearbeitet. Doch die Bodenplatten und die eigentliche Trägerkonstruktion, über die die Edelstahlteile gestülpt wurden, bestanden beim Original aus einfachem Stahl und sind stark gerostet. Die Rostschutzfarbe ist großenteils abgeblättert und die Korrosion hat teilweise zu Wölbungen und Kontaktkorrosion bei den Edelstahlverblendungen geführt. Hinzu kommt, dass die originale Bauweise heutigen Statik-Vorgaben nicht mehr genügt und neu konzipiert werden muss. Daher soll der Edelstahlkorpus von der ursprünglichen Innenkonstruktion getrennt und restauriert werden, während die tragende Innenkonstruktion ebenfalls aus Edelstahl neu konstruiert wird.

Die Vorarbeiten und das Konzept machen deutlich, dass noch viel Arbeit notwendig ist, um die monumentale Skulptur von David Black zu neuem Leben zu erwecken. Derzeit ist das Team um Hana Streicher und Anke Klusmeier damit beschäftigt, die entsprechenden Unternehmen zu beauftragen. „Es ist ein sehr spannender Prozess“, sagt Hana Streicher, „zum einen ist es wirklich etwas Besonderes, ein Kunstwerk zum Teil neu zu erschaffen, zum anderen ist auch toll, einen Künstler in die Restaurierung seines eigenen Werkes einzubinden.“ Für Streichers Kollegen Dieter Scholz steht das Projekt ganz im Geiste der denkmalgerechten Grundsanierung der Neuen Nationalgalerie: „Wenn Ludwig Mies van der Rohe, der Architekt der Neuen Nationalgalerie, heute noch leben und arbeiten würde, dann würde er sicher genauso vorgehen wie wir: originalgetreu erneuern und gleichzeitig neue Materialien und Technologien einbinden, um das bestmögliche Ergebnis zu erhalten.“

David Black bei der Montage von "Sky Piece" (1972) im Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
David Black bei der Montage von “Sky Piece” (1972) im Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

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1 Kommentar

  1. Richard - 2. August 2020, 20:51 UHR

    Eine spannende Aufgabe. Freue mich schon auf das Ergebnis!

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