Zehnerpack: Fenster auf!

Lüften ist eine wichtige Waffe im Kampf gegen Corona. Doch das Konzept des Lüftens ist so alt, wie die Erfindung des Fensters selbst: Klappe auf, alte Luft raus, neue Luft rein. Hier sind zehn Werke aus unseren Sammlungen, durch die ebenfalls eine frische Brise weht.

Ein Gläschen Wein am Nachmittag? Das kann nicht nur in Zeiten von Corona passieren. In Vermeers “Herr und Dame beim Wein” sitzt eine junge Frau am Tisch und trinkt Wein, das Fenster ist geöffnet und kühles Tageslicht dringt ein. Der elegante Kavalier blickt sie intensiv und abwartend an – seine Hand bereits am Weinkrug um ihr nachzuschenken. Ein eigenes Glas hat er allerdings nicht. Wie diese beiden zueinander stehen ist nicht ganz klar. Vielleicht haben sie zusammen musiziert? Noten und eine Cister liegen nämlich auf dem Tisch und einem Stuhl. Wir sind gespannt wie dieser Nachmittag für die beiden weitergeht.

Jan Vermeer: Herr und Dame beim Wein, um 1658 © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt
Jan Vermeer: Herr und Dame beim Wein, um 1658 © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

In dieser Illustration von Manet steht ein Herr am weit geöffneten Fenster und blickt auf einen anfliegenden Raben. Die Lithografie ist eine Szene aus dem Gedicht “The Raven” von Edgar Allen Poe für dessen französische Übersetzung in 1875 Manet insgesamt sechs Illustrationen anfertigte. Im Gedicht erscheint einem verzweifelten Protagonisten, dessen Geliebte gestorben ist, um Mitternacht ein mysteriöser Rabe am Fenster. Sie beginnen ein Gespräch und der Rabe beantwortet dem lyrischen Erzähler all seine Fragen – auch die, ob er seine Geliebte jemals wiedersehen wird – mit dem Wort “Nimmermehr” (“Nevermore”). Da hätte der Erzähler das Fenster wohl lieber zulassen sollen.

Edouard Manet: Der Rabe, 1875 © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz
Edouard Manet: Der Rabe, 1875 © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Dietmar Katz

Diese junge Dame am Fenster von 1497 würdigt die weite Landschaft kaum, die draußen zu sehen ist. Sie blickt den Betrachter direkt und selbstbewusst an – für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich. “Bildnis einer Frau Fürleger mit geflochtenem Haar” malte Albrecht Dürer zeitgleich mit “Bildnis einer Frau mit offenem Haar” als zusammengehöriges Dyptichon. Erst 350 Jahre nach ihrer Entstehung wurden die beiden “Fürlegerinnen” getrennt. Das zweite Abbild der vermeintlichen Katharina Fürleger, Tochter einer reichen Nürnberger Familie, hängt im Frankfurter Städel. Ob es besagte Figur je gegeben hat ist allerdings unklar. Die beiden “Fürlegerinnen” könnten unterschiedlicher nicht sein: während die Berlinerin einen fast werbenden, erotischen Eindruck erweckt, hat ihr Frankfurter Pendant einen frommen, beinah religiösen Charakter. Ob Dürer hier zwei unterschiedliche Lebensentwürfe in Szene setzen wollte?

Albrecht Dürer: Bildnis einer Frau Fürleger mit geflochtenem Haar, 1497 © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt
Albrecht Dürer: Bildnis einer Frau Fürleger mit geflochtenem Haar, 1497 © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

Warum überhaupt Fenster? Ganz ohne lüftet es sich doch am besten. Während der Engel vorne im Bild an Maria verkündet, wird der Blick schnell auf den Hintergrund gelenkt: die atemberaubende Sicht auf das Arnotal und die Stadt Florenz. Durch die Orthogonalen entsteht eine Zentralperspektive, die den Blick der Betrachter*in fesselt und in die Ferne leitet. Ein kurvenreicher Weg zieht von der Stadt zur Villa hinauf, auf dem sich Reiter nähern. Man spürt förmlich, wie die Gerüche und Geräusche der Stadt durch die offene Architektur der Villa bis hin zur Betrachter*in gelangen.

Piero del Pollaiuolo: Die Verkündigung an Maria, 1470 © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders
Piero del Pollaiuolo: Die Verkündigung an Maria, 1470 © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders

Eine sanfte Ruhe umgibt die “Zwei Mädchen am Fenster” von Georg Schrimpf. Sie lehnen am offenen Fenster, mit Blick auf die friedliche Landschaft die draußen vor ihnen liegt. Schrimpf, einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit, war Autodidakt und eigentlich gelernter Zuckerbäcker. Sein Werk zeichnet sich durch klare Umrisslinien und zarte Farbgebung aus und erzeugt eine große Ruhe. Diese steht im Kontrast zu Schrimpfs eher bewegtem (Wander-)Leben. Von 1919 an war er Mitglied der Kommunistischen Partei, 1933 wurde er Professor an der Hochschule für Kunsterziehung in Berlin-Schöneberg. Unter dem Nazi-Regime gilt er als “Roter” und seine Kunst als “entartet”, im Jahr vor seinem Tod wurde er in der NS-Ausstellung “Entartete Kunst” erneut diffamiert.

Georg Schrimpf: Zwei Mädchen am Fenster, 1937 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders
Georg Schrimpf: Zwei Mädchen am Fenster, 1937 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders

Oder ihr macht es wie Jan Six, der hier am offenen Fenster liest? So gibt’s gleichzeitig Frischluft und viel Tageslicht! Jan Six, seinerzeit Sohn einer einflussreichen niederländischen Kaufmannsfamilie, war mit Rembrandt befreundet. Der Maler hat ihn im Laufe ihrer Freundschaft sogar mehrfach gemalt. In dieser frühen Radierung von 1647 sieht man neben dem lesenden Six auch ein Wandgemälde, einen Degen und Dokumente, die auf dem Stuhl liegen. Diese Objekte sollten die verschiedenen Facetten von Six’ Leben darstellen: seine Kunstsammlung, seine Mitgliedschaft in der Bürgerwehr und sein wissenschaftliches Interesse.

Rembrandt Harmensz van Rijn: Porträt des Jan Six, 1647 © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P. Anders
Rembrandt Harmensz van Rijn: Porträt des Jan Six, 1647 © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P. Anders

Wolfgang Mattheuers Gemälde “Drinnen, Draußen und Ich” ist zwar von 1986, passt aber zu diesen turbulenten Zeiten besser denn je: Draußen wirkt es ruhig und idyllisch, doch der Wind scheint durch das offene Fenster kräftig ins Atelier zu wehen. Mattheuers Staffelei wirkt gleichzeitig als Spiegel, ebenso wie eine weitere Leinwand die rechts stehtt. In der Bildmitte zeigt die indirekten Spiegelung eine gebrochene visuelle Realität. Mattheuers Selbstbildnis verbildlicht den Kontrast zwischen innerem Chaos und Aufruhr und äußerer vermeintlicher Ruhe – und veranschaulicht mit den undurchsichtigen Perspektiven und Spiegelungen seinen vielschichtigen Reflexionsprozess.

Wolfgang Mattheuer: Drinnen, Draußen und Ich, 1986 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders
Wolfgang Mattheuer: Drinnen, Draußen und Ich, 1986 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders

Diese Miniaturmalerei aus dem 3. Viertel des 18. Jahrhunderts zeigt die Gattin des Fürsten von Oudh an ihrem Fenster stehend. Sie stammt aus der sogenannten Moghul-Schule, also aus Zeiten der indo-islamischen Moghul-Dynastie im heutigen Nordindien. Die reich verzierten Vorhänge hat die Fürstengattin nach oben gezogen. Auf wen oder worauf sie hier wohl wartet während sie leicht bekleidet am offenen Fenster steht?

Moghul-Schule: Gattin des Fürsten von Oudh am Fenster, 18. Jh © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst
Moghul-Schule: Gattin des Fürsten von Oudh am Fenster, 18. Jh © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Islamische Kunst

Mürrisch, etwas misstrauisch blickt der Protagonist dieses Fotos von Hans Bellmer aus einem kleinen geöffneten Fenster heraus. Als ob er der Welt da draußen nicht traue. Bellmer, ein wichtiger Vertreter des Surrealismus setzte sich in seinem Schaffen thematisch viel mit “La poupée”, also Puppen auseinander. Er konstruierte ganze Puppen oder Körperfragmente die er dann fotografisch in Szene setzte. Diese Fotografie ist Teil einer Mappe, drund um die Entstehung seiner zweiten Puppe in 1936.

Hans Bellmer: La poupée. Seconde Partie, 1936 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Sammlung Scharf-Gerstenberg / Jörg P. Anders
Hans Bellmer: La poupée. Seconde Partie, 1936 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Sammlung Scharf-Gerstenberg / Jörg P. Anders

Viele offene Fenster, viel frische Luft. Was jetzt noch bleibt? Hoffnungsvoll auf die Zukunft blicken! So wie die Frau von Caspar David Friedrich, Caroline, es auf diesem Gemälde tut. Caroline steht in Gedanken versunken am offenen Fenster im Atelier ihres Mannes und blickt auf die Masten zweier Segelboote und einiger Pappeln. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt nochmal tief Luft zu holen, gemeinsam die nächsten Wochen und Monate durchzustehen und dann einer positiveren Zukunft entgegen zu blicken.

Caspar David Friedrich: Frau am Fenster, 1822 © Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie / Jörg P. Anders
Caspar David Friedrich: Frau am Fenster, 1822 © Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie / Jörg P. Anders

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2 Kommentare

  1. Cat - 9. Januar 2021, 11:40 UHR

    How can I read this in English? I cannot see a translate button

    1. Redaktion - 18. Januar 2021, 16:57 UHR

      Hello,

      unfortunately, not all the articles are available in english … if there is a translation available, we always put a link to it at the top of the post.

      best regards

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