Zehnerpack: Homosexuelle Ikonen zum Christopher Street Day

Am Wochenende ist CSD oder Christopher Street Day – auf der ganzen Welt zelebrieren Menschen die Vielfalt und erinnern daran, wie LGBTQ-Menschen sich 1969 in der New Yorker Christopher Street im Stadtteil Greenwich Village gegen Diskriminierung und Polizeiwillkür wehrten. Wir nutzen die Gelegenheit, um einiger berühmter Vorreiter und Lieblinge der Community zu gedenken.

© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Karin März
Friedrich Georg Weitsch, Bildnis Alexander von Humboldt. 1806. © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Karin März

Alexander von Humboldt (1769–1859)

Der preußische Universalgelehrte hatte Zeit seines Lebens keine Beziehung mit einer Frau. Schon zu seinen Lebzeiten ging das Gerücht rum, er könne homosexuell sein. Humboldt bevorzugte stets die Gesellschaft von Männern und wies anbändelnde Frauen gekonnt ab. Auch der Dichter Theodor Fontane merkte nach der Lektüre einer Humboldt-Biografie an, dass die „sexuellen Uncorrectheiten” Humboldts verschwiegen würden.

Gemälde / Öl auf Leinwand (1850 - 1852) von  ,  Adolph von Menzel [8.12.1815 - 9.2.1905]  ,  Bildmaß 142 x 205 cm ,  Inventar-Nr.: A I 206 ,  Motiv 1 von 6 ,  Systematik:  ,  Geschichte / Deutschland / 18. Jh. / Friedrich II. der Große  / Sanssouci / Flötenkonzert, Artist: Adolph Menzel   Werbliche Nutzung nur nach Rücksprache!, Copyright: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders
Adolph Menzel, Das Flötenkonzert. 1850 – 1852. © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders

Friedrich der Große, genannt der „Alte Fritz“ (1712–1786)

Vieles deutete schon zu Lebzeiten darauf hin, dass sich der Alte Fritz dem eigenen Geschlecht hingezogen fühlte. So ließ er in seinem Schloss Sanssouci in Potsdam keine Frauen zu und lebte nach dem Tod seines verhassten Vaters von seiner Gemahlin Königin Elisabeth Christine getrennt. Im Gegenzug unterhielt er eine äußerst intime Beziehung zu seinem Kammerdiener Michael Fredersdorf, dem er etliche zärtliche Briefe schrieb. Im 18. Jahrhundert war der Umgang mit der Sexualität wesentlich freier als zu späteren Zeiten – um es mit den Worten des Alten Fritz zu sagen: „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“.

Louis Tuaillon, Amazone zu Pferde. 1890 - 95.  © Staatliche Museen zu Berlin / Andres Kilger
Louis Tuaillon, Amazone zu Pferde. 1890 – 1895.
© Staatliche Museen zu Berlin / Andres Kilger

Amazone zu Pferde

Seit 1987 steht die Bronze „Amazone zu Pferde“ von Louis Tuaillon im Kolonnadenhof auf der Museumsinsel Berlin. Die Vertreterin des mythischen Volkes spiegelt die Stärke der kämpfenden Frauen wider. 1904/05 ließ Wilhelm II. im Tiergarten Berlin einen Abguss der Bronze aufstellen. Dieser entwickelte sich ab den 60er Jahren zu einem beliebten Cruising-Treffpunkt für lesbische Frauen. Die häufig mit Amazonen in Verbindung gebrachte Doppelaxt ist seit den 70er Jahren ein Symbol der Lesbenbewegung und des Feminismus.

© Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung / Johannes Laurentius
Kolossalstatue mit Füllhorn, Schlange und Bildnis des Antinoos. 2. Viertel 2. Jahrhundert n.Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung / Johannes Laurentius

Antinoos (ca. 110–130 n.Chr.)

Der römische Kaiser Hadrian traf auf einer seiner Reisen in Kleinasien den schönen Jüngling Antinoos und nahm ihn sogleich in sein Gefolge auf. Fortan begleitete Antinoos den Kaiser auf allen Reisen. Als Antinoos in Mittelägypten in den Nil fiel und vor den Augen seines väterlichen Geliebten Hadrian ertrank, ließ der Kaiser in tiefer Trauer etliche Tempel für Antinoos errichten und erklärte ihn zur gottgleichen Person. Der Antinooskult war geboren.

Johann August Nahl d.J., Sappho und Amor. Um 1800. © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger
Johann August Nahl d.J., Sappho und Amor. Um 1800.
© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres Kilger

Sappho (ca. 617–570 v.Chr.)

Sappho wurde auf Lesbos geboren und gilt als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der Antike. Liebe, Leidenschaft und Erotik zählen zu den Hauptthemen ihrer Gedichte und Lieder. Auch der Göttin Aphrodite widmete Sappho eine Ode. Ihr Können gab sie an junge Frauen in einer von ihr gegründeten Schule weiter. Auf Sappho bzw. ihren Geburtsort Lesbos gehen die Ausdrücke sapphisch oder lesbisch für weibliche Homosexualität zurück.

Klappspiegel: Zeus entführt Ganymed. Mitte 4. Jahrhundert v.Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung / Jürgen Liepe
Klappspiegel: Zeus entführt Ganymed. Mitte 4. Jahrhundert v.Chr.
© Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung / Jürgen Liepe

Ganymed

Ganymed war in der griechischen Mythologie der Sohn des trojanischen Königs Tros und der „Schönste der Sterblichen“. Der Göttervater Zeus verliebte sich so sehr in den Hirtenknaben, dass er sich in einen Adler verwandelte und den jungen Ganymed auf den Göttersitz Olymp brachte. Dort diente Ganymed den Göttern als Mundschenk und lebte, einem Gott gleich, ewig. Sehr zum Missfallen der eifersüchtigen Hera, der Gattin des Zeus …

Ludwig Wilhelm Wichmann, Johann Joachim Winckelmann. 1844 – 1848. © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
Ludwig Wilhelm Wichmann, Johann Joachim Winckelmann. 1844 – 1848.
© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie

Johann Joachim Winckelmann (1717–1768)

Der „Vater“ der Archäologie als wissenschaftliche Disziplin war zu seinen Lebzeiten eine schillernde Persönlichkeit. Seine Abhandlung über die „Gedanken ueber die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst“ begründete den Europäischen Klassizismus und war ein Meilenstein für die Entwicklung der Kunstgeschichte. Winckelmann lebte mit einigen Männern zusammen und pflegte auch eine innige Beziehung zum Dichter Friedrich Ulrich Arwegh von Bülow, deren Ende ihn mit Bitterkeit erfüllte. Das Ende Winckelmanns verlief tragisch. Er wurde im Hotel Locanda Grande im italienischen Triest von seinem Zimmergenossen ermordet. Und auch wenn der Prozess minutiös protokolliert wurde, konnte das Tatmotiv nie geklärt werden.

Gerhard Goder, Conchita Wurst auf der Mondsichel. 2014. © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarziglia
Gerhard Goder, Conchita Wurst auf der Mondsichel. 2014.
© Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Ute Franz-Scarziglia

Conchita Wurst (*1988)

Die unter dem bürgerlichen Namen Tom Neuwirth bekannte Kunstfigur „Conchita Wurst“ gewann 2014 den Eurovision Song Contest und löste mit ihrem Auftreten als weibliche Gestalt mit Bart eine große öffentliche Debatte aus. Den Nachnamen ihrer Kunstfigur Wurst wählte sie aus „weil es eben ‚wurst‘ ist, woher man kommt und wie man aussieht“.

Hermaphrodit. Um 120 – 140 n.Chr. © Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung / Johannes Laurentius
Hermaphrodit. Um 120 – 140 n.Chr.
© Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung / Johannes Laurentius

Hermaphrodit

Dass intersexuelle Personen keine Erfindung der Moderne oder ein „Modetrend“ sind, beweisen die zahlreichen griechischen Statuen von sogenannten Hermaphroditen. Der Name geht auf den mythischen Sohn von Hermes und Aphrodite zurück. Typischerweise wird er mit weiblichen Brüsten und männlichem Geschlechtsteil dargestellt und verkörpert somit intersexuelle Schönheit und das Prinzip der fließenden Übergänge von sexueller Identität.

Sandro Botticelli, Der Hl. Sebastian. 1474. © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders
Sandro Botticelli, Der Hl. Sebastian. 1474.
© Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders

Heiliger Sebastian († um 288)

Der römische Soldat starb den Märtyrertod, weil er sich als Hauptmann der kaiserlichen Prätorianergarde öffentlich zum christlichen Glauben bekannte. Als verfolgte sinnliche Schönheit, und vielleicht auch wegen der nicht gerade subtilen Pfeil-Symbolik, gilt der Märtyrer vielen als die erste schwule Ikone und avancierte somit zum Schutzpatron der Homosexuellen.

Ab dem 5. September wird es im Bode-Museum einen Ausstellungsrundgang geben, der sich mit den Objekten der eigenen Sammlung und deren homosexuelle Hintergründe befasst. Der Ausstellungsrundgang “Der zweite Blick: Spielarten der Liebe” ist in Kooperation mit dem Schwulen Museum entstanden.

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2 Kommentare

  1. Axel Wippermann - 26. Juli 2019, 15:44 UHR

    Bitte zumindest die groben Schnitzer Ihrer Website zum CSD korrigieren:
    1. Die Chistopher Street ist kein Stadtteil. Sie liegt in „Greenwich Village“
    2. Gewehrt haben sich nicht nur Homosexuelle, sondern auch Tunten, Transpersonen, Lesben ….
    3. Eine Interperson – Hermaphrodit – ist nicht homosexuell
    usw.
    (Ihr Text ist hoffentlich nicht vom Schwulen Museum*)

    1. Redaktion - 29. Juli 2019, 15:34 UHR

      Lieber Herr Wippermann, vielen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen! Tatsächlich ist im Teaser mit Blick auf die begrenzte Zeichenzahl ein Satz stark verkürzt worden – und durch die Weglassungen wurde er dann in Teilen falsch. Wir haben Punkt 1 und 2 korrigiert. Zu Punkt 3: Nein, ob jemand intersexuell ist, sagt erstmal nichts über die sexuelle Orientierung, und die Figur des mythischen Hermaphroditos kann man kaum als homosexuell bezeichnen. Um eine “homosexuelle Ikone” zu sein, muss man unserem Sprachverständnis nach aber nach nicht homosexuell sein. Auch St. Georg war (nach allem was wir wissen) nicht schwul, er wurde aber – allein durch die Rezeption – zur schwulen Ikone. Ähnliches gilt für die Amazone zu Pferde. Die Artikelüberschrift ist ohne Zweifel vereinfachend, in unseren Augen aber nicht falsch. Und Vereinfachung lässt sich bei Überschriften kaum vermeiden.

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