Curt Glaser – Leben und Wirken eines Berliner Museumsdirektors

Seit Mai erinnert in der Kunstbibliothek eine Tafel an den ehemaligen Direktor Curt Glaser (1879 – 1943). Er prägte in den 1920er Jahren maßgeblich die Kunstbibliothek und die Sammlung für zeitgenössische Grafik des Kupferstichkabinetts. Aufgrund seiner jüdischen Wurzeln wurde seine Karriere jedoch ab 1933 von den Nazis zerstört.

Die regelmäßigen Salons, die in den 1920er Jahren im Hause Curt Glaser stattfanden, waren schon damals legendär. Stars der Kunstwelt – aus Berlin und dem Rest der Welt – gaben sich hier die Klinke in die Hand. In einer zeitgenössischen Beschreibung lässt die Journalistin Augusta von Oertzen diese Abende vor dem inneren Auge lebendig werden: „Vor dem Hintergrunde erlesener Kunstobjekte, vor vielen und ausgewählten Büchern versammeln sich Künstler, Kunstkritiker, Kunstsammler; man sitzt an kleinen Tischen, trinkt Tee und Liköre, plaudert und tanzt: Dinge, die man bei jedem Empfang tut, aber die hier von einem Fluidum persönlichen Lebens durchpulst sind.“ Doch wer war der Gastgeber Curt Glaser?

-	Ausschnitt aus der Fotoreportage im Weltspiegel des Berliner Tageblatts vom 31. März 1929.
– Ausschnitt aus der Fotoreportage im Weltspiegel des Berliner Tageblatts vom 31. März 1929.

Kunstkritiker, Publizist und Sammler
Auf den ersten Blick hat Glaser eine ganz klassische Museumslaufbahn durchlaufen. 1909 begann er als „wissenschaftlicher Hilfsarbeiter“ am Berliner Kupferstichkabinett – ein typischer Einstieg, der mit dem heutigen Volontariat vergleichbar ist. Bis 1924 blieb er dort angestellt, leitete die Sammlung für zeitgenössische Grafik, die sogenannte „Neue Abteilung“, war Assistent des Direktors Friedländer und wurde schließlich 1920 Kustos der Sammlung. Vier Jahre später wechselte er als Direktor an die Kunstbibliothek, wo er bis 1933 ihr Profil als Bildungs-, Forschungs- und Sammlungseinrichtung weiterentwickeln und schärfen konnte.

Doch Glasers Wirken beschränkte sich nicht auf die Tätigkeit am Museum: Er war zugleich auch Kunstkritiker, Publizist und Sammler. Allein seine umfangreiche Bibliografie verrät, dass er ein universeller Geist gewesen sein muss, der sich für Holbein ebenso begeisterte wie für Munch, der den Künsten Ostasiens die gleiche Aufmerksamkeit schenkte wie der altdeutschen Malerei. Seine Texte faszinieren bis heute vor allem deshalb, weil er das spezialisierte Urteil mit dem allgemeinverständlichen kulturellen Weitblick zu verbinden wusste: Sein berühmter Kritiker-Kollege Karl Scheffler brachte dies 1929 auf dem Punkt: „Gegenwärtiges und Vergangenes, Fernes und Nahes ist ihm nicht zweierlei; für ihn ist große Kunst den Bedingtheiten von Zeit und Raum im Kern nicht unterworfen.“

-	Bibliothek, Wohnung Curt und Elsa Glaser, Prinz-Albrecht-Straße 8. Ca. 1930. Landesarchiv Berlin / Fotografin: Marta Huth
– Bibliothek, Wohnung Curt und Elsa Glaser, Prinz-Albrecht-Straße 8. Ca. 1930. Landesarchiv Berlin / Fotografin: Marta Huth

Eine hochkarätige Sammlung
Schon früh, etwa ab 1910, begann Glaser, zusammen mit seiner ersten Frau Elsa Kontakte zu Künstlern in aller Welt zu knüpfen und allmählich eine imposante Sammlung aufzubauen. Erhaltene Briefe aus dieser Zeit, unter anderem von Max Pechstein, Edvard Munch und Henry Matisse, zeugen von dem beeindruckenden Netzwerk, das die Glasers im Laufe der Jahre aufbauten. Da wundert es nicht, dass Glaser in Berlin eine Persönlichkeit war, deren Stimme im kulturellen Leben Gewicht hatte. Die Wohnung der Glasers war dementsprechend ein Ort der Kultur und Anziehungspunkt der Szene in diesen Jahren – und das nicht nur aufgrund der eingangs erwähnten, regelmäßigen Empfänge und Zusammenkünfte. Auch die persönliche Kunstsammlung des Ehepaars Glaser dürfte Interesse geweckt haben. Das lässt sich besonders gut an den Fotografien von Marta Huth nachempfinden. Sie erlauben einen Blick auf die hochkarätige Kollektion, nicht zuletzt auf das berühmte Portrait Glasers von Max Beckmann.

-	Arbeitszimmer mit Gemälden von Edvard Munch, Wohnung Curt und Elsa Glaser, Prinz-Albrecht-Straße 8. Ca. 1930. Landesarchiv Berlin / Fotografin: Marta Huth
– Arbeitszimmer mit Gemälden von Edvard Munch, Wohnung Curt und Elsa Glaser, Prinz-Albrecht-Straße 8. Ca. 1930. Landesarchiv Berlin / Fotografin: Marta Huth

Curt Glasers Wirken an der Kunstbibliothek fand ein abruptes Ende, als er 1933, nur wenige Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, aufgrund seiner jüdischen Herkunft sein Amt verlor. Danach hielt ihn nichts mehr in Berlin, denn seine Frau Elsa war bereits im Jahr 1932 verstorben. Auch beruflich gab es in Deutschland nun keine Perspektive mehr für den Kunstliebhaber. Im Mai 1933 ließ er weite Teile seiner Sammlung versteigern und kehrte bald darauf Berlin den Rücken. Zusammen mit seiner zweiten Frau Maria emigrierte Curt Glaser über Stationen in Italien, Frankreich und der Schweiz in die USA, wo er 1943 verstarb.
Zur Erinnerung an den Menschen und den verdienstvollen Museumsmann Curt Glaser hängt heute in der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin eine Gedenktafel.

Text: Dorothee Wagner

Brief von Matisse an Glaser.
Brief von Matisse an Glaser.

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